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Der elektrische Traum

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11_2015 - 01.11.2015

Text:  Markus Kellenberger

E-Bikes sind ein Renner – E-Autos sind ein Flop. Und auch Autos mit Hybridantrieb sind nicht gerade das, was man einen Verkaufsschlager nennen könnte. Eine ernüchternde Zwischenbilanz.

Ein Freund von mir besitzt eine 15 Jahre alte Rarität, einen 3-Liter-Lupo. Ende der 90er-Jahre, als VW noch positive Schlagzeilen schrieb, war der Kleinwagen mit immerhin vier vollwertigen Sitzplätzen eine echte Innovation. Selbst für moderne Autos ist sein Verbrauch von nur gerade drei Liter Diesel auf 100 Kilometer kaum zu erreichen.

Nun, der grasgrüne Wagen ist in die Jahre gekommen und mein Freund würde ihn gerne mit einem ebenso umweltfreundlichen und alltagstauglichen Auto ersetzen. Aber mit welchem? Der aktuelle Lupo-Nachfolger Up! schluckt in der sparsamsten Version mindestens ein bis eher zwei Liter mehr und das Modell mit reinem Elektroantrieb kostet weit über 30 000 Franken und damit mehr als doppelt so viel wie das Basismodell mit Verbrennungsmotor. «Das ist mir zu teuer», sagt mein Freund, «und die Reichweite des E-Motors ist mit knapp 100 Kilometer einfach nur lächerlich.»

Ein mir bekannter Peugeot-Verkäufer in der Nähe von Aarau bestätigt diesen Eindruck. Auch seine Marke hat, wie alle andern auch, mittlerweile Modelle mit alternativen Antrieben im Angebot. Aber: «Elektroautos sind Ladenhüter», sagt er unverblümt. Selbst Versionen mit Hybridmotoren würden eher zurückhaltend gekauft, da den meisten Kunden der Preisunterschied zu herkömmlich motorisierten Fahrzeugen in der Regel zu gross sei. Dazu komme, dass ihm kein Hybrid bekannt sei, der in Sachen Verbrauch den alten Lupo schlagen könnte.

Was läuft hier falsch? Politiker, Behörden, Umweltschützer und auch die Medien beschwören in unzähligen Statements und Artikeln geradezu die Elektromobilität und schwärmen permanent vom Nutzen der Hybridtechnologie; bei Strassenumfragen bestätigen Frauen und Männer einhellig und politisch korrekt, dass ihnen umweltfreundliches Fahren wichtig sei – und trotzdem bewegt sich die Zahl entsprechend angetriebener Fahrzeuge bei den Neuzulassungen im tiefen einstelligen Prozentbereich. Entgegen allen Lippenbekenntnissen ist ein Boom hier nicht in Sicht.

Im Gegenteil: Im Showroom entscheidet sich die erdrückende Mehrheit der Autokäuferinnen und -käufer für Autos mit Diesel- und Benzinmotoren, vorzugsweise aus dem Angebot an sportlichen SUVs, aufgeblasenen Pick-ups und PS-starken Wagen mit «Überholprestige». In ganz Europa und auch in China wächst dieses Segment. Mithalten kann hier einzig der kalifornische Autobauer Tesla. Seine Elektroautos haben «Überholprestige», die Sportmodelle halten bei der Beschleunigung mit einem Porsche mit, im jüngst vorgestellten Offroader soll man gar einen Angriff mit Biowaffen überleben können und die Reichweite der Tesla-Batterie beträgt über 400 Kilometer. Das ist gut, hat aber seinen Preis. Bereits die Version mit der billigsten Ausstattung – wer in der Schweiz will die schon? – kostet über 80 000 Franken. Und: bis Mercedes, BMW, Audi und VW E-Autos mit vergleichbaren Werten auf den Markt bringen, dauert es noch ein Weilchen.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Auf Kundenseite sind es Unsicherheiten betreffend der Haltbarkeit der Batterie, deren geringe Reichweite, die eher noch spärliche öffentliche Lade-Infrastruktur, oft auch das etwas gewöhnungsbedürftige Design einzelner E-Fahrzeuge, der relativ hohe Preis und das mangelnde Prestige, die einem Kauf im Wege stehen.

Höherer Gewinn. Seitens der Autobauer ist es schlicht und einfach der höhere Gewinn, der sich mit herkömmlichen Motoren und Autos der gehobenen Klasse nach wie vor erzielen lässt. Kommt dazu, dass moderne Autos heute locker weit über zehn Jahre in Betrieb sind und sich die Strukturen im Automarkt deshalb nur langsam verändern lassen. Mein Freund hat sich deshalb entschieden: Er wird seinen Lupo fahren, bis er auseinanderfällt, um dann – so sich im E-Auto-Bereich bis dahin nichts Wesentliches verändert hat – irgendeine Occasion aus dem Kleinwagensegment zu kaufen. Aus Sicht des Umweltschutzes und unter Berücksichtigung der grauen Energie, die die Herstellung eines Autos kostet, ist das gar nicht mal so schlecht.

Foto: fotolia.com

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