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Ewigi Liebi

Kategorie: Leben
 Ausgabe_09_10_2015 - 01.09.2015

Text:  Rita Torcasso

Sie feiern goldene oder gar diamantene Hochzeit, und verkörpern damit eine Sehnsucht, die viele Menschen haben. Ein Rezept für die ewige Liebe gibt es nicht, doch einige Zutaten helfen, das Glück zu erhalten.

Auf dem Tisch steht ein Strauss roter Rosen. Vor 57 Jahren hätten sie sich kennengelernt, erzählt René von Gunten. «Und seit 53 Jahren sind wir verheiratet», doppelt Maja von Gunten nach. Sie sei damals 16 Jahre alt gewesen. Sie lernten sich während eines Skiurlaubs in der Jugendherberge kennen. Am Tag danach brach sie sich das Bein. «Er besuchte mich oft», erzählt sie. «Ich habe damals rasch gedacht, das wäre die richtige Frau für mich», sagt er. Sie heirateten, als sie 20 und er 25 Jahre alt waren. «Es war wunderbar, nun endlich miteinander aufwachen zu können – und weltbewegend war, miteinander zu schlafen, denn vier Jahre musste es ohne gehen», erzählt er. So begann ihre lange Liebesgeschichte. Noch heute schauen die beiden manchmal das Hochzeitsalbum an.

Zeit für sich

Das Paar erzählt von den zwei Kindern und dass ihre Enkel heute bereits zwei junge Erwachsene sind: «Eine wunderbare Erfahrung.» Auf die Frage nach Krisen sagen beide, dass sie natürlich auch gestritten hätten. Doch zum Glück seien sie beide nicht nachtragend. «Man muss über alles reden und nichts unter den Teppich kehren», bemerkt sie. Als belastend empfand er, dass er berulich während der Familienzeit sehr eingespannt war und Maja oft allein mit den Kindern. Sie bemerkt dazu: «In allen Jahren kam mir nie der Gedanke, ein anderes Leben könnte besser sein.» Ein wichtiger Ort für beide wurde eine Wohnung in Dauermiete auf dem Heinzenberg im Kanton Graubünden – seit 47 Jahren verbringen sie dort Ferien.

Mit der Pensionierung begann für beide ein neuer Lebensabschnitt. «Es war gut, dass ich noch einige Zeit tageweise weiterarbeiten konnte», sagt René von Gunten heute. Und endlich konnte er sich einen Jugendwunsch erfüllen: auf einem Frachtschiff mitzureisen. Diese Fahrt machte er allein. «Wenn ich mitgegangen wäre, hätte er immer auf mich Rücksicht genommen», sagt sie dazu. Beide finden, dass man in einer so langen Ehe eigene Bereiche und hie und da Zeit für sich brauche. Sie singt in einem Kammerchor und hilft in einem Kindergarten mit, er geht fotografieren und schreibt Tagebuch und seit kurzem Kindheitserinnerungen. Im Gespräch nennt er seine Frau oft liebevoll Majeli, sie spricht ihn mehrmals mit Schatz an. Kaffee und Kuchen bereiten sie gemeinsam zu.

Gut streiten

Das Geheimnis langer Ehen wird seit den Neunzigerjahren intensiv erforscht. Die Universität München fragte bei 663 Paaren nach, was ihrer Meinung nach ihre Ehe zusammenhält. Die Paare waren im Durchschnitt seit 27 Jahren verheiratet. Am häufigsten nannten sie Toleranz und Akzeptanz, gefolgt von Vertrauen und Offenheit. Am dritthäufigsten wurde Liebe genannt, gefolgt von konstruktiver Konfliktlösung und Kommunikation. Für ein Viertel waren es die Kinder und Enkel, Treue nannten 19 und Sexualität 6 Prozent. Liebe nannten längst nicht alle, ein Drittel war es bei jenen, die zwischen 20 und 30 Jahren verheiratet waren, die Hälfte bei den älteren Paaren, die 40 bis 50 Jahre zusammenleben. Einen grossen Einfluss auf das Eheglück scheint das Streitverhalten zu haben.

Der amerikanische Paarforscher John Gottman konnte allein aus der Beobachtung streitender Paare sagen, ob die Beziehung hält. Nach jedem Streit mit Kritik, Abwehr, Verachtung und Abschotten sollte man fünfmal positiv aufeinander reagieren, damit sich wieder ein emotionales Gleichgewicht einstellt. Ein zentrales Geheimnis für den Zusammenhalt zwischen Paaren scheint die «Bereitschaft, einander zu vergeben» zu sein – als aktiver innerer Prozess, der einer Art Selbstreinigung dient.

Für Jürg Willi, der als Erfnder der Paartherapie in der Schweiz gilt, ist klar: Harmonie allein macht nicht glücklich. Das Aushalten von Spannung ist ein zentraler Aspekt einer funktionierenden Paarbeziehung. «Manche Paare glaubten, die Langeweile sei das Schicksal einer langwährenden Partnerschaft, etwas anderes zu erwarten, sei naiv», so Willi. «Das Harmonieideal verhindert, dass Partner lernen, sich offen und kritisch mit ihrer Beziehung auseinanderzusetzen.» Doch der Paarexperte ist überzeugt: «Was wir im Leben vermeiden, hinten anstellen und verleugnen, holt uns früher oder später wieder ein.»

Für ihn sind es vor allem Wendepunkte im Leben, die eine Partnerschaft stärken oder trennen – die Geburt der Kinder, Krankheit, Arbeitsverlust, Tod oder auch eine Aussenbeziehung.

Das Buch «Ja, ich will!» von Ueli Oswald ist als Leserangebot zum Vorzugspreis erhältlich.





Unglücklich verheiratet

Im Buch «Ja, ich will!» erzählen sechs Paare – das älteste seit fast acht Jahrzehnten ein Paar –, was ihre Ehe bisher zusammengehalten hat. In dieser langen Zeit veränderte sich auch das Bild der Ehe: Statt der traditionellen Rollenteilung wurde zunehmend eine Beziehung angestrebt, in welcher man Autonomie behält, Gemeinsamkeiten pflegt und gleichgestellt entscheidet. Eine solche Beziehung zeigt der Film «Yaloms Cure», der das Leben des Psychiaters und Buchautors Irvin Yalom und seiner Frau Marilyn dokumentiert. Sie sind seit 60 Jahren verheiratet. Einen wichtigen Platz in ihrem Leben hat die Wertschätzung für das, was der andere tut, der rege Austausch über ihre Interessen. Yalom ist überzeugt, dass die Partnerschaft auch deshalb so lange hielt, weil sie immer im Zentrum ihres Lebens stand, auch während der Familienzeit mit den vier Kindern. Er sagt: «Liebe ist mehr als ein Ausbruch von Leidenschaft zwischen zwei Menschen. Wenn man liebt und nicht einfach verliebt ist, versucht man so zu leben, dass man im anderen immer wieder Neues zum Leben erwecken kann.» In der Schweiz scheint das 58 Prozent der langjährigen Paare zu gelingen. Die andern 42 Prozent bezeichneten sich bei einer Befragung von Paaren, die 30 und mehr Jahre zusammen waren, als unglücklich verheiratet.

Literatur- und Filmtipps
Film
Sabine Giesiger, Irvin D. Yalom: «Yaloms Cure – Anleitung zum Glücklichsein»
Bücher
• John M. Gottman: «Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe», Ullstein Verlag 
• Jürg Willi: «Psychologie der Liebe», «Wendepunkte im Lebenslauf», beide Klett Cotta Verlag
• Arnold Retzer: «Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Ehe», S. Fischer Verlag
• Erich Fromm: «Die Kunst des Liebens», Ullstein Taschenbuch
• Peter Lauster: «Die Liebe», rororo

Fotos: istockphoto.com, zvg, jennie-o / flickr / cc

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