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Ihre Muskeln, Herr Libsig

Kategorie: Leben
 Ausgabe_01/02_2016 - 01.02.2016

Text:  Simon Libsig

Ambitionen und gute Vorsätze sind eine heikle Sache: Simon Libsig wollte es seiner Personaltrainerin gleichtun – und endete beinahe auf dem Operationstisch.

Es war eine ziemliche Organisiererei – für meine Mutter. Ich selber war ja komplett ausser Gefecht gesetzt. Ich konnte nicht einmal mehr mit dem kleinen Finger oder der Zeh wackeln, mein ganzer Körper war ein einziger pochender Schmerz.

Zum Glück hatte meine Mutter einen Schlüssel für meine Wohnung fürs Pflanzengiessen und Katzefüttern, wenn ich einmal in den Ferien war. Oder für Notfälle. Und ein Notfall war das allemal. Drei Tage war ich schon im Wohnzimmer auf dem Boden gelegen, als sie vorbeikam, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte keine Antwort auf Anrufe und SMS gekriegt und sich Sorgen gemacht. Nun, das Bild, das ich abgab, wird sie wohl so schnell nicht mehr vergessen können. Halb nackt, nur in Turnhosen, die Arme und Beine unnatürlich verdreht, die Muskeln allesamt am Zittern und Hüpfen, als würden sie mit Elektroschocks gereizt.

Ich solle blinzeln, sagte sie, wenn ich sie verstehe. Einmal für Ja und zweimal für Nein. So haben wir uns schliesslich verständigt. Die Augenlider waren das Einzige an meinem Körper, das ich noch bewegen konnte. Das blieb auch noch ein Weilchen so, eine qualvolle Woche lang. Ohne den Physiotherapeuten, die Masseurin und den auf Traumata spezialisierten Psychologen hätte ich es schlichtweg nicht geschafft. Aber eben, für meine Mutter war das eine ziemliche Organisiererei.

Der Fernseher sei noch an gewesen und die DVD im Ruhe-Modus. Obwohl Ruhe-Modus wohl der falsche Ausdruck sei. Im Gegenteil. Laut, laut sei das gewesen. Oder vielmehr sie. Diese langhaarige und dünnbeinige Fitness-Kanone, die da über den Bildschirm geturnt sei. Und immer wieder «Auf gehts! Push, push!!», hätte die gerufen und Hanteln scheinbar mühelos in die Höhe gestemmt. Nun, unter einer solchen Hantel hatte mich meine Mutter hervorretten müssen. Beim vierten «Push!!» waren meine Handgelenke eingeknickt wie Amateurverbrecher bei einem knallharten Verhör.

Nächstes Mal solle ich besser das Anfänger-Level wählen, meinte der Arzt, als er die Röntgenbilder vor den Leuchtkasten klemmte. Die gute Nachricht: «Kein einziger Knochen ist gebrochen. Sie leiden unter einem ganz normalen Muskelkater, Herr Libsig.»

Pah! Selber Anfänger-Level, dachte ich. Allein auf der rechten Seite müssen mehrere Rippen angeknackst sein, das spüre ich doch, dieser Schmerz ist zu abartig. Und von den Oberschenkeln, den Unterarmen oder der ganzen Schulterpartie wollen wir gar nicht erst reden. Meine Mutter suchte mir die Nummer eines Spezialisten heraus und bestellte ein Taxi. Muskelkater! Lächerlich! Ich würde eine Zweitmeinung einholen.

«Push!», sagte der Spezialist, «push!» und hob die Hände mehrmals über den Kopf. «Einfach weitertrainieren», Herr Libsig, «push! push!!». Jetzt flogen seine Hände nach vorne: «Beim nächsten Mal tuts schon weniger weh.»

Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch



Foto: Lin Mei / flickr / cc

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