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Zaun, Hund, Hexe

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2016 - 01.04.2016

Text:  Thomas Widmer

Für Thomas Widmer hat jeder Zaun eine Geschichte zu erzählen – von behüteten Eichhörnchen, verschmutzten Briefen und bösen Geistern.

Vor Jahren ging ich mit dem Appenzeller «Blässli» meiner Schwester wandern. Meine Eltern schlossen sich an. In der Nähe von Wolfhalden wollte Bella am Zaun einer Weide mit Alpakas schnuppern. Der Draht war elektrisch geladen. Ein hohes Wimmern, ein Heulen, Bella schoss in Panik davon. Wir suchten sie stundenlang, vergeblich. Am nächsten Tag rief die Polizei an. Bella hatte sich in einem offenen Keller verkrochen. Der Hausbewohner entdeckte sie am Morgen. Als wir Bella abholten, wedelte sie matt mit dem Schwanz. Es dauerte Tage, bis sie wieder normal war.

Beim Stichwort «Draussen sein» kommt mir sofort das Wort Zaun in den Sinn. Es muss daran liegen, dass ich über die Jahrzehnte mit Zäunen viel erlebt habe. Als Kind baute ich im Wald aus dünnen Ästen kleine Hüttchen von vielleicht 30 Zentimetern Höhe; sozialer Wohnungsbau für Eichhörnchen. Natürlich zog ich jedes Mal auch einen Zaun aus Zweigen um das Hüttchen. Familie Eichhörnchen sollte sich drinnen sicher fühlen vor den Feinden draussen.

Dann kam die Zeit, als ich als Kantischüler, später als Student briefträgerte. Auf meiner Tour rund um das Dorf Hundwil waren etliche Zäune zu übersteigen. Einmal rutschte ich im Regen auf einer Holzstufe, die über einen Zaun helfen sollte, aus. Ich stürzte kopfüber in den Matsch. Die aus der Ledertasche katapultierte Briefpost war dreckverschmiert.

Zäune können nerven, Freude bereiten, traurig machen, jawohl. Glücklich machte mich im Sommer der historische Scherenhag zwischen Küblis und dem Durannapass, ein Wunderwerk scheinbar aus der alemannischen Frühzeit. Übel hingegen fand ich das Plastik-Maschen-Geflecht in Schöftland, in dem sich ein junges Schaf verheddert hatte; wie jämmerlich es blökte! Der Trend zum Kunststoff-Zaun ist unaufhaltbar; er ist halt leicht, ein Kind kann ihn umstecken. Und er fault nicht. Der Bauer, der im Frühling den Holzhag kontrolliert und verrottete Pfähle ersetzt: ein Auslaufmodell.

Seit es Menschen gibt, legen sie Zäune an um ihr Eigen. Oberhalb von Zurzach liegt der Achenberg, ein alter Steckhof. Ich musste das Wort nachschlagen, als ich es zum ersten Mal las. Wenn im Mittelalter einer in der dörflichen Bauerngemeinschaft keinen Platz fand, siedelte er weit draussen. Als erstes errichtete er einen Steckenzaun um das erwählte Stück Boden. Besitzdenken und Magie ergänzten sich, es ging auch darum, böse Geister fernzuhalten.

Der Volksglaube besagt, dass es in Haghecken eine Pforte zur Unterwelt geben kann. Dazu passt, dass im Wort Hexe der Hag steckt; die Hexe ist eine Hagsitzerin. So ein Zaun ist auf keinen Fall banal. Man denke daran, das nächste Mal da draussen.

Zur Person
Thomas Widmer schreibt im «Tages-Anzeiger» die Wanderkolumne «Zu Fuss».



Illustration: istockphoto.com

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