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Reisen bildet — manchmal sehr

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2015 - 01.04.2015

Text:  Markus Kellenberger

Die Welt entdecken – Reisen hat die Menschen schon immer begeistert, ihnen unvergessliche Erlebnisse und oft auch tiefe Einblicke beschert.

Wer reist, kann etwas erleben – und so führte ich vor wenigen Jahren an einem einsamen Waldrand irgendwo in Bayern das Männergespräch meines Lebens. Mein kleines Zelt hatte ich aufgestellt, Holz gesammelt, übers Knie in handliche Stücke gebrochen und ein hübsches Lagerfeuer entfacht. So sass ich, genoss das Alleinsein, rührte gedankenverloren die in meinem geliebten, alten Pfaditopf vor sich hin köchelnden Teigwaren und freute mich auf den Sonnenuntergang.

In diesem stillen Moment rumpelte plötzlich ein alter, verbeulter Opel Astra aus einem Waldweg heraus, steuerte über die Wiese auf mich zu und hielt direkt vor meinem Lagerfeuer an. Der alte Mann, der darin sass, kurbelte das Fenster hinunter, schaute mich an und fragte: «Sind Sie allein?» Weiter im Topf rührend antwortete ich «ja», und der Mann erwiderte: «Das braucht man ab und zu!» Er kurbelte das Fenster hoch, gab sachte Gas und entschwand mit seinem Gefährt wieder im Wald. Ein kurzer und für mich doch ganz besonderer Moment.

Reisen hat den Menschen zu allen Zeiten unvergessliche Erlebnisse und auch nachhaltige Einsichten beschert. Unzählige Berichte, Geschichten und Zitate zeugen davon. Zweitausend Jahre ist es her, da schrieb der Philosoph Lucius Annaeus Seneca:

«Es kommt mehr darauf an, wie du kommst, als wohin du reisest; deshalb sollten wir unser Herz nicht einem bestimmten Ort verschreiben. Es gilt die Einsicht zum Lebensgrundsatz zu machen, dass man nicht für einen einzelnen Winkel geboren ist, sondern dass die  ganze Welt unser Vaterland ist.»

Gut möglich, dass hinter diesen Zeilen des Römers weniger globale als vor allem imperiale Gedanken steckten, schliesslich war die Welt damals noch eine Scheibe und seine Heimatstadt deren Machtzentrum, das allen eroberten Ländern gnadenlos sein Siegel aufdrückte. Doch moderne Massentouristen muten ja oft auch an wie eine entfesselte Invasionsarmee, die sich nur wenig um die Sitten und Gebräuche der heimgesuchten Länder kümmert. Ihnen allen gehört deshalb unbedingt ein Zitat des deutschen Schriftstellers Theodor Fontane (1819 –1898) mit ins Gepäck:

«Wer reisen will, muss zunächst Liebe für Land und Leute mitbringen, zumindest keine Voreingenommenheit. Er muss guten Willen haben, das Gute zu finden anstatt es durch Vergleiche tot zu machen.»

Weise Worte in einer Welt, die damals wie heute oft voller Vorurteile steckt, voller Sehnsucht nach dem Fremden und gleichzeitig voller Angst vor ihm. Das erlebte ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Amerikaner Samuel Langhorne Clemens auf seinen ausgedehnten Reisen quer durch Europa und weite Teile der USA. Er kam dabei kurz und bündig zum Schluss:

«Reisen ist tödlich für Vorurteile.»

Und mit dieser Erkenntnis kämpfte er fortan unter dem Pseudonym Mark Twain in seinen Reiseberichten und Abenteuerbüchern gegen den alltäglichen Rassismus und Antisemitismus an.

Ja, Reisen verändert die eigene Wahrnehmung. Es lässt Vergleiche mit der Heimat zu, bietet einem die Möglichkeit, eigene und fremde Werte zu hinterfragen, relativiert Vorurteile oder räumt sie gleich ganz aus. Zudem ist es eine einzigartige Möglichkeit, seinen Erfahrungs- und Wissensschatz fern von staubtrockener Theorie lustvoll zu erweitern. Johann Wolfgang von Goethe (1749 –1832), der noch zu einer Zeit durch die Schweiz und Italien reiste, als einem unterwegs weitaus grössere Unannehmlichkeiten erwarteten als ein Stau vor dem Gotthardtunnel, sah das so:

«Die Reise ist ein Spiel; es ist immer ein Gewinn und ein Verlust dabei, und meist von der unerwarteten Seite; man empfängt mehr oder weniger, als man hofft. Für Naturen wie die meine ist eine Reise unschätzbar: sie belebt, berichtigt, belehrt und bildet.»

Goethes Worte haben offensichtlich Spuren hinterlassen, denn Bildungs- und Kulturreisen sind heute im Trend. Zwar ist zwei Wochen lang eingeölt und «all inclusive» am Strand zu liegen für die Mehrheit aller Reisenden noch immer «die» Traumvorstellung von Ferien – aber mit Reisen im Wortsinn hat das rein gar nichts zu tun. Denn, um Robert Louis Stevenson (1850 –1894), Autor des berühmten Romans «die Schatzinsel», zu zitieren:

«Ich reise nicht, um an einen Ort zu gelangen, sondern um des Reisens willen.»

Drei Reisen unternimmt jede Schweizerin und jeder Schweizer im Jahr. Statistisch natürlich. Einige von uns reisen selten, andere viel, und einige von uns sind so häufig im In- und Ausland unterwegs, dass sie morgen schon nicht mehr wissen, wo sie gestern geschlafen haben. So ging es bestimmt auch den Touristen aus Japan, denen ich früher so häufig auf der Seebrücke in Luzern begegnet bin. Ausgespuckt aus einem Car, der sie zehn Tage lang kreuz und quer durch Europa karrte, fünf Minuten Zeit für ein «Klick-und-weg-Foto», dann bei Bucherer zack als Souvenir eine Uhr gekauft und sofort wieder weiter nach irgendwo.

Foto: FFR

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