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Sinnvoll Schenken

Kategorie: Leben
 Ausgabe_12_2015 - 01.12.2015

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Geschenke sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. Der Austausch von Gaben formt ein soziales Netz aus Geben und Nehmen, das uns auf Dauer zusammenhält. Ein durchdachtes Geschenk zeigt: «Du bist mir wichtig.»

Autos, schrill-bunte Zauberfeen, Barbiezubehör, Lego- und Playmobil-Baukästen, Plüschtiere für eine ganze Arche Noah, Bastelsets, Computer- und Gesellschaftsspiele: Die Menge an Spielsachen in den Regalen macht nicht nur Kinder beinahe närrisch. Auch Eltern, Tanten, Onkel, Gotten, Göttis, Oma und Opa können leicht etwas irr werden, wenn sie dem überbordenden Angebot in den Spielzeugabteilungen gegenüberstehen. Besonders zur Weihnachtszeit. Man möchte den Kindern eine Freude bereiten, etwas kaufen. Doch wie findet man etwas sogenannt Sinnvolles? Und wie kann man sich der ganzen Materialschlacht entziehen?

Brief ans Christkind. Bei der Frage nach dem quantitativen Angebot von Spielsachen im Kinderzimmer ist die Antwort einfach: weniger ist mehr. Denn überflutet mit Reizen, bietet neues Spielzeug Kindern oft nur ein kurzes Glück. Sie lassen sich schnell ablenken, wechseln von einer Sache zur nächsten. Fachleute raten daher, nur wenige Spielsachen anzubieten, die das Kind allerdings dazu anregen sollen, sich über einen längeren Zeitraum in ein Spiel zu vertiefen. Wer sinnvoll schenken möchte, sollte sich also nicht vom riesigen Angebot voreilig verführen lassen, sondern sich vor dem Gang ins Warenhaus genügend Zeit nehmen und das Kind vorher beim Spiel gut beobachten. Womit beschäftigt es sich aktuell? In welcher Entwicklungsstufe ist es? Welche Anregungen braucht es?

Stimmt das Angebot, entwickeln Kinder kreativ neue Spielmöglichkeiten aus dem Fundus, den sie haben. Je nach Alter des Kindes können bereits vorhandene Spielsachen sinnvoll ergänzt werden wie etwa ein neues Kleid für die Puppe oder weitere Bauteile. Ein gemeinsam geschriebener Brief an das Christkind bietet Eltern eine schöne Gelegenheit, Einblicke in die Bedürfnisse und Sehnsüchte ihrer Kinder zu gewinnen. Auch wenn dies freilich kein Kind auf den Wunschzettel schreibt: «Zeit ist eines der wichtigsten Geschenke an Kinder und Enkel», erklärt die Kinderpsychologin Andrea Mohapp der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde. Zeit, um beispielsweise zusammen zu spielen. Für den weihnachtlichen Gabentisch empfehlen sie vor allem Gesellschaftsspiele. «Spiele sind ein gutes Training sozialer Kompetenzen wie das Lernen zu warten, das Beobachten von Emotionen und Gesichtszügen, sich an Spielregeln zu halten und verlieren zu lernen.» Zudem stärke das gemeinsam mit Eltern und Grosseltern erlebte Spiel den familiären Zusammenhalt.

Zusammen spielen. Auch für Andrea Mohapp ist klar, zu viele Geschenke unter dem Christbaum sind eine Überforderung – vor allem für kleinere Kinder. Stattdessen rät sie, dass mehrere Verwandte gemeinsam ein grösseres Geschenk kaufen sollten. So lassen sich überdies auch kostspieligere Wünsche wie ein Puppenhaus, eine Modelleisenbahn oder die Autorennbahn realisieren. Und auch hier gilt: Die Erwachsenen sollen sich Zeit nehmen, um das neue Spielzeug gemeinsam mit den Kindern aufzubauen und auch um mit ihnen zu spielen.

Die Losung «weniger ist mehr» gilt nicht, wenn es um Bücher geht. Das heisst freilich nicht, dass man dem Kind zu Weihnachten stapelweise Bücher schenken soll, doch Lesen fördert nachhaltig die Entwicklung und regt an. «Kinder lernen beim Lesen, wie Figuren in einer Geschichte Probleme lösen, mit sozialen Konflikten und mit Ängsten umgehen», erläutert Mohapp. «Nehmen Sie sich als Erwachsener die Zeit, mit den Kindern über die Geschichten zu reden, damit das Gelesene auch aufgearbeitet werden kann.» Lernbücher wie «Tiere auf dem Bauernhof» oder «Erklär mir ein Museum» können mit einem Ausflug zu einem Bauernhof oder ins Museum ergänzt werden. Auf diese Weise wird das Gelesene ideal mit realen Eindrücken und Erlebnissen verbunden.

Vor dem Kauf testen. Etwas Gebrauchtes zu verschenken, empfinden wohl die meisten Leute als unschicklich. Nichtsdestotrotz sind Tauschbörsen eine sinnvolle Plattform, um gut erhaltenes Spielzeug weiterzugeben und neue Spielsachen preisgünstig zu erwerben. Den Trend zur Mehrfachnutzung haben auch Spielzeugbibliotheken längst erkannt. Bereits 1972 wurde die erste Ludothek in der Schweiz gegründet. Fünf Jahre später waren es landesweit bereits 37. Zu jener Zeit war der Slogan «Jute statt Plastik» sehr populär. Für Monika Hochreutener, Mitarbeiterin in der Ludothek Winterthur, ist klar: «Der damalige Gedanke der Nachhaltigkeit war so etwas wie der Startschuss für unsere Ludothek.»

Ludotheken bieten zudem eine gute Gelegenheit, ein Spiel auszuprobieren, bevor man es selbst kauft. «Die Kundschaft zieht sich durch alle Bevölkerungs- und Einkommensschichten», sagt Monika Hochreutner. Neben dem  nanziellen und nachhaltigen Aspekt führt sie auch ein erzieherisches Argument an: «Kinder müssen lernen, Sorge zu fremden Sachen zu tragen und sich von Liebgewonnenem wieder zu trennen.» Wer keine Ludothek in seiner Nähe hat, findet auch im Internet Spielzeugvermieter. Das Prinzip «Tauschen, Teilen, Leihen» schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch Umwelt und Ressourcen. Weshalb also nicht eine Jahreskarte für die Ludothek und/oder die Bibliothek schenken?

Götti eines Huhns. In einer stark konsumorientierten Welt wird es immer schwieriger, sinnvoll und mit gutem Gewissen zu schenken. Eine alternative Geschenkidee könnte auch eine Kinder-Patenschaft über Caritas oder die Unicef sein; das Geld wird je nach Projekt für lebenswichtige Impfungen, Bildung oder Nahrung verwendet.

Viele Entwicklungs- und Umweltorganisationen bieten ganz unterschiedliche Patenschaftsmodelle an: Sogenannte Naturinvest-Geschenke, in Form einer Tier- oder Baumpatenschaft, setzen neue Akzente. Sie verschieben die Blickrichtung und bringen vielleicht auch eine emotionale Seite zum Schwingen. So hat Nachhaltigkeit auch dort eine Chance, wo sich rationale Argumente schwertun. Ein nachhaltiges Geschenk kann geschickt Ökologie, Ökonomie sowie soziale Aspekte miteinander verbinden und Kinder für Umweltthemen sensibilisieren. «Eine Tierpatenschaft ist für ein Kind, das keine Möglichkeit hat, ein eigenes Tier zu halten, eine wunderbare Gelegenheit, dennoch einen Bezug zu einem Tier aufzubauen», erläutert Nicole Egloff von Pro Specie Rara. Ob Engadinerschaf, Wollschwein, Appenzeller Barthuhn oder Hinterwälder Rind, viele der durch Pro Specie Rara vertretenen Tiere sind nur noch selten anzutreffen. Eine Patenschaft unterstützt die Erhaltung dieser bedrohten Nutztierrassen. «Wir versuchen, ein Tier möglichst in der Nähe des Beschenkten zu finden, damit das Kind sein Patentier auch besuchen kann.»

Wer sich für eine Baumpatenschaft über Forestfinance entscheidet, unterstützt nicht nur den Kampf gegen die Rodung der Regenwälder, man kann auch in einen Geschenkbaum investieren und bekommt sogar etwas zurück. Der Baum wird gepflanzt und 25 Jahre lang gepflegt. Ein Teil des Verkaufserlöses wird nach Ablauf der 25 Jahre an den Investor ausbezahlt. «Tue Gutes und verdiene daran», dieses Prinzip liegt auch der Idee des Baum-Sparvertrags zugrunde, bei dem man in ökologische Nutzholzaufforstung investiert und an den Gewinnen beteiligt ist.

Nicht auf die Schnelle. Ob für ein Kind oder für einen Erwachsenen, ein passendes Geschenk findet man selten auf die Schnelle auf dem Nachhause weg, und schon gar nicht am letzten Tag vor Weihnachten. Es lohnt sich, sich frühzeitig Gedanken zu machen und auch nachzufragen, denn so liegt letztlich etwas unter dem Weihnachtsbaum, das lang Freude bereitet – und somit auch nachhaltig ist.

Kinder nachhaltig beschenken – so gehts
• Je einfacher ein Spielzeug ist, desto mehr Möglichkeiten bietet es, die Fantasie des Kindes anzuregen.
• Werten Sie den Spielzeugwunsch Ihres Kindes nicht ab. Erklären Sie Ihrem Kind stattdessen die Gründe, warum Sie etwas anderes vorziehen. Umgekehrt gilt aber auch: Lassen Sie Ihr Kind bei der Auswahl mitbestimmen.
•  Achten Sie auf Qualität.
• Geben Sie Holzspielzeug den Vorzug, am besten unlackiert.
• Je nach Alter des Kindes können bereits vorhandene Spielsachen sinnvoll ergänzt werden.
• Vermeiden Sie elektronisches Spielzeug oder Spielzeug mit Batterien, insbesondere für kleine Kinder.
• Kaufen Sie kein Spielzeug, das chemisch oder parfümiert riecht oder sich unangenehm anfühlt. Parfümierte Spielsachen können schwere und mitunter unheilbare Allergien auslösen.
• Waschen Sie jedes neue Spielzeug.
• Lego und Duplo sind empfehlenswert, da sie keine Weichmacher enthalten.
• Packen Sie neues Spielzeug aus und lassen Sie es im Freien ausdünsten.
• Achten Sie auf das GS-Zeichen. Unabhängige Stellen prüfen die Spielwaren und überwachen die Produktion.
• Sehr empfehlenswert ist das Label «spiel gut», ein unabhängiger Verein, der schadstofffreies, wert- und sinnvolles Spielzeug auszeichnet. Unabhängige Stellen prüfen die Spielwaren und überwachen auch deren Produktion.

Fotos: fotolia.com

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