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Aus alt mach neu

Kategorie: Leben
 Ausgabe_09_10_2015 - 01.09.2015

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Alte Möbel und ausgediente Alltagsgegenstände inspirieren Designer zu ungewöhnlichen Kreationen. Recyclingmöbel überzeugen durch modernes Design, sind (meist) nachhaltig und haben mittlerweile gar den Weg ins Museum of Modern Art in New York geschafft.

«FRANK» ist die recycelte Antwort auf das erfolgreiche Billy-Regal von Ikea. Designer Oliver Schübbe schreinert «Frank» aus Teilen ausrangierter Schränke, Schreibtische und Tischtennisplatten. Der deutsche Innenarchitekt gilt als einer der Pioniere in der Möbel-Recycling-Branche. Mit über 30 000 verkauften Exemplaren ist sein Regal aus Schrott das erfolgreichste Recyclingmöbel der Welt. Recyclingmöbel sind Unikate. Entgegen vielen Vorurteilen suchen die Re- und Upcycler ihre Materialen mit grosser Sorgfalt aus. Bevorzugte «Rohstoffe» sind Altholz, Glas, Karton, PVC oder Reste aus anderen Produktionsprozessen. Das muffige Öko-Image der Anfangszeit ist längst überwunden. Recyclingmöbel sind hochwertiger geworden, modernes Design überzeugt. Je seltener, exklusiver oder aussergewöhnlicher das Ausgangsmaterial, umso aufwendiger die Produktion und umso höher auch die Preise.

Verschiedene Ansätze

Zwei Recycling-Ansatzpunkte lassen sich erkennen: Einige Hersteller verwenden beispielsweise Altholz, als wäre es ein neues Arbeitsmaterial. Diesem Recyclingmöbelstück sieht man den Prozess der nachhaltigen Produktionsweise nicht auf den ersten Blick an. Andere Designer gehen einen anderen Weg: Charakter sowie Beschaffenheit des einstigen Materials bleiben erhalten: Man sieht, dass die Teile ein Leben vor dem Recycling hatten. Aus ausgedienten Schubladen werden Wandregale, aus Schallplatten Leuchten im Stil der 50er- und 60er-Jahre. Der Kreativität der Re- und Upcycler sind keine Grenzen gesetzt. Die Berlinerin Fransiska Wodicka entwirft in ihrer Werkstatt Regale, Kommoden und Kleinmöbel aus alten Schubladen. Damit ist die ehemalige Landschaftsarchitektin so erfolgreich, dass sie mittlerweile ein Team beschäftigt und sich selbst hauptsächlich auf das Design konzentriert. Günstig sind ihre upgecycelten Möbel nicht: Die alten Schubladenelemente in einen neu geschreinerten Korpus einzupassen beziehungsweise umgekehrt, ist aufwendig und verlangt handwerkliche Präzision. Das günstigste Möbel kostet um die 270 Euro, ihr bislang teuerstes Stück 7000 Euro.

Auch der Schweizer Dominik Zehnder gehört zur «Aus-Alt-mach-Neu-Bewegung». Geprägt hat ihn sein Elternhaus: «Der respektvolle Umgang mit der Natur, dem Leben und der Umwelt war ein grosses Anliegen meiner Eltern, und dies schon zu einer Zeit, als Begriffe wie Nachhaltigkeit, Ökologie und Umweltschutz noch nicht in aller Munde waren. Gekauft wurden Qualitätsprodukte, die bei einem Defekt repariert wurden.»

Kunden wollen Individualität

Seit mehreren Jahren führt Zehnder in Baden den Secondhandshop «Pingpong» und produziert aus ausrangierten Möbeln und Lampen neue Einrichtungsstücke, und dies zu erschwinglichen Preisen (www.pingpongbaden.ch). Zehnder erinnert sich: «Nach dem Auszug aus dem Elternhaus umgab ich mich mit gebrauchten Möbeln und Einrichtungsgegenständen. Sicherlich aus finanziellen Gründen, aber insbesondere auch, weil solche Gegenstände eine Geschichte haben. Aufgefrischt sowie neu kombiniert haben sie meiner Wohnung einen ganz persönlichen Charakter verliehen.» Aus den Experimenten bei seiner Wohnungseinrichtung wurde seine Profession. Heute baut Zehnder gebrauchte und defekte Leuchtenteile zu neuen Lampen zusammen. Dominik Zehnder findet seine Materialien in Brockenhäusern. «Auch Privatleute, Flohmärkte, Abfallmulden und Entsorgungsstationen sind unsere Lieferanten», erzählt er. Als Kaufentscheidung für ein recyceltes Möbel nennt Zehnder den Wunsch nach Individualität als Hauptmotivation. Er beobachtet aber auch ein zunehmendes Umweltbewusstsein unter seinen Kunden.

Patchwork-Möbel

Viele Designer treibt ihr Engagement für Nachhaltigkeit an. Bei anderen ist die Begegnung mit einer besonderen Material-Ästhetik ein Initialmoment und weckt den Recycler wie im Falle von Piet Hein Eek. Der holländische Design-Guru sagt: «Ich habe einen tiefen Respekt für Materialien und schätze das Handwerk hoch.» Die wettergegerbte Oberfläche von Holz hatte ihn fasziniert und zu seinen Patchwork-Möbeln inspiriert. Sein erstes Regal aus Abrissholz baute er bereits 1989. Er blieb darauf sitzen. «Zu jener Zeit dachten die Leute, es sei schön, aber eine modische Erscheinung. Zehn Jahre später fanden sie es immer noch schön und kauften es. Es ist weniger der Punkt, dass es recycelt ist, als vielmehr, dass ein gutes Produkt aus derben Materialien es schaffen kann, zeitlos begehrenswert zu sein.» Eeks Möbelunikate aus Abrissholz haben es in die internationalen Designershops und ins Museum of Modern Art in New York geschafft.

Ziel: Kreislaufwirtschaft

Auch in der Wirtschaft scheint sich langsam etwas zu tun: Im vergangenen Mai forderten in Brüssel verschiedene Wirtschaftsverbände, die mehrere Tausend Unternehmer vertreten, ein ambitioniertes Paket zur Kreislaufwirtschaft. Katharina Reuter, Koordinatorin von Ecopreneur.eu, erklärte: «Für uns ist entscheidend, dass verschiedene Ziele für Wiederverwertung und Recycling entwickelt und etabliert werden. Besonders für Elektronikgeräte, Textilien und Möbel.» Ferner heisst es in der Erklärung: «Zusätzlich zu bestehenden Initiativen zur Wiederverwertung müssen wir ein Netzwerk von geprüften Re-use-Zentren aufbauen und sicherstellen, dass diese Zugang zu Abfallströmen an Sammelpunkten haben.»

Seit 2013 findet im deutschen Freiburg die Frei-Cycle Designmesse für Recycling & Upcycling statt. Die Messe steht für junges, innovatives Design, das mit vorhandenen Materialien und Ressourcen neue Ideen kreiert. An der ersten Messe konnten die Besucher beispielsweise Möbelstücke aus alten Fernsehern bestaunen. Im September öffnet die Ausstellung wieder ihre Tore in die kreative Welt des Re- und Upcycelns.

Fotos: zvg, fotolia.com, istockphoto.com

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