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Wie Vater, so Sohn

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2016 - 01.05.2016

Text:  Martin Arnold

Kinder kommen schon früh mit Handy, Tablet und Computer in Kontakt. Es gilt, sie über Gefahren zu informieren. Vor allem aber müssen sich Eltern bewusst sein, dass sie dabei als Vorbild fungieren.

Andreas Butz, Mitarbeiter beim Kinderschutzzentrum St. Gallen, sagt: «Die Eltern sind das wichtigste Vorbild.» Er lässt diesen Satz ohne Fortsetzung nachklingen. Es ist die einfachste aller Erziehungsregeln und muss trotzdem ständig wiederholt werden. Das Kinderschutzzentrum, das der Stiftung Ostschweizer Kinderspital angeschlossen ist, unterstützt und berät Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler ab der dritten Primarklasse bis zur dritten Oberstufe zum Thema Kinder und Computer. Die Präventionsberatung beinhaltet einen Schulbesuch, eine Lehrer- und Lehrerinnenweiterbildung und einen Elternabend.

Kurz ein SMS schreiben. Andreas Butz kann bei seinen Schulbesuchen auf den mittlerweile grossen Erfahrungsschatz des Kinderschutzzentrums zurückgreifen. So weiss er beispielsweise, wie gross die Not Jugendlicher werden kann, wenn sie auf falsche Freunde im Internet gestossen sind und erpresst werden. Aber auch gute Freunde können zur Belastung werden. Das erlebte eine Angestellte des Kinderschutzzentrums bei einem Jugendlichen, der eine enge Begleitung durch die Behörde benötigt. Als sie abends um zehn zu Besuch kam und er am Handy eifrig tippte, fragte sie nach. Er würde Hausaufgaben machen und nur kurz ein SMS beantworten. Die Kontrolle des Telefons ergab: Der Jugendliche hatte in den letzten zwei Stunden 400 SMS erhalten und auf viele geantwortet. «Für die Schule bleibt da natürlich keine Zeit», erklärt Andreas Butz.

Heikle Kontrolle. Eine so intensive SMS-Tätigkeit ist sonst eher mädchentypisch. Sie nutzen das Handy zur Kommunikation und zum Chatten. Dort tummeln sie sich in Foren, bei denen am anderen Ende des Übertragungsweges Menschen – nicht selten Männer – sitzen, die ihr Alter, ihr Geschlecht und ihr Aussehen gerne virtuell modifizieren. Manchmal motivieren sie die Mädchen dazu, sich leicht oder gar nicht zu kleiden. Die Problematik ist bekannt; Eltern sollten sich für diese Informationskanäle interessieren und darauf achten, welche Fotos die Kinder ins Netz stellen. Andreas Butz: «Die Eltern unterschätzen die Gefahr tendenziell. Auf der anderen Seite veranlassen Verbote die Kinder, ihre Aktivitäten zu verheimlichen.» Die Eltern sollten einen Weg finden, einen Überblick über die Netzaktivitäten ihrer Kinder zu haben, ohne dass dies wie eine Kontrolle wirke.

Nicht wesentlich geringer sind die Prozentsätze bei der unangenehmen Erfahrung, dass jemand gegen den Willen eines Betroffenen Fotos ins Internet geladen hat. Snapshot, das Programm, das übermittelte Fotos nach einigen Sekunden löscht, ist nicht hilfreich. Ein Mitarbeiter im Kinderschutzzentrum ist schon auf einen Jugendlichen gestossen, der von den übermittelten Bildern sofort ein Bildschirmfoto machte und so 500 Bilder speicherte – teilweise mit intimem Inhalt. Das Beispiel verdeutlicht die Bedeutung der Medienkompetenz bei Jugendlichen. Sie müssen wissen, womit sie sich beschäftigen, wo die Chancen und Gefahren sind. Das Nationale Programm «Jugend und Medien» hat dazu «Goldene Regeln» publiziert. Eine Faustregel ist: kein Bildschirm unter drei Jahren, keine Spielkonsole unter sechs Jahren, kein Internet unter neun Jahren und kein unbeaufsichtigtes Internet unter zwölf Jahren. Eine ganze Reihe Regeln betreffen das Engagement und die Vorbildfunktion der Eltern.

Schlechte Vorbilder. Dass man als Eltern mit gutem Beispiel vorangehen muss, rufen auch die Mitarbeitenden des Elternnotrufes besorgten Vätern und Müttern in Erinnerung. Der Elternnotruf, dem die Kantone Zürich, Bern, Aargau, Zug und Graubünden angeschlossen sind, empfiehlt gerätefreie Schlaf- und Essenszeiten. Geschäftsleiter Peter Sumpf erklärt, der Elternnotruf werde relativ häufig wegen des Umgangs mit Mediengeräten kontaktiert. Hauptsächlich betreffe es die Quantität. «Die Eltern klagen, die Kinder würden kaum noch rausgehen, sich isolieren und selbst nachts sich nur noch mit dem Handy oder der Spielkonsole beschäftigen. Sie sind süchtig.» Das ist mitnichten nicht nur ein Problem bei Jugendlichen. Die Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums in St. Gallen haben von Kindern schon öfters den Wunsch gehört, die Eltern mögen wenigstens während des Mittagessens das Handy weglegen und sich mit ihnen unterhalten.

Die meisten Klagen beim Elternnotruf betreffen Computerspiele. An zweiter Stelle steht die intensive Beschäftigung mit sozialen Netzwerken. Deutlich weniger häufig sind inhaltliche Probleme, zum Beispiel mit Nacktaufnahmen in sozialen Netzwerken oder Gewaltspielen. Die Mitarbeiter des Elternnotrufes schlagen den Anrufern vor, mit ihren Kindern irgendeine Form von Begrenzung und geregelter Nutzung auszuhandeln. Peter Sumpf vom Elternnotruf: «Anstatt strikte Grenzen zu setzen, die nicht eingehalten werden, ist es vorerst wichtig, ein kleineres Ziel zu vereinbaren, das dann aber auch erreicht wird.» Schülerinnen und Schüler beschäftigt der Übergang von der virtuellen in die reale Welt beispielsweise, wenn sie eine Internetbekanntschaft treffen wollen. Andreas Butz: «Die Kinder sollen dann unbedingt die Eltern informieren. Wir sagen ihnen, dass auch sehr viele Erwachsene sich über Parship und andere Plattformen im Internet kennenlernen. Sie sollen sich das erste Mal an einem öffentlichen Ort treffen und von einer erwachsenen Person begleiten lassen. Wenn alles in Ordnung ist, kann sich diese Person zurückziehen.»

Eine Gebrauchsanweisung. Andreas Butz vergleicht seine Arbeit mit der Erläuterung einer Gebrauchsanweisung: «Ich informiere die Schülerinnen und Schüler, worauf sie bei der Nutzung der elektronischen Medien achten müssen.» Während die Jungs früher für ein Sexmagazin ganze Altpapierberge durchforsteten und Horrorfilme mühsam unter der Ladentheke im Videoladen bezogen werden mussten, sind heute extreme Pornos und Gewaltfilme überall verfügbar – auch im Kinderzimmer. Mobbing habe es schon früher gegeben. «Kinder wurden auf dem Schulweg verprügelt. Doch dieses Mobbing machte vor der Haustüre halt. Heute dringen Beleidigungen und Kränkungen bis ins Kinderzimmer – ein Pips auf dem Handy genügt», erklärt Andreas Butz.

Foto: istockphoto.com

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