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Bitte läuten

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2016 - 01.05.2016

Text:  Angela Bernetta

Glocken verbinden Menschen und übermitteln Botschaften. Sie schallen über Stadt und Land und erregen bisweilen die Gemüter.

Magische Kräfte. Was immer mehr Menschen als lästige Lärmquelle wahrnehmen, wurde einst als Instrument genutzt. Glocken gehörten zu den ersten gestimmten Instrumenten, was ein Glockenspiel aus Südchina aus dem 5. Jahrhundert vor Christus belegt. Historiker fanden heraus, dass Klangkörper überall dort entstanden, wo Menschen Metall bearbeiteten. Sie dienten kultischen Zwecken und man schrieb ihnen magische Kräfte zu. Auf der Suche nach dem perfekten Klang passten die Glockengiesser über die Jahrhunderte die Form der Glocken ständig an. «Basierend auf Erfahrung ist die klassische Glocke dadurch klanglich immer weiterentwickelt worden», erklärt Jari Putignano von der Glockengiesserei Rüetschi in Aarau. Ob Kirchenglocke, Geschenkglocke, Schiffsglocke oder Kuhglocke, gegossen oder geschmiedet: Die Vielfalt ist immens.

«Glocken übermittelten Botschaften lange vor dem Telefon, Handy oder Internet, ja sogar noch vor dem ersten Buch», sagt Verena Naegele, die gemeinsam mit Sibylle Ehrismann die Ausstellung «Bim, Bam, Wumm – Glockengeschicht(n)» kuratiert hat, die anfangs Jahr in Aarau zu sehen war. Ende Oktober gastiert die Schau in Bern und nächstes Jahr dann in Bubikon im Kanton Zürich.

Die Christen verpönten in ihren Anfängen Glocken und verwiesen sie, wie alle anderen Instrumente, aus dem Gottesdienst. Ihren Platz im Christentum fand die Glocke erst während des Übergangs von der Antike ins frühe Mittelalter. In Mönchsgemeinschaften rief die Glocke zunächst zum gemeinsamen Gebet. Eine Aufgabe, die sie bis heute hat. Danach setzten auch weltliche Instanzen Glocken zunehmend als Signal- und Kommunikationsmittel ein. Man hängte sie an Gemeindekirchen und öffentliche Gebäude oder liess sie in Türmen baumeln. Ihr Läuten regelte über die Jahrhunderte den Tagesablauf der Menschen in Dörfern und Städten, warnte vor Katastrophen und vermeldete die Zeit. Glockengeläut rief zum gemeinsamen Gebet und begleitete den Lebensweg von Taufe über Hochzeit bis hin zum Tod. Glocken unterstützten Geistliche bei der Predigt und galten als Verbindung zwischen Himmel und Erde. In Kriegszeiten hingegen wurden Glocken abgehängt, eingeschmolzen und für die Produktion von Kriegsgeräten verwendet.

Glockengeschichte(n)
Die Glocke gilt nicht nur als ältestes Musikinstrument, sie ist auch eines der ersten Massenkommunikationsmittel. Zur Ankündigung oder Ermahnung, zur Zeitübermittlung oder Warnung – über Jahrhunderte hinweg hat das Glockengeläut religiöse Gemeinschaften verbunden und auch das weltliche Leben strukturiert und organisiert. Die Wanderausstellung «Bim, Bam, Wumm – Glockengeschichte(n)» geht der kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung der Glocke nach. Dabei wird die asiatische Herkunft ebenso thematisiert wie die heutige Verwendung und die Debatte darüber, ob Glockengeläute Klang oder Krach ist. Vom 27. Oktober bis 11. Dezember 2016 ist die Ausstellung im Kornhausforum in Bern und ab März 2017 im Ritterhaus in Bubikon zu sehen. Weitere Informationen über die Website der beiden Kuratorinnen. Infos: www.artes-projekte.ch

Symbol der Freiheit. Neben der religiösen und weltlichen Funktion hatte die Glocke stets auch eine symbolische Bedeutung. So ist die Liberty Bell, die Freiheitsglocke, die am 8. Juli 1776 während der Verlesung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia geläutet wurde, bis heute das wichtigste amerikanische Symbol für Freiheit und Demokratie. Auch die Erklärung der Menschenrechte, welche die französische Nationalversammlung am 26. August 1789 ausrief, kam nicht ohne Glocken aus, wenngleich diese die Schrift als Freiheitssymbole lediglich zierten. Die Symbolkraft der Glocke hat auch Dichter, Komponisten und bildende Künstler inspiriert. Weltberühmt ist Friedrich Schillers «Das Lied von der Glocke». Das Gedicht zieht Parallelen zwischen dem handwerklichen Glockenguss und den Möglichkeiten und Gefahren eines Menschenlebens. In der Musik spielen Glockenklänge – sei das im Originalton oder als Imitation – bis in die Moderne eine Rolle. Die englische Rockband Pink Floyd beispielsweise hatte auf ihrer «Pulse»-Tour im Jahr 1994 eine echte Kirchenglocke dabei, und die australische Band AC/DC rockt die Konzertsäle nach wie vor mit den bombastischen Klängen von «Hells Bells».


Klang oder Krach. «Im Zuge der Industrialisierung begann sich die Rolle der Glocke zu verändern», sagt Verena Naegele. Es entstanden durch Post und Presse neue Kommunikationswege, immer mehr Menschen hatten eigene Uhren. Der schneller werdende Lebensrhythmus und die damit einhergehenden Wechsel von Wohn- und Arbeitsort führten dazu, dass die weltlichen Klangbotschaften immer weniger wurden. Heute wird Glockengeläut von vielen Menschen zunehmend als Ärgernis empfunden. Während man den Lärmemissionen des Verkehrs meist ziemlich ausgesetzt ist, werden gegen das als störend empfundene Plätschern eines Brunnens oder den Glockenschlag der Kirchenuhr gerne auch einmal die Gerichte angerufen. «Die Menschen haben sich wohl auch schon früher am Geläut gestört und sich fremdbestimmt gefühlt», räumt Verena Naegele ein, «doch können Sie sich einen Jahreswechsel ohne Glockenklang vorstellen?» 

Fotos: swiss-image.ch/Andy Mettler, istockphoto.com, zvg

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