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Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2016 - 01.05.2016

Text:  Marion Kaden

Smartphones sind noch keine zehn Jahre alt, aber sie haben das Leben vieler Menschen schon folgenschwer beeinflusst. Es ist Zeit für eine digitale Fastenpause.

Ohrhörer eingestöpselt, den Blick fest auf das eigene Mobiltelefon gerichtet, vielleicht noch einen Baseball-Cap auf und eine Sonnenbrille – klarer kann der Hinweis nicht sein: Lasst mich in Ruhe! Man könnte etwas verpassen oder nicht mitreden; viele geben deshalb ihr Mobiltelefon nicht mehr aus der Hand.

Alle sind im Netz. Die reale Welt scheint nicht mehr interessant, die virtuelle umso mehr. Das allgegenwärtige Internet mit seinen vielfältigsten Onlinemöglichkeiten verändert das Leben vieler Menschen; fernsehen, Radio hören, Zeitung lesen oder ständig mit Freunden, Verwandten in Verbindung stehen, kein Problem. Bahntickets kaufen, Banküberweisungen tätigen, fast alles ist jederzeit machbar, vorausgesetzt die Internetverbindung funktioniert. «Die schweizerische Medienlandschaft befindet sich in einem tief greifenden Transformationsprozess», schreibt das Schweizer Bundesamt für Statistik. Deshalb bieten auch Fernsehen, Radio und Printmedien zusätzlich Onlineangebote an, um im Internet präsent zu sein. 89 Prozent der Schweizer Haushalte haben einen Computer (Notebooks und Tablets inbegriffen), ein Viertel davon sogar zwei oder mehr. Auch die Mobilfunknutzung ist mit 94 Prozent praktisch bei allen Schweizern angekommen.

Träge und fett. Die Einführung neuer Technologien beschäftigt auch immer mehr Wissenschaftler. Sie untersuchen beispielsweise die Einflüsse auf die menschliche Gesundheit. Die besondere Technik- und Internetaffinität der asiatischen Bevölkerungsgruppen liess sogar Regierungen umfassende Studien in Auftrag geben. Südkoreanische Studien belegten eindeutig, dass Onlinespiele oder intensives Spielen mit Spielkonsolen starke Aufmerksamkeits- sowie Konzentrationsdefizite und Abstumpfung der Gefühlswelt bei den Nutzern hervorrufen können. Das Ergebnis einer chinesischen Studie lautete: Junge Menschen, die täglich mehrere Stunden online sind, neigen zu starkem Übergewicht. Weil sie täglich zwischen drei bis acht Stunden online sind, fehlt ihnen die Bewegung. Ausserdem beeinflussen die Werbebotschaften, die den jeweiligen Onlineangeboten vorgeschaltet sind, das Essverhalten nachhaltig.

Die thailändische Regierung gab eine Studie zur Untersuchung der Facebook-Nutzung bei Gymnasiasten in Auftrag. Das beunruhigende Ergebnis: Bei vielen Jugendlichen wurde eine «Facebook-Sucht» festgestellt: Sie zeigten körperliche Stresssymptome und litten an Schlafstörungen oder Angstzuständen bei Entzug der «Droge». Die Wissenschaftler konstatierten zudem, dass Verbindungen zu den virtuellen Welten soziale Dysfunktionen wie Verhaltensauffälligkeiten nach sich ziehen, oder dass sich die Zahl realer Freunde verringert. Sogar gehäuftes Auftreten von Depressionen wurde diagnostiziert.

Digitale Demenz. Dass diese Phänomene nicht nur auf Asien beschränkt sind, zeigen bei der US National Library of Medicine nachgewiesene Studien aus dem Westen mit ähnlichen Ergebnissen. Auch westliche Wissenschaftler stellen Übergewicht, Diabetes, Haltungsstörungen oder psychische Erkrankungen fest. Neurologen und Psychiater haben den Begriff digitale Demenz geprägt. Das menschliche Gehirn ist zwar im Wesentlichen noch relativ unerforscht, doch konnten Neuropsychologen durch Messungen und bildgebende Verfahren aufzeigen: Das Gehirn unterliegt durch Gebrauch und Nichtgebrauch ständigen Veränderungen.

Die Synapsen, neuronale Verschaltungen zwischen den einzelnen Zuständigkeitsbereichen des Gehirns wie Gedächtnis, Gefühl, Orientierung, Psyche, soziale Kompetenz, werden um so voluminöser und strukturierter, je mehr sie genutzt werden. Durch eine nur oberflächliche Nutzung und fehlende Stimulation verkümmern die Synapsen aber in vielen Hirnarealen oder werden nicht mit den anderen Gehirnbereichen verknüpft. Ein Beispiel: Für den Menschen, der von seiner evolutionären Entwicklung her Sammler und Jäger ist, hat die Orientierung in Zeit und Raum eine besondere Bedeutung. Früher war es wichtig, sich zu merken, wo bestimmte Pflanzen wann wuchsen, um sie zu pflücken und etwas zu essen zu haben. Moderne Menschen übergeben ihre Orientierungsfähigkeit der Bequemlichkeit halber einem Navigationsgerät. Sie lassen navigieren, anstatt es selbst zu tun, und verlieren so wichtige Fähigkeiten. Der Orientierungssinn befindet sich im menschlichen Gehirn im Hypothalamus. Solche Störungen treten zwar bei manchen Menschen erst im Alter auf, da die Demenz zunächst kaum merklich in Etappen verläuft. Zu Beginn geht die zeitlich-räumliche Orientierungsfähigkeit, dann der soziale Bezug zu Menschen und zuletzt der Kontakt zum eigenen Ich und dessen Erinnerungen verloren.

Fasten fürs Gehirn. Die Gehirnforscher sehen in den Aufmerksamkeits- und Konzentrations-Defizitsymptomen von Kindern und Jugendlichen ähnliche Hintergründe. Bei der Vielnutzung von digitalen Medien, also nicht nur Internet, sondern auch Fernsehen oder Spielkonsolen, werden bestimmte Gehirnbereiche überanstrengt, andere hingegen kaum oder gar nicht genutzt. Medienkritiker werden nicht müde, vor den Gefahren einseitig intensiver Dauermediennutzung zu warnen und empfehlen Medienfasten. Der Mediziner und Psychiater Manfred Spitzer beispielsweise plädiert für den Gebrauch des eigenen Gehirns in alter, konventioneller Weise: Lesen, Lernen, Nachdenken – je intensiver desto besser – bringen Menschen jeden Alters nicht nur in ihrer Persönlichkeitsentwicklung weiter. Tief durchdrungene Lerninhalte würden starke Verknüpfung der Synapsen zu den unterschiedlichen Gehirnbereichen herstellen, so Spitzer. Und: Dasselbe gelte für die Gefühle. Nur durch die Auseinandersetzung mit realen Menschen könne Liebe, Empathie, Mitmenschlichkeit oder soziales Verhalten nachweislich entwickelt werden.

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