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Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2015 - 01.05.2015

Text:  Lioba Schneemann

Farben vermitteln Botschaften und setzen Signale. Sie wirken auf unsere Gefühle und unseren Verstand. Grund genug, die Farbpalette etwas genauer anzuschauen.

Gelb leuchtet der Forsythienstrauch. Pink ist die Gefängniszelle, die beruhigen soll. Schwarz trägt die Trauergemeinde. Türkis schimmert der Badeanzug. Farben beeinflussen unsere Stimmung. Sie wirken unmittelbar, da jeder Reiz vom Sehnerv direkt ins Zwischenhirn gelangt, in eine Region, in der die hormonelle und emotionale Steuerung des Körpers stattfindet. «Mit Lichtgeschwindigkeit transportieren Farben wichtige Botschaften. Das Gehirn reagiert sofort mit unbewussten Reaktionen», sagt die Farbpsychologin und Designerin Daniela Späth aus Zug. Dies erklärt, warum der Einsatz von Farbe heilen und kreative Kräfte mobilisieren kann. Farblichttherapie und Maltherapie machen sich dies zunutze.

Pink gegen Stress.

Wie eine Farbe auf die Psyche wirken kann, zeigt das populäre Beispiel von «Cool Down Pink». Das knallige Pink schmückt Ambulanzen, Räume der Intensivmedizin, Kindergärten und Schulen sowie sogar Gefängniszellen. «‹Cool Down Pink›», haben wir in einer Studie als Versuchsfarbe in Hochsicherheitszellen eines Leben Farben Zürcher Gefängnisses eingesetzt. Damit wurde die Gewaltbereitschaft radikal herabgesetzt», sagt Späth, welche die Studie gemeinsam mit dem Paracelsus-Spital in Richterswil leitete. Die Farbe wirkt rasch blutdrucksenkend, womit ihre Verwendung überall dort sinnvoll ist, wo nervliche Überlastung, Reizüberflutung und Stress vorherrschen.

Farben tragen eine starke Symbolik, die sich kulturspezifisch ändert. In unserer Gesellschaft gelten pinkfarbene und rosa Farbtöne als Mädchen- und Frauenfarben. In der Farbsymbolik ist Rot jedoch eine männliche Farbe, Blau ist weiblich. Farbdesignerin Späth: «Auch kleine Jungen lieben Rosa, aber spätestens im Kindergarten lernen sie, dass dies als Mädchenfarbe gilt.» Herrscher wie Könige, Kaiser und Kardinäle trugen einst das wertvolle Purpurrot, die kleinen Könige – die Prinzen – trugen das «kleine Rot», Rosa. Erst im Verlaufe der Zeit wurde Rosa zu einer Farbe der Diskriminierung. Homosexuelle in den Konzentrationslagern wurden genötigt, einen rosa Winkel an der Kleidung zu tragen. Eva Heller beschreibt in dem Buch «Wie Farben auf Gefühl und Verstand wirken», wie sich Rosa zu einer Mädchenfarbe entwickelte. Mit dem Aufkommen des künstlichen Indigos um 1920 wurde es möglich, Kleider günstig zu färben: Die Kinderkleidung wurde farbig, der Matrosenlook für Jungen war geboren – und damit Blau als Jungenfarbe.

Grün heisst natürlich.

Farben beeinflussen uns auf drei Ebenen des Bewusstseins. Auf der archaischen Ebene verbinden wir Farben mit der Erfahrung aus der Natur: Blau steht für Himmel und Wasser, Grün für Natur und Leben, Rot für Blut und Feuer, Gelb für Sonne, Gott und Geist. Auf der nächsten Stufe erhalten die Farben eine religiöse oder kulturelle Symbolik. Die dritte Ebene, die individuelle Symbolik, die jeder Mensch aus seiner Erfahrung entwickelt, beeinflusst uns beim Kauf von Kleidern, Möbeln und anderen Gegenständen jedoch am stärksten. Auf die archaische Ebene setzt die Werbung: Man denke an «Light»Produkte, die in Hellblau gehalten sind, oder an Tuütensuppen, deren Verpackung viel grüne (pflanzliche Assoziation) und rote (aromatische Assoziation) Farbtöne aufweist.

Farben sind ein elementarer Bestandteil der Kulturgeschichte des Menschen. Bereits in der Antike wurde Farbe als Heilmittel eingesetzt, indem man Kranke mit farbiger Paste bestrich oder in farbige Räume setzte. Die Symbolik der Farben ist einem steten Wandel und je nach Kultur einem starken gesellschaftlichen Kodex unterworfen. Deutlich wird dies an Kleidung und in der Mode. So ist im Westen die Farbe Weiss bei rituellen Übergängen wie Kommunion oder Hochzeit vorherrschend, symbolisiert es doch das Geistige und Reine. In China dagegen ist Weiss die Farbe der Trauer. Die chinesische Braut trägt Rot. Beim afrikanischen Nomadenvolk der Massai symbolisiert Rot die Reife eines Kriegers. Erst ein mit roter Erde bemalter Krieger ist ein erwachsener Krieger.

Blau, erhaben und treu.

Blau wirkt entfernt, kühl, aber auch erhaben und symbolisiert Treue. Die Jungfrau Maria wird als trauernde Mutter oft in einem trüben Blau dargestellt, als Himmelsgöttin dagegen in einem edlen, leuchtend blauen Gewand. In Königsblau wurden die Mäntel der französischen Könige gefärbt. Heutzutage ist Blau bei uns in der Arbeiterkleidung  vorherrschend. Die Farbe unserer Kleidung sendet immer auch eine Nachricht aus: Nicht umsonst tragen Banker, Piloten und mächtige Männer dunkelblaue, anthrazitfarbene oder schwarze Anzüge. «Ein Chef in einem beigen Anzug oder in Jeans wirkt einfach weniger kompetent», ist Therese Hänni, Geschäftsleiterin Koloristika (Ausbildungszentrum für Farbe, Stil und Image), überzeugt. Auf seinen Kleidungsstil und die Wahl der Farben zu achten, sei sehr wichtig und könne manche Türe öffnen, weiss sie aus Erfahrung. Ohne das Basiswissen über die Wirkung von Farben und Stil von Kleidung kann man im Berufsleben oder in einer anderen Kultur schnell einmal «voll daneben» liegen. Darum gilt für den Business-Dresscode wie eh und je, sich vorwiegend in den klassischen Grundfarben zu kleiden, auch wenn das etwas monoton wirken mag.

Orange für Hedonisten.

Vor allem Rot sollte mit Bedacht eingesetzt werden, denn es nimmt auch bei der Kleidung eine Sonderstellung ein. Rot wird meist mit Erotik assoziiert und auch gezielt eingesetzt. Wer Rot trägt, will gesehen werden. Das Gleiche gilt für Orange: Extrovertiertheit und Sinnlichkeit sei die Botschaft, so Farbdesignerin Daniela Späth. «Wer bewusst Orange in der Kleidung aussucht, zeigt auch seinen hedonistischen Charakterzug mit Hang zu sinnlichkörperlichen Genüssen.«Sollte also das schwarze Cocktailkleid durch ein rotes oder oranges ersetzt werden? Schliesslich symbolisiert Schwarz Distanz. Stilberaterin Therese Hänni erklärt: «Es kommt auf den Typ an und in welcher Situation und mit welcher Haltung eine Frau oder ein Mann Schwarz trägt.» Schwarz wirke abgrenzend. Ein schwarzes Kleid mit einem Dekolleté jedoch sei sehr elegant und setze die Trägerin und ihren Charme in den Fokus. «Es gibt Hauttypen, die gut Schwarz oder Dunkelblau tragen können», sagt Hänni. Sogenannte Sommer- und Wintertypen tragen Schwarz, ohne dass die Farbe kalt und distanziert wirkt. Das Gegenteil sind warmtonige Hauttypen, genannt Frühlings- und Herbsttyp. «Frauen mit diesem Hauttyp sollten Schwarz nie ungeschminkt tragen. Sonst kann durchaus die Frage auftauchen, ob man sich unwohl fühle», sagt Therese Hänni.

Fühle ich mich wohl?

Wenn es ums Flirten und die richtige Kleiderwahl gehe, so die Fachfrau, gebe es aber vor allem folgende Fragen zu beantworten: Fühle ich mich wohl in meinem Outfit? Finde ich mich schön? Eine Stilberatung kann über allfällige Unsicherheiten hinweghelfen. Denn keiner lehrt uns, welcher Stil und welche Farben zu uns passen. In unserer Gesellschaft haben viele Regeln keine Gültigkeit mehr. Und diese Freiheit macht es nicht leichter, seine eigene Persönlichkeit zu finden. Hänni zitiert Modeschöpfer Giorgio Armani: «Wer sich selber findet, ist glücklich, und wer glücklich ist, ist schön.» Wer seinen Stil und seine typgerechten Farben kennt, kauft weniger Unnötiges. «Somit trägt man auch in einem gewissen Sinn zu einer ökologischen Lebensweise bei», sagt Stil- und Farbcoach Therese Hänni.

Fotos: istockphoto.com, fotolia.com

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