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Ein Leben ist nicht genug

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11_2015 - 01.11.2015

Text:  Andreas Krebs

Weder Hexe noch Henker, auch nicht Prinzessin oder Pirat, aber Sonnenpriester und Magd war Andreas Krebs in zwei seiner früheren Leben – eine Bilanz nach drei Stunden Rückführung.

Bei psychischen und körperlichen Problemen jeglicher Art bietet ein Heer von Therapeuten Hilfe in Form von Rückführungen in frühere Leben an. Auch Carmen Ried aus Wädenswil preist die Reinkarnationstherapie in den höchsten Tönen. Sie setze die Methode erfolgreich ein bei Allergien, Phobien, Depressionen, Beziehungsproblemen, Burn-outs, ADHS oder einfach nur, um dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen. Letzteres spricht auch mich an. Wir verabreden einen Termin.

In einem Vorgespräch fragt mich Carmen Ried nach speziellen Themen und Problemen in meinem Leben. Es sei die pure Neugier, antworte ich. Ich mache es mir auf dem Bett bequem; sie sitzt in einem Sessel daneben, Block und Stift in der Hand. Mit klassischen Suggestionstechniken versetzt sie mich in Versenkung. Ich schlafe fast ein. Rieds sanfte Stimme lotst mich in ein Gebäude; dort soll ich die Treppe hochsteigen, bis ich meinem höheren Selbst begegne. Es werde mich während der gesamten Rückführung liebevoll begleiten, sagt Ried. «Dein höheres Selbst sorgt dafür, dass nur Situationen und Gefühle aufsteigen, die du momentan auflösen kannst und sollst.»

Hallo höheres Selbst. Wie ein Radioreporter berichte ich, was vor meinem inneren Auge auftaucht: Auf einer Wolke begegne ich meinem höheren Selbst. Es ist hell und weich. «Begrüsse dein höheres Selbst. Bedanke dich, dass es da ist», sagt Ried. «Bitte es dann, dich in die Person hineinzuversetzen, die für deine heutige Situation wichtig ist.» Ich sehe eine Magd von vielleicht 35 Jahren. Sie sitzt in einer grossen Küche am Feuer und rührt in einem dampfenden Topf. Wir sind in England und schreiben das Jahr 1736. «Nimm einen tiefen Atemzug und steig von hinten ein in den Körper der Magd, sodass du durch ihre Augen siehst», fordert Ried mich auf. Ich schlüpfe in die Magd und schaue mich um in der Küche. Ich bin alleine. Suppe mit Huhn kocht im Topf. Ich vergewissere mich, dass niemand da ist. Dann stibitze ich ein Stücklein Fleisch, verstecke es unter der Schürze. Für meinen Bub. «Wo ist dein Bub?», fragt Ried. Versteckt. Im Stall. «Wieso musst du dein Kind im Stall verstecken?» Es ist ein verbotenes Kind. «Was ist das für ein Gefühl, wenn du dein ‹Büebli› im Stall verstecken musst?» Traurig. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, sage ich, die Magd. «Gehen wir weiter zur nächsten wichtigen Situation. Was passiert da?», fragt Ried. Der Stallknecht, der Vater des Kindes, hat es weggemacht. «Weggemacht?» Getötet. Um mich zu schützen. «Was ist das für ein Gefühl?» Ich fühle Leere und Ohnmacht. «Wut?» Nein. Ich bin einfach nur hilflos.

Gefühle verbrennen. Wir reisen weiter bis ans Ende jenes traurigen Lebens. Mit 40 sterbe ich an einer Pilzvergiftung. Es war kein Unfall. «Wir bitten jetzt dein höheres Selbst, ein Feuer zu machen», sagt Ried. «In diesem Feuer verbrennen wir alle im heutigen Körper vorhandenen Gefühle von damals. Mithilfe meines höheren Selbst transformieren wir Trauer, Ohnmacht und schlechtes Gewissen in Licht und Liebe. So können wir dieses Leben abschliessen.»

«Gibt es noch weitere Leben, die für deine heutige Situation wichtig sind?», fragt Ried. Wieder tauchen innere Bilder auf. Von meinem höheren Selbst gesandt? Oder entsprechend meiner jetzigen Situation, meinen Erinnerungen, Wünschen, Problemen und Obsessionen fantasiert? Jedenfalls sind wir dieses Mal in Südamerika um das Jahr 1580. Ich bin Priester. Sonnenpriester. Ich trage ein golden glitzerndes Gewand. Ich stehe auf einem Berg. Ganz oben. Ein junger, schöner Mann von vielleicht 24 Jahren. Ich steige von hinten ein in den Körper, sodass ich durch die Augen des Sonnenpriesters sehe. Vor mir steht ein Opfertisch. Darauf opfere ich dem Sonnengott junge Frauen und Kinder. «Frag dein höheres Selbst, wie wir das auflösen können», sagt Ried. «Musst du dich entschuldigen bei den Frauen und den Kindern?» Ja, das sollte ich wohl tun. Ich rufe die Frauen und Kinder herbei. Viele kommen. Hunderte. Ich bitte sie alle um Verzeihung. Sie verzeihen mir. Die Enge in der Brust ist wie weggeblasen. Jenes Leben ist damit abgeschlossen.

Grübeln in früheren Leben
Bei der Reinkarnationstherapie werden Ursachen für heutige Probleme in früheren Leben gesucht. Wie bei C.G. Jung geht es darum, sich den «Schatten», den dunklen Bereich in uns, bewusst zu machen. In der analytischen und klassischen Psychologie führen Rückführungen indes höchstens in die Kindheit. Die bei den «Urtraumata» erlittenen Gefühle und Emotionen gilt es erneut zu erleben, um die entsprechenden negativen Energien und karmischen Verstrickungen aufzulösen. Früher wurden die Klienten dazu hypnotisiert. Das Wachbewusstsein war ausgeschaltet; meist konnten sie sich nachher an nichts mehr erinnern. Heute werden Klienten lediglich in einen wachschlafähnlichen Entspannungszustand («Alphazustand») versetzt. Die Gefühle, die Klienten während der Rückführung «erinnern», sind authentisch und stammen oft von ins Unterbewusste verdrängten Erlebnissen. Dabei besteht die Gefahr einer Retraumatisierung. Denn mit der Verdrängung schützt sich die Seele vor einer Überforderung. Vor allem für psychisch kranke Menschen kann die Reinkarnationstherapie gefährlich sein. Ratsuchende sollten Angebote genau prüfen. Viel wäre gewonnen, wenn sie die gesunde Skepsis, die sie gegenüber der Schulmedizin haben, den Alternativtherapeuten gegenüber beibehalten – denn auch da gilt: Was zu gut klingt, um wahr zu sein, ist oft nicht wahr.

Der Schutzengel freut sich. «Nun bitte deinen Schutzengel, sich dir zu zeigen», sagt Ried. Ein violettes Licht erscheint vor meinem inneren Auge. «Schutzengel haben mega Freude, wenn wir endlich merken, dass sie für uns da sind. Wir dürfen sie jederzeit um Hilfe bitten», sagt Ried. «Bitte deinen Schutzengel, dich voll und ganz in Licht zu hüllen. Spüre die Liebe dieses Lichts. Die Lichtenergie verwandelt alles, was wir ins Feuer gegeben haben in Liebe.» Wir bedanken uns bei meinem Schutzengel und bei meinem höheren Selbst. Dann führt mich Ried sanft in den normalen Wachzustand zurück, nach und nach von Kopf bis Fuss. Ich öffne die Augen. Geschlagene drei Stunden sind vergangen!

Was passierte wirklich? Die Reise war spannend, sicher. Ob Fantasie oder Seelenreise weiss ich nicht. Ich tippe eher auf Fantasie. Darauf, dass ich, wie es in Träumen geschieht, vergessene oder verdrängte Erinnerungen zu einer fantastischen Story verknüpft habe. Ried ist vom Gegenteil überzeugt. Doch selbst wenn – so recht überzeugt bin ich nicht: Was bringt es mir im Hier und Jetzt, wenn ich weiss, wer ich in einem früheren Leben war? «Negative Gefühle können sich auflösen, sodass sie einen im Hier und Jetzt nicht mehr belasten», sagt Ried. So könne Heilung geschehen. Und wenn Heilung geschieht, ist das Geld (drei Stunden kosten bei Carmen Ried 360 Franken) sicher gut investiert.

Zur Person
Andreas Krebs ist freier Journalist und schreibt regelmässig für «natürlich». Er glaubt, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich der Mensch vorstellen kann. In einer losen Serie will er diese ergründen.

Foto: jinterwas / flickr / cc

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