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Ab ins Kistchen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11_2015 - 01.11.2015

Text:  Tertia Hager

Anhänger? Kindersitz? Für mich war rasch klar, dass ich meine Tochter mit einem Lastenrad durch die Stadt kutschieren möchte. Ein Erfahrungsbericht von Tertia Hager.

Velo mit Anhänger? Auf keinen Fall. Ich möchte mein Kind hören – und noch wichtiger – sehen können, wenn wir per Rad unterwegs sind. Rasch war für unsere Familie deshalb klar: Wir möchten ein Cargo-Bike, ein Lastenrad. Einst in Holland als Transportvelo für Bäcker und Lebensmittelhändler gebaut, entwickelten sich diese Räder mit Kiste in letzter Zeit zum Familienrad – mit oder ohne elektrische Unterstützung.

Eine stolze Länge. Etwas nervös war ich vor der ersten Probefahrt schon. Schiebt man nach jahrelangem Velofahren plötzlich eine 63 Zentimeter breite Kiste vor sich her, kommt man bei der ersten schmalen Durchfahrt kurz ins Schwitzen. Passe ich da überhaupt durch? Aber klar doch. Nicht empfehlenswert ist zudem, während der Fahrt auf das ungewohnt weit entfernte Vorderrad zu schauen. Was man allerdings irgendwie automatisch macht – ruhig wird die Fahrweise dadurch aber nicht. Nach mehreren Probefahrten mit verschiedenen Marken haben wir uns für ein «kurzes» Bakfiets entschieden. Das heisst, die Kiste ist weniger lang als beim grösseren Modell. Gleichwohl misst das Rad stolze 2,25 Meter, das sind rund 40 Zentimeter mehr als eine Vespa. (Gekostet hat unser Bike übrigens ebenso viel wie eine Vespa – rund 4200 Franken.)

Albträume. Zwei Monate mussten wir uns dann gedulden, bis unser Bakfiets geliefert wurde. Ich hatte abends vor dem Einschlafen also noch viel Zeit, mir meine neue Unabhängigkeit mit «Baby-Transportvelo» auszumalen: Die schönsten und schrecklisten Dinge stellte ich mir vor. Gemütliche Ausflüge in die Badi, unkomplizierte Einkäufe auf dem Markt und verzweifelte Manöver auf zu schmalen Fussgängerinseln. (Ja, natürlich gehört ein Velo nicht auf eine Fussgängerinsel, aber manchmal geht es einfach nicht anders.) Was, wenn das Velo länger als die Fussgängerinsel breit ist? Als der Tag endlich da war, um das Rad abzuholen, schien meine zweijährige Tochter zu spüren, dass etwas Grosses passiert. Bei der ersten Fahrt durchs Quartier sass sie in ihrem Kistchen und winkte den Fussgängern zu. Natürlich waren die meisten Passanten viel zu fest mit sich selbst beschäftigt, als dass zurückgewunken worden wäre. Neugierige Blicke gab und gibt es aber viele. Und erst kürzlich zückte ein Tourist das Handy und fotografierte uns. Nachdem ich am zweiten Tag die Gartenmauer touchierte, kurve ich inzwischen souverän durch die Stadt. Im Zweifelsfall steige ich ab, hole wie ein Lastwagen rückwärts aus – und stosse das Velo durchs Gartentörchen.

Freundliche Automobilisten. Und die Automobilisten? Vielleicht rede ich es mir nur ein. Aber ich glaube, dass das üblicherweise ziemlich angespannte Verhältnis zwischen Auto- und Velofahrern durch unser Bakfiets etwas entspannter wurde. Ob es daran liegt, dass wir nun auch motorisiert sind? Wie dem auch sei: Es passiert mir öfter, dass uns der Vortritt gelassen wird. Dass Autofahrer am Fussgängerstreifen anhalten, um mich vom Radweg auf die Strasse einbiegen zu lassen, oder sie geben mir an einer Kreuzung den Vortritt. Und das Velo selbst? Es fährt sich gut. Sind die 42 Kilogramm einmal in Bewegung, rollt es sich, auch ohne elektrische Unterstützung, fast wie von selbst. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die 15 verschiedenen Stufen der Unterstützung, die man wählen kann. Die richtige Kombination aus den acht Gängen und den verschiedenen Unterstützungsstufen zu treffen, ist nicht immer ganz einfach.

Velo-Puristen sei noch dies gesagt: Geht es steil die Strasse hoch, ist das mit unserem Cargo-Velo trotz Motor eine anstrengende Sache. Der Schweiss läuft zwar nicht, aber die Beine werden ganz schön gefordert. Ach ja, noch was: Ich habe meine Tochter nicht nur stets im Blickfeld in ihrem Kistchen, wir sehen auch die gleichen Dinge (Enten im Fluss) und können sie kommentieren («gack») und wir können zusammen singen. 

Foto: Oliver Baumann

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