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Wegleitung zum Verlassen der Schweiz

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11_2015 - 01.11.2015

Text:  Susanne Hochuli

Auf einer Wanderung im Bergell stellt sich Susanne Hochuli die Frage, wie es sich einst dort lebte und erkennt, dass Nostalgie auch ein Betrüger ist.

Ja, die Nostalgie! Vor einem Jahr habe ich darüber geschrieben, wie mich dieses «krank machende Heimweh» bis nach Südfrankreich getrieben hat. Sie erinnern sich nicht? Dann muss die Kolumne nichtssagend gewesen sein. Oder Sie lesen das «natürlich» nicht regelmässig, was noch schlimmer wäre.

An der Definition der Nostalgie hat sich nichts geändert: Man versteht darunter noch immer eine «sehnsuchtsvolle oder wehmütige Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken». Und erneut ergriffen hat sie mich in einem Waschhaus, einem der vielen, die auf einer Wandertour auf der «Via Bregaglia» zu finden sind. Ein grosses war es in Villa di Chiavenna; heute überdacht durch den Boden eines Parkplatzes. Eine Treppe führt von diesem abweisenden, unpersönlichen Ort hinunter. Man folgt ihr nichtsahnend, geht um eine Ecke und steht vor einem Waschbrunnen mit grossen Trögen, gespeist von munter sprudelndem Wasser. Steinbänke säumen die Wände – und obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass die Frauen damals Zeit zum Ausruhen hatten, sehe ich sie vor mir, wie sie die Körbe mit sauberer Wäsche auf den Boden stellen, sich erschöpft auf die Bänke fallen lassen, sich mit den Waschfrauenhänden die Haare aus dem Gesicht und unter die Haube streichen, dann die Last schultern und heimwärts ziehen, um die Wäsche an der Sonne trocknen zu lassen.

Und das Geschwätz! Das Waschhaus, so lässt die Informationstafel wissen, sei neben der praktischen Nutzung auch ein Ort der sozialen Kontakte gewesen. Frauen seien zu jener Zeit selten in Wirtshäusern anzutreffen, oft von den Informationen ausgeschlossen gewesen und hätten am Waschtrog Gerüchte verhandelt, Neuigkeiten ausgetauscht und sich auf dem Laufenden gehalten.

Aber nein, nicht das Geschwätz liess mich nostalgisch werden, sondern die Vorstellung des damaligen Alltages. Die «Via Bregaglia» führt weiter in die Kastanienwälder. Zerfallende Steinhäuser und Mäuerchen, ausgestelltes vergessenes altes Handwerk und unsere Vorstellungskraft lassen das frühere Leben der Menschen im Bergell greifbar werden. Und auf einmal war die Frage da: «Sind die Menschen damals am Abend, hundemüde und längst nicht so sauber wie heute, glücklicher und zufriedener ins Bett gefallen, als wir es heute tun? Waren sie sinnerfüllter?» Ich weiss es nicht.

Begleitet einem auf der «Via Bregaglia» das Lesewanderbuch «Auswanderungen, Wegleitung zum Verlassen der Schweiz» von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht, spürt man die Schwere der Bettdecken und Sorgen, die damals so manches Herz beim Einschlafen fast erdrückt haben müssen. Heute können wir immerhin ins Bett fallen und uns sagen, dass wir keine Wegleitung zum Verlassen der Schweiz mehr brauchen. Wir würden es freiwillig tun.

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 19-jährigen Tochter und wohnt mit ihr, Hund und Pferden auf ihrem Bauernhof in Reitnau.



Foto: Weltbild Verlag GmbH / flickr / cc

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