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Nachwachsender Problemfall

Kategorie: Leben
 Ausgabe_06_2016 - 01.06.2016

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Palmöl ist ein billiger Rohstoff, darum findet man ihn in fast jedem zweiten Alltagsprodukt. Der bedarf steigt – und das ist für die Natur alles andere als gut, auch wenn das mit dem Begriff «nachwachsender Rohstoff» elegant verschleiert wird.

Billig, haltbar und gut zu verarbeiten, dazu eine hohe Flächenleistung. Auf einem Hektar Land kann drei bis vier Mal so viel Palmöl erwirtschaftet werden wie beispielsweise mit Raps. Letzteres ist denn oft auch ein ökologisches Argument der Lebensmittelindustrie für den Anbau von Palmölplantagen.

Palmöl wird aus den Früchten der Ölpalme (Elaeis guineensis) gewonnen. Die Heimat der Ölpalme liegt im tropischen Westafrika rund um den Golf von Guinea, wo sie schon vor der Entdeckung durch die Europäer im 15. Jahrhundert als Nutzpflanze angebaut wurde. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Ölpalme pantropisch verbreitet und wird mittlerweile aufgrund der stetig wachsenden weltweiten Nachfrage nach billigem Pflanzenöl heute nahezu in allen Tropenregionen der Erde angebaut, Tendenz steigend. Laut Schätzungen der FAO (Food and Agriculture Organisation; Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN) wird sich der globale Bedarf an billigem industriellem Palmöl im Zeitraum von 2000 bis 2030 verdoppeln. Aus Sicht der Ökologie ist das eine alarmierende Prognose.

Palmöl versteckt sich überall.
Industrielles Palmöl findet sich in etwa der Hälfte aller Supermarktprodukte. Es steckt in Schokocremes, Fertigprodukten, Kerzen, Reinigungsmitteln, Gewürzen sowie in Körperpflegemitteln und Kosmetika. Potenziell palmölhaltige Inhaltsstoffe in Lebensmitteln verbargen sich bislang hinter kryptischen Namen wie Lauryl und Stearyl, um nur zwei zu nennen, oder wurden mit Begriffen wie Pflanzenfett verschleiert. Damit ist nun Schluss, allerdings mit Einschränkungen.

Die Kennzeichnung von Palmöl in Produkten ist in der EU bereits im Dezember 2014 in Kraft getreten. Sie gilt jedoch bislang nur für Lebensmittel und mit Zugeständnissen an die Hersteller, denn alle vor dem Stichtag produzierten Lebensmittel dürfen weiterhin ungekennzeichnet verkauft werden. In der Schweiz ist es seit Anfang 2016 obligatorisch, Palmöl eindeutig zu deklarieren. Bislang liessen schwammige Bezeichnungen wie «Pflanzliches Öl» Konsumenten im Unklaren, da beispielsweise auch Raps- und Sonnenblumenöl zu den pflanzlichen Fetten und Ölen zählen.

Runder Tisch – ein Etikettenschwindel? Das meistverbreitete Nachhaltigkeitszertifikat für Palmöl ist das vom WWF initiierte RSPO-Label (Roundtable On Sustainable Palm Oil). Um eine nachhaltige Produktion und Nutzung von Palmöl zu gewährleisten, hat der Round Table Richtlinien verabschiedet, die soziale und ökologische Mindeststandards vorschreiben. Beim RSPO handelt es sich um einen Multi-Stakeholder-Prozess, und somit um freiwillige Zusammenschlüsse.

Die Erfahrung zeigt, dass freiwillige Zertifizierungssysteme schnell an Grenzen stossen, weshalb Kritiker des RSPO-Labels von «greenwashing» reden. Der Verein «Rettet den Regenwald» moniert, dass den Vorsitz des Labelvereins ein Manager des Unilever-Konzerns führt, der mit 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr zugleich auch der weltweit grösste Palmölverbraucher ist. Ferner schliesse das RSPO-Label nicht die Regenwaldrodung aus, sondern verbietet seit 2008 lediglich die Abholzung von Wäldern mit besonderem Schutzwert. Palmöl aber, das auf vor 2008 abgeholzten Schutz- und Urwaldflächen produziert wird, darf das RSPO-Label tragen.

Viele Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen haben daher bereits 2008 das RSPO-Label als Etikettenschwindel abgelehnt.

Doch Matthias Diemer rechtfertigt den vom WWF ins Leben gerufenen Round Table. Denn: «Wenn der WWF seine Umweltziele erreichen will, muss er den Markt bewegen. Ohne den Einbezug der Wirtschaft sei das nicht möglich, und die Richtlinien des RSPO seien ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Der RSPO ist aus Sicht des WWF ein Mindeststandard für den Anbau von Palmöl und kein Ökolabel. «Sein Ziel ist, die Zerstörung von artenreichen Tropenwäldern zu begrenzen», macht Diemer klar und räumt ein, dass die Standards des RSPO nicht in allen Punkten den Forderungen des WWF entsprechen. «Aus diesem Grunde», fügt er hinzu, «engagiert sich der WWF aktiv in der Palmoil Innovation Group, welche das Ziel verfolgt, Innovationen in der Palmölproduktion zu testen und umzusetzen und somit dem RSPO konkrete Verbesserungspotenziale aufzuzeigen.»

Das lässt Spielraum für Interpretationen der tatsächlichen Aussagekraft des RSPO-Labels. Von Boykottmassnahmen des umstrittenen Palmöls hält Diemer nicht viel. Sein Hauptargument: «Ein Boykott von Palmöl hätte zur Folge, dass für alternative pflanzliche Öle entsprechend grössere Flächen als bei Palmöl angebaut werden müssten, was mit weiterem Landverbrauch einhergehen würde.»

Wer als Konsument diesem Argument nicht folgen möchte, muss andere Wege gehen und braucht Alternativen. Biopalmöl wird im Gegensatz zu konventionellem Palmöl unter klaren Richtlinien angebaut, die keine Tropenwald-Rodungen erlauben. Von Bio Suisse zertifiziertes Palmöl findet man unter den Labels — Manor Bio Natur Plus, Migros Bio und Demeter.

Smarter Palmöl-Einkaufsführer
App von Codecheck.info. Dieser Einkaufsführer lässt sich auch auf Smartphones laden. Codecheck ist ein unabhängiger Verein und das grösste deutschsprachige Onlineproduktnachschlagewerk. Die App ist kostenlos sowohl für Android als auch für Apple-Geräte verfügbar.

Zauberformel: lokal, regional, saisonal. Konsumenten, die ganz auf Palmöl verzichten möchten, sind beim Einkaufen mit der kostenlosen Handy-App von Codecheck. info gut beraten. Palmölanteile können an Ort und Stelle durch Scannen des Strichcodes auf dem Artikel sofort identifiziert werden. Die App hilft auch zum gewünschten Produkt palmölfreie Alternativen zu finden, funktioniert länderübergreifend und führt neben Inhaltsstoffen auch Produktgütesiegel und Expertenbewertungen auf.

Ähnlich wie Diemer argumentiert bezüglich Palmöl auch Udo Pollmer, Lebensmitteltechniker beim Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften: «Nimmt die Lebensmittelindustrie statt Palmöl zum Beispiel Sojaöl, dann müssen ebenfalls Urwälder gerodet werden, aber deutlich mehr als für die Palmölproduktion, da dieses pro Hektar einen um ein vielfach höheren Fettertrag liefert als Soja».

Unbestritten ist Palmöl unter allen Ölen also das flächeneffizienteste. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und somit auch eines wachsenden Bedarfs an landwirtschaftlichen Rohstoffen ist Palmöl auf den begrenzten Anbauflächen daher kaum noch wegzudenken.

Trotzdem findet Pollmer gute Gründe, um gegen den steigenden Palmölverbrauch zu wettern. Vor allem Convenience Food, also Halb- und Fertiggerichte, sei daran schuld. Aber, sagt Pollmer, es gäbe einfache Lösungen, um Palmöl zu vermeiden. «Kaufen Sie tierische Fette und Butter statt Margarine. Auch Rahm und Schmalz sind gute Alternativen, aber leider werden die tierischen Fette von Ärzten und Ernährungsberatern wahrheitswidrig als gesundheitlich problematisch eingestuft.» Pollmer weiss: Gegen dieses Vorurteil vorzugehen, sei schwierig.

Surftipps
www.forumpalmoel.org
www.konsumentenschutz.ch
• www.poig.org

Foto: istockphoto.com

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