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Schweizer Mode

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2015 - 01.05.2015

Text:  Tertia Hager

Viel zu schade, um wegzuwerfen: Bei Katja Meyer war es ein ausgedientes T-Shirt, bei Christine Hurst alter Matratzenstoff, der ihre Kreativität beflügelte. Zwei Schweizer Designerinnen im Porträt.

Katja Meyer

Das T-Shirt hätte eigentlich in die Kleidersammlung gehört. Viel zu schön, um wegzugeben, dachte Katja Meyer, setzte sich an die Nähmaschine und machte aus dem alten T-Shirt ihres Mannes eines für ihren Sohn Neo. Das erste Meyka-Vintage-for-Kids-Stück war geboren. Es sollte aber noch gut drei Jahre dauern, bis die Aargauerin ihre aus Altkleidern genähten Kindersachen unter diesem Namen übers Internet und im «Kaufhaus zum Glück» in Aarau verkaufen würde.

Als gelernte Damen- und Herren-Schneidermeisterin war es für die 37-Jährige Ehrensache, nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder an die Nähmaschine zu sitzen. Zuvor arbeitete sie fast zehn Jahre als Designerin beim Schweizer Label Zimtstern und in der Design-Agentur Grand Studio in Zürich im Bereich Sport- und Streetwear. «Es machte Spass, Kinderkleider zu nähen», erinnert sie sich. Sie schuf individuelle Einzelstücke für ihren Sohn und später dann auch für ihre Tochter. «Meine Geduld beim Nähen ist aber nicht allzu gross», erzählt sie. Es musste und muss rasch gehen. Ihre Erfahrung in der Produktion half ihr, unkomplizierte Schnitte zu entwickeln. Sie tüftelte an einer rationellen Verarbeitung und schlichtem Design «ohne Firlefanz». «Es musste in drei Stunden genäht sein.» Mehr Zeit hatte sie nicht.

Auch wenn sie als Designerin Teil der Textilindustrie ist, versucht sie doch die Verlockungen der Modewelt kritisch zu hinterfragen. «Man muss nicht immer im Trend sein. Vielmehr sind einzelne gut kombinierbare Stücke wichtig.» So könne sich ein persönlicher Stil entwickeln, der neben dem Mainstream zwar modisch, aber auch eigenständig daherkomme. «Mode wiederholt sich», sagt Katja Meyer. Sie selbst hat viele alte Kleider, die sie immer wieder neu aufl eben lässt.

Als Katja Meyer begann, aus alten Sachen Kinderkleider zu nähen, staunte sie, wie viel man aus einem vermeintlich alten Stück Stoff herausholen kann. Damit auch das zweite Leben der Textilien als Kinderkleider ein möglichst langes wird, entwickelte die Designerin Hosenmodelle, die mitwachsen; anfänglich können die Hosenbeine gerafft werden – zuletzt funktionieren sie je nach Alter und Grösse des Kindes als eine Art Knickerbocker. «Wichtig ist natürlich auch guter Stoff», erklärt sie, «ein ‹Hudeli› von Stoff lohnt sich nicht weiterzuverarbeiten.» An Rohmaterial fehlt es ihr nicht. Regelmässig bekommt sie von Freunden und Bekannten Säcke mit ausgedienten Kleidern. Was sie nicht für ihre Produktion brauchen kann, gibt sie weiter an Caritas. Aber: «Einen grossen Teil der ausgedienten Kleider kann man bestens nochmals verarbeiten.» Katja Meyer widerspricht dem Vorurteil, dass Stücke aus günstigen Massenkollektionen häufig von schlechter Qualität seien. «Niemand produziert vorsätzlich schlechte Qualität, nur damit der Preis tief gehalten werden kann.» Während ihrer Zeit bei Zimtstern reiste die Designerin regelmässig zu Produktionsstätten in China, anfänglich mit einigen Vorbehalten gegenüber den dortigen Fabriken. Doch sie stellte auch fest, dass viele Produzenten durchaus bereit sind umzudenken, wenn man ihnen die Vorzüge einer nachhaltigeren Produktion erklärt. Sie war dabei als Zimtstern begann, seine Lieferanten und Produzenten von der die Idee des Bluesign-Labels zu motivieren. Sie ist überzeugt: «Alle sind irgendwie daran, ökologischer und fairer zu produzieren.»

«Auch wenn jetzt noch niemand den Überblick über die vielen Labels und Zertifi kate hat, letztlich wird sich das kanalisieren.» Ein Eco-Label sei nicht nur für die Käufer attraktiv, je länger je mehr sei ein solches auch für die Fabriken in Fernost ein Verkaufsargument gegenüber den Auftraggebern aus dem Westen. www.meyka-design.ch

Christine Hurst

Auf dem Zuschneidetisch liegt Christine Hursts neuster Wurf: Badehosen, handbedruckt mit Stempeln aus Moosgummi. «Schwieriger als gedacht», gibt die Schneiderin offen zu. Aber das macht nichts. Im Gegenteil: Die 45-Jährige schätzt Herausforderungen und schwärmt von den unzähligen Möglichkeiten, Stoffe zu verarbeiten. «Momentan habe ich ganz viele Ideen», erzählt sie. So experimentiert sie mit Applikationen oder versucht sich eben mit Bademode.

Die Liebe zu Textilien wurde schon früh geweckt. «Meine Mutter hat alte Matratzenstoffe verwendet, um Sachen abzudecken und vor Schmutz zu schützen», erzählt Christine Hurst, die auf einem Kleinbauernbetrieb im bernischen Lindental aufgewachsen ist. Die Blumenmuster und das Reversible – die Eigenart des Stoffes, ihn sowohl von der linken als auch von der rechten Seite verwenden zu können – faszinierten sie. Schon im zarten Alter von fünf Jahren schenkte Hursts Gotte ihr eine kleine Nähmaschine, mit der sie unter anderem Puppenkleider nähte.

Als Teenager entstand dann das erste Stück für sich selbst – eine Jacke aus Matratzenstoff. Dieser feste Stoff war lange Zeit zusammen mit Frotteeplüsch Christine Hursts Lieblingsmaterial und wurde fast ein bisschen zu ihrem Markenzeichen.

«Durchschnittlich mache ich ein neues Modell pro Monat», erzählt die Designerin. Über 200 Schnittmuster sind so im Verlauf der Zeit schon entstanden. «Manchmal sind es richtige Schnellschüsse», erzählt Christine Hurst. Ist die Idee da, muss sie sofort realisiert werden. Da kann es schon einmal vorkommen, dass sie mit dem Resultat nicht zufrieden ist, das Stück zur Seite legt und zu einem späteren Zeitpunkt erneut begutachtet. Im Gegensatz zu anderen Designern entwirft die Langenthalerin keine ganzen Kollektionen, sondern Einzelstücke, meist nur in einer Grösse. Für die Kundin näht sie das Kleid nach. Das sei ein spannendes Zusammenspiel. Wichtig sei ihr, dass man sich mit einem Kleidungsstück identifizieren könne. Bei allem Ideenreichtum gibt es doch auch so etwas wie Klassiker des Cascade-Sortiments: Zum Beispiel das Etuikleid. «Ein einfacher Grundschnitt, hier muss der Stoff wirken», sagt sie. Und da hat die Kundin dann die Qual der Wahl. Infos: www.cascade.ch

Foto: Pascal Meier

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