Artikel Leben :: Natürlich Online Fair ist das nicht | Natürlich

Fair ist das nicht

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2015 - 01.05.2015

Text:  Andreas Krebs

Eine umweltfreundliche Produktion ist das eine, faire Löhne das andere. Zwar floriert das Geschäft mit Öko-Mode, doch in kaum einem Land erhalten die Arbeiter und Näherinnen existenzsichernde Löhne.

Erzählten unsere Kleider Geschichten, wollten wir nicht hinhören. Doch spätestens seit der Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch kann keiner mehr sagen, er habe von nichts gewusst. Am 24. April 2013 stürzte dort ein neunstöckiges Gebäude mit mehreren Textilfabriken ein; 1137 Menschen sind gestorben, rund 2400 wurden zum Teil schwer verletzt. Rana Plaza war bei Weitem nicht das erste Unglück in der Textilindustrie. Aber ein Wendepunkt. Seither wurden bei mehr als tausend Fabriken die Sicherheitsstandards erhöht, rund hundert wurden wegen gravierender Mängel geschlossen. Doch nach wie vor sind die Missstände gross: Benachteiligung von Frauen, Behinderung von Gewerkschaften, massiver Einsatz giftiger Chemikalien, Hungerlöhne, Massenentlassungen.

Konkurrenzkampf.

Die globale Bekleidungsindustrie gehört zu den agilsten Industrien weltweit. Brutal heizt sie den Konkurrenzkampf Textil exportierender Länder an. Einer der wichtigsten Standortvorteile sind billige Arbeitskräfte. Deshalb setzen Regierungen die gesetzlichen Mindestlöhne zum Teil weit unter dem Existenzminimum an. In Bangladesch – nach China zweitgrösster Textilexporteur weltweit – beträgt er 50 Euro, das ist ein Fünftel des geschätzten Basis- Existenzlohns. Um ihre Familien einigermassen über die Runden zu bringen, müssen die Näherinnen unzählige Überstunden leisten. «Arbeitsstellen mit einem so extrem tiefen Lohn schaffen Armut, anstatt sie zu bekämpfen», schreibt die Entwicklungsorganisation Erklärung von Bern (EvB) in ihrem «Firmencheck» vom Juni 2014. Ein fehlender Existenzlohn sei in den Produktionsländern eines der drängendsten Probleme. Das Thema werde aber krass vernachlässigt. Nur vier von 50 europäischen Mode-Labels attestiert die EvB, hinsichtlich eines existenzsichernden Lohnes «auf dem Weg» zu sein. Switcher ist das einzige Schweizer Label, das dieses Niveau erreicht. Switcher ist zudem im weltweiten Ranking der Clean Clothes Campaign  das am besten bewertete Unternehmen in Europa.

Seele verkauft?

Internationale Firmen wie der Dessous-Hersteller Victoria’s Secret oder hessnatur beziehen Bio-Fairtrade-Baumwolle von Helvetas-Projekten in Afrika und Asien. Anders als andere Unternehmen hat hessnatur Nachhaltigkeit nicht nachträglich entdeckt. 1976 haben der deutsche Chemiker Heinz Hess und seine Frau Dorothea den Versandhändler gegründet, weil nirgends Babykleider aus synthetikund giftfreien Stoffen zu bekommen war. Seither hat sich die Firma zum Marktführer unter den Herstellern von Natur-Textilien entwickelt. 2011 war mit einem Umsatz von 73 Millionen Euro das erfolgreichste Geschäftsjahr in der Firmengeschichte. 2012 wurde das Unternehmen an den Schweizer Finanzinvestor Capvis verkauft. «Damit ist hessnatur das erste durch und durch nachhaltige Modeunternehmen, das in die Hände eines Private-Equity-Fonds gerät», schrieb damals «Die Zeit» und titelte: «Angriff auf die grüne Seele». «Vor Jahren geäusserte Befürchtungen, dass mit der Übernahme eine Absenkung der sozialen Standards oder eine Reduzierung der Mitarbeiterzahl verbunden ist, haben sich bisher nicht bestätigt», schreibt die Pressestelle auf Anfrage. «Heute beschäftigt hessnatur rund 370 Mitarbeiter und produziert nach wie vor nach den Standards wie etwa GOTS oder den Vorgaben der Fair Wear Foundation.»

«Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmassnahmen.»
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 23.3

Soziale Verantwortung.

Der Schweizer Textil-Experte Ernst Schütz hat für hessnatur den Vertrieb in der Schweiz und in Österreich aufgebaut und war lange Zeit für das Sortiment des Naturtextilvertriebs als auch für dessen Katalog verantwortlich. Im Jahr 2000 wechselte er zum deutschen Umweltversand Waschbär. In den folgenden Jahren vereinte Schütz unter dem Dach der TRIAZ Group GmbH mehrere nachhaltig ausgerichtete Versandhandelshäuser wie Vivanda (ehemals Panda Versand), B&W Naturpflege und PranaHaus. Als Mitglied der Fair Wear Foundation engagiert sich TRIAZ für faire Arbeitsbedingungen in den beauftragten Nähereien. Dass Unternehmen sich auch in den Dienst der Gesellschaft stellen, sei heute zwingend, so Schütz, denn gewisse Aufgaben könnten vom Staat gar nicht mehr übernommen werden. Auch weil die Politik zunehmend die Interessen der Mächtigen statt der Bürger vertritt, hätten Unternehmen heute eine viel grössere Verantwortung als früher, sagt er. «Weil die Wirtschaft heute viel einflussreicher als die Politik ist, muss aus der Wirtschaft heraus selbst ein neues Bewusstsein kommen und die wesentlichen Veränderungsprozesse für eine andere, gerechtere Form der Wirtschaft, müssen angestossen werden.» Doch das kann dauern. 200 Millionen Menschen leben vom Einkommen als BaumwollBauern, 60 Millionen Menschen arbeiten in der Schuh- und TextilIndustrie. Indem wir fair produzierte BioMode kaufen, ermöglichen wir wenigstens einigen von ihnen ein lebenswertes Leben. 

Fotos: istockphoto.com, mauritius-images.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Neue Väter hat das Land

Männer wollen gute Väter sein – und immer mehr von ihnen sind es auch. Aber:...

Kategorie:

Kategorie: Leben

Immer dieser Aktivdienst!

Soll man aktiv leben? Was wäre das Gegenteil? Passiv leben? Das klingt, als...