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Kommunismus im Kleiderschrank

Kategorie: Leben
 Ausgabe_06_2015 - 01.06.2015

Text:  Susanne Hochuli

Wenn die Regierung Kleidervorschriften erlässt, verheisst dies nichts Gutes: Susanne Hochuli ist wachsam – und wartet auf neue Anweisungen.

Nun, ich bin keine eigentliche Freundin des Kommunismus. Die Vorstellung zwar, alle, ich meine wirklich alle Menschen, könnten satt werden, gesund sein, Schulen besuchen, einen Beruf ergreifen, Geld verdienen und sich ein Dach über dem Kopf bauen, diese Vorstellung gefällt mir. Sehr sogar.

Die Gleichheit der Lebensbedingungen aller Gesellschaftsmitglieder ist ein anzustrebendes Ideal, das schon bei Platon als Idee gedacht und bei urchristlichen Gemeinden zu leben versucht wurde. Doch wenn es darüber hinaus darum geht, dass alle Menschen gleich zu sein haben, dann wird es für mich schwierig. Die Welt ist so spannend und reich an Entdeckungen und Erfahrungen, weil sie aus unendlich vielen Individuen besteht. Das soll so bleiben.

Mehr Sympathie habe ich hingegen für die Vorstellung oder eben die Nicht-Vorstellung von Mode im Kommunismus. Es muss wunderbar sein, am Morgen vor dem Schrank zu stehen, blindlings hineingreifen zu können mit dem Wissen, immer korrekt angezogen zu sein.

Doch behüte uns Gott und verwerfen wir diese Idee! Stellen Sie sich den Einbruch in der Textilindustrie vor! Der Einkaufstourismus käme zum Erliegen, Modeheftli, Shopping, Accessoire-Partys, alles würde der Vergangenheit angehören. Deshalb halte ich es mit Ovids «Principiis obsta» – wehret den Anfängen – und fordere die überzeugten Kommunismus-Feinde auf: Haltet die Augen offen! Denn die Gleichmacherei der Menschen, der Anfang aller Übel, schleicht sich nicht etwa von der erwarteten links-grünen Seite in unsere Kleiderschränke, um von dort aus die Welt zu erobern. Nein, ganz im Gegenteil: Der Angriff kommt übel getarnt von der bourgeoisen Seite her.

Ich verstehe, wenn Sie mir nicht glauben, liebe Leserinnen und Leser. Doch nie würde ich dies infam behaupten, ohne Beweise zu haben: Regierungsräte der verschiedensten Kantone besuchen sich gerne, um sich auszutauschen über die Probleme beim Regieren, die manchmal sehr ähnlich sind, manchmal aber auch kantonsspezifisch individuell. Genau so, wie die Welt und das Leben und die Menschen sind. Zur Vorbereitung eines solchen Besuches werden den Delegationen genaue Vorschriften gemacht, nicht etwa was die Wortwahl betrifft, oh nein!

Die Äusserlichkeit wird bis ins Detail beschrieben. Business-casual oder festlich reichen da nicht aus, es wäre noch zu viel Individualität möglich. «Hose, Blusenjacke, Shirt mit Jacke oder sportliches Kostüm, Strümpfe oder Socken, geschlossene dunkle Schuhe» dürfen es sein, und das Zeug sollte so getragen werden, dass es die Persönlichkeit untermalt, lockere Geschäftsmässigkeit vorgibt und selbstsicher daherkommt. Wenn es dann festlich wird, dürfen Frauen auch offene Schuhe, aber bitte ohne Strümpfe tragen, den Herren werden schwarze Schuhe mit schwarzen Socken befohlen, und das Ganze sollte «wandlungsfähig» sein. Noch warte ich auf die Befehlsausgabe, wohin ich mich wandeln soll.

Zur Person
Susanne Hochuli,
erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer erwachsenen Tochter und wohnt mit ihr, Hund und Pferden auf ihrem Bauernhof in Reitnau.

Foto: RageZ / flickr / cc

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