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Zeichen der Zeit

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2016 - 01.05.2016

Text:  Fabrice Müller

Das komplett renovierte Bildungszentrum der Schweizer Jesuiten, das Lassalle-Haus, setzt mit seinem Programm auf Spiritualität, Dialog und Verantwortung – zwischen den Religionen und Kulturen.

Schuhe aus. Handy aus. Warten. Wir besammeln uns vor dem Frühstück zur gemeinsamen Meditation im Zendo. Der grosse Gong erklingt. Wie ein Donnergrollen. Immer wieder. Und dringt mit seiner Schwingung durch Mark und Bein. Niklaus Brantschen, Zen-Meister und Jesuit, öffnet die Tür und bittet hinein. Do heisst auf Japanisch Raum, Zen steht für Sitzen in Meditation. Man stürmt nicht kopflos in den Raum hinein. Man spricht auch nicht dabei. Man schweigt. Dann verneigt man sich beim Eingang und faltet die Hände auf Brusthöhe. Aus Respekt vor dem Raum. Aber auch, um sich bewusst werden zu lassen, dass uns dieser Raum neue Erfahrungen ermöglichen wird. Leise schreiten wir über die für japanische Meditationsräume typischen Tatami-Matten.

Längst haben die Nerven in der Nase den Geruch des Reisstrohs erfasst. Irgendwie eigenartig. Eine Mischung aus trockenem Heu und wohlriechendem Holz vielleicht. Immer stärker wird nun auch der Duft der Räucherstäbchen, deren Rauchschwaden sich beinahe unsichtbar durch den Raum und um unsere Nasen schlängeln. Wir verneigen uns wieder. Dann setzen wir uns auf eines der runden Kissen oder auf die Meditationsschemel. Jeder an seinem Platz. Was jetzt kommt, tönt im Grunde genommen einfach. Und doch fällt es uns manchmal nicht leicht: abschalten und meditieren. Mit offenen Augen sitzen wir da, denken an nichts, konzentrieren uns auf den Atem und dürfen sein. Einfach sein.

Brücke zwischen Religionen. Was ist Zen? Was ist Yoga? Was sind Kontemplation und Exerzitien? Was ist unter Meditation und Spiritualität zu verstehen? Wie verbindet man östliche Wege und christliche Wurzeln, ohne Unterschiede auszuklammern oder unkritisch zu vermischen? Im Lassalle-Haus treffen verschiedene Kulturen und Religionen aufeinander. Die christlichen und die buddhistischen. Die jüdischen und die islamischen. Sie reiben sich aber nicht aneinander, bekämpfen sich nicht und grenzen sich nicht aus. Im Gegenteil. Sie tasten sich ab, beobachten sich neugierig, umarmen und befruchten sich gegenseitig. Alles hat Platz. Alles wird gelebt.

Als katholische Institution, die Christentum, Buddhismus und andere Religionen unter einem Dach vereint und lebt, übernehmen die Jesuiten im Lassalle- Haus in der Schweiz bewusst eine Pionierrolle ein. «Wir müssen und wollen eine Vorreiterrolle einnehmen, Experimente machen und Neues wagen, sonst haben wir als Orden und Bildungshaus keine Daseinsberechtigung», erklärt Niklaus Brantschen. Der gebürtige Walliser war ein Freund des Jesuitenpaters und deutschen Zen-Lehrers Hugo Enomiya-Lassalle. Dieser hat 40 Jahre in Japan gewirkt und gilt als Wegbereiter des Dialogs zwischen Zen-Buddhismus und Christentum.

Spiritualität, Dialog, Verantwortung.
Niklaus Brantschen positionierte zusammen mit Pia Gyger die Bildungsstätte Bad Schönbrunn 1993 zu Ehren Hugo Enomiya-Lassalles als Lassalle-Haus und setzte neue Schwerpunkte in den Bereichen Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Das heutige Programm des Lassalle-Hauses greift diese drei Schwerpunkte in unterschiedlichsten Kursen und Seminaren auf. Als Zentrum für Spiritualität vermittelt es die traditionsreichen Wege der Mystik: Zen, Exerzitien, Kontemplation, Yoga, Sufi smus, Kabbala. Sie sollen den Zugang zur Erfahrung des Transzendenten ermöglichen. Der Kurs «Nichts als Farbe» mit dem Künstler Jörg Niederberger etwa bietet sich als Neu- oder Wiedereinstieg ins Malen in einem kontemplativen Zusammenhang an. Ein anderes Angebot führt in die japanisch-chinesische Kalligrafie und die japanische Tuschmalerei, genannt «Sumi-e», ein. Im Bereich Dialog wird die Begegnung zwischen den Religionen ins Wort gefasst. Mit seiner Ausrichtung auf den interreligiösen Dialog nimmt die Institution ein zentrales Anliegen des Jesuitenordens auf. Die Verantwortung als dritter Bereich des Programms ergibt sich aus der Weltzugewandtheit der Jesuiten.

Burn-out-Prophylaxe. Neu startet das Lassalle-Haus im September den Lehrgang «Spirtual Care». Er richtet sich an Personen aus Berufen wie Medizin, Pflege, Seelsorge, Psychotherapie oder soziale Arbeit. «Spiritual Care als Inter-Disziplin will die unterschiedlichen Lebenseinstellungen von allen Betroffenen und Beteiligten beachten und spirituelle Bedürfnisse an gemessen einbeziehen», erklärt Niklaus Brantschen. Ein weiteres neues Angebot spricht unter dem Titel «Auszeit zur rechten Zeit» Menschen mit Erschöpfungssymptomen an. Es versteht sich als Burn-out-Prophylaxe. Das Angebot umfasst unter anderem Körperwahrnehmungsübungen, geleitete Meditationen, persönliche Standortbestimmungen und diverse Vorträge. Mit dem Angebot gehen die Jesuiten auf ein aktuelles Phänomen in der Wirtschaft ein, wo immer mehr Menschen den Boden unter den Füssen verlieren und ausbrennen. Doch Brantschen betont: «Wir sehen uns nicht als Bedürfnisbefriedigungsanstalt für kurzfristige Erfolge.» Er strebt bei den Teilnehmenden im Lassalle-Haus einen grundlegenden Bewusstseinswechsel an. Weg von den «Ich-lingen» hin zur Wir-Kultur, wo neue, kreative Formen des Zusammenlebens und -arbeitens möglich sind. Immer wieder äussert sich der 78-jährige Brantschen kritisch zu wirtschaftlichen und ethischen Themen. Auch in diesem Bereich sucht das Lassalle-Haus stärker denn je den Dialog mit Unternehmen und Wirtschaftsvertretern.

Harmonisch eingebettet. Das Haus verfügt über 72 einfach eingerichtete Zimmer. Hinzu kommen Meditationsräume, eine Kapelle, Seminar- und Aufenthaltsräume sowie die Küche. Ähnlich einer Skulptur sind alle Bereiche des Hauses differenziert gestaltet: die Gartenanlage mit den verschiedenen Zugängen, der kleine Friedhof der Jesuiten und der Innenhof mit Terrasse und Teich. Der gegliederte Baukörper mit seinen unterschiedlich gestalteten Fassaden aus Beton, Holz und Glas. Die Innenräume mit ihren Raumqualitäten. So bilden Gartenanlage, Baukörper und Innenräume wie bei einem Musikstück eine durchkomponierte Einheit, die harmonisch in die Landschaft eingebettet ist.

Fotos: Fabrice Müller

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