Artikel Leben :: Natürlich Online Gemächlich | Natürlich

Gemächlich

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2016 - 01.04.2016

Text:  Eva Rosenfelder

Wer auf Flüssen reist, erfährt eine gelassene und höchst angenehme Reiseart – und bekommt erst noch einen neuen, ungewohnten Blick auf Landschaften und Städte.

Auf zu neuen Ufern. Sich an Kunst, Kultur oder Naturerlebnissen erfreuen und gleichzeitig an Bord eines Schiffes verwöhnen lassen: Das ist eine Art des Reisens, die immer mehr Menschen, vorwiegend aus dem Segment der «langsam Ergrauten» – lockt und begeistert. Flussreisen sind zunehmend im Trend; Das Angebot wird immer grösser und vielseitiger. Auch lassen sich immer mehr Flüsse mit einem Kreuzfahrtschiff befahren. Zielpublikum sind kulturinteressierte, eher gebildete Menschen ab fünfzig. «Sie sind es auch, die über genügend Zeit und Geld verfügen und gemächliches Reisen schätzen», so eine Mitarbeiterin von Reisebüro Mittelthurgau, einem der Anbieter von Fluss reisen.

Schauen, staunen, träumen. Auf der Donau zum Beispiel kann man still dahingleiten und sich gemächlich historischen Städten wie Passau, Wien, Budapest und Bratislava nähern. Man kann staunen über Naturwunder wie das Eiserne Tor, diesen imposanten Flussverlauf zwischen Serbien und Rumänien, das Donaudelta, dieses riesige Naturschutzgebiet bei der Flussmündung am Schwarzen Meer. Auch ausserhalb Europas gibt es viele Angebote, Landschaften, Menschen und Kulturstätten auf dem Flussweg zu entdecken, sei es auf dem Mississippi, dem Nil oder dem Amazonas. Im Frühling sind Rheinfahrten zur Tulpenschau in Amsterdam beliebt: Während der viertägigen Reise nach Holland bleibt genug Zeit, die Seele baumeln zulassen und beim Passieren des sagenumwobenen Loreley Felsens wird sich manch ein Flussreisender das hundertfach vertonte und zitierte Gedicht Loreley von Heinrich Heine in Erinnerung rufen und abtauchen in die Welt der Mythen und Träume.

Das sanfte Reisen auf dem Wasser sorgt für Entspannung – vor plötzlich aufkommendem starkem Seegang und den unliebsamen Folgen braucht sich kein Reisender zu fürchten. Für einmal kann man sich im übertragenen Sinn einfach treiben lassen. Es gibt nichts zu kontrollieren, trotzdem kann man bei einer Flussreise täglich Neues und Unerwartetes erleben. Je nach Bedürfnis gibt es Angebote vom Alternativ- bis zum Luxusbereich. Ob Velo- oder Naturfreund, ob Geniesser auf der Suche nach kulinarischen Höhenflügen oder Wellness: Alles ist möglich. Die positiven Nebenwirkungen sind stets die gleichen: Ohne jegliches Dazutun stellt sich Entschleunigung ein. Alles fliesst.

Natürliche Reisewege. Flüsse waren seit jeher Quellen für Fruchtbarkeit und Gedeihen und liessen nicht zuletzt Handel und Wohlstand erblühen. Als natürliche Reisewege waren und sind sie pulsierende Lebensadern, die mit der Sehnsucht nach Veränderung, Unterwegsein und Ferne in Verbindung gebracht wurden. An den grossen Flüssen wie etwa dem Ganges, Euphrat- Tigris oder Nil entstanden um 3000 vor Christus die berühmten Kulturen der Alten Welt. Kein Wunder verehrte man in vielen Religionen die Flüsse als Gottheiten. Im Buddhismus und Hinduismus gilt das Zusammenfliessen aller Gewässer im Meer als Symbol für das Aufgehen im Nirwana. Wunderschön beschrieben wird dies in Hermann Hesses «Siddhartha», der in den Wellen des Flusses die Vielheit der psychischen Erscheinungen schaute.

Beglückender Moment. Im Judentum, Christentum und Hinduismus existieren Vorstellungen von vier Paradiesflüssen, welche in die vier Himmelsrichtungen fliessen und so das horizontale Kreuz der irdischen Welt bilden. Sie sollen aus einer Quelle am Fuss des Lebensbaums entspringen. Das Tao der altchinesischen Philosophie wird mit einem Fluss verglichen und bedeutet, mit dem Lebensstrom verbunden zu sein. Auch C. G. Jung sah das fliessende Wasser als ein Symbol des unerschöpflichen Unbewussten. Er sprach vom Fluss der psychischen Energie des Menschen, der wie ein stetig sich erneuernder Quell vermöge, die Psyche zu regulieren. Der amerikanische Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi beobachtete verschiedene Lebensbereiche des Menschen und entwickelte daraus seine Flow-Theorie. Sie beschreibt den beglückenden Moment völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, die wie von selbst vor sich geht. Einen Zustand, den man von Kindern kennt und der vielen in dieser geschäftigen Welt der tausend Eindrücke mehr und mehr abhandenkommt. Ob es die Sehnsucht nach diesem «heiligen» Sein ist, die immer mehr Menschen aufs Wasser zieht?

Oder sind es doch vielmehr die Naturschönheiten wie die Loreley am Rhein, die Halong-Bucht in Vietnam oder die scheinbar unendlichen Tiefen des Regenwaldes im Amazonas-Gebiet, die den Flussreisenden locken? Sicher ist, es gibt viele Flüsse zu entdecken und zu bereisen. Nicht jeder Fluss und jede Reise führt zum Meer, doch das leise Plätschern und das langsame Vorüberziehen der Landschaft versetzt den Reisenden in einen Zustand, der dem stetigen und gemächlichen Strömen des Wassers ganz ähnlich ist. Alles fliesst. 

Literaturtipps
Erwin Städeli: «Leuchtturm ahoi!», «Fit und Flopp – Aktivferien mit einigen unerwarteten Pannen», «Aktivferien auf der blauen Donau», «Drehbrücke geschlossen», Alpeninsel-Verlag

Fotos: istockphoto.com, fotolia.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Lüstern ohne Reue

Sex ist die schönste Nebensache der Welt. Der Gipfel der Lust: das Liebesspiel...

Kategorie:

Kategorie: Leben

Stört Sie dieses Paar?

Während gewisse Länder strikte gesellschaftliche Regeln haben, sind andere...