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Trotzdem reisen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2015 - 01.04.2015

Text:  Martin Arnold

Sind Kompensationszahlungen für Flugreisen nur Augenwischerei, wie dies Kritiker sagen? Die pragmatische Antwort: Das ökologische Ablasshandel ist besser als nichts zu tun.

Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.» Die Ironisierung des katholischen Ablasshandels durch dieses mittelalterliche Sprichwort verdeutlicht: Verzeihung der Sünden gegen Geld ist moralisch fragwürdig. Doch manchmal heiligt der Zweck die Mittel. Auch bei der Klimakompensation. Eigentlich ist das Prinzip einleuchtend: Wer die Luft verschmutzt, soll dafür zahlen. Angefangen hat alles mit der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992. Damals anerkannten die Teilnehmer in ihrer grossen Mehrheit die Tatsache, dass die Menschen mit ihrem Kohlenstoffausstoss das Klima erwärmen.

Um die Umweltbelastung möglichst wirtschaftsfreundlich zu reduzieren, entwickelte der kanadische Ökonom John Harkness Dales bereits 1968 im Buch «Pollution, Property and Prices» die Idee, eine Verschmutzungsobergrenze zu definieren und die schlimmsten Verschmutzer finanziell zu belasten. Damals ging es um den Gewässerschutz. Doch das Prinzip lässt sich übertragen: Jeder Branche kann ein stetig sinkender, aber angemessener Anteil an Verschmutzungsrechten zugestanden werden, die sie wiederum unter ihre Mitglieder in Form von Zertifikaten verteilt. Wer am Ende einer Rechnungsperiode mehr verschmutzt hat, muss Zertifikate von jenen hinzukaufen, die umweltfreundlicher agiert haben. Sie werden so finanziell belohnt. Dass Umweltsünder auch anderswo kompensieren können, ist eine Weiterentwicklung dieses Prinzips. Die Zertifikate ermöglichen den Transfer der Kompensationszahlungen. Sie belegen, wie viel CO2 dank dem Besitzer eingespart wurde. «Das ist ein nachvollziehbarer Wirkungsnachweis für Spender und hat nichts mit Ablasshandel zu tun», erklärt René Estermann, Geschäftsführer von Myclimate. Myclimate ist die wohl bekannteste Organisation, welche Firmen, öffentlichen Institutionen und Privaten ermöglicht, ihren CO2-Ausstoss zu kompensieren. Für Estermann geht es um das Verursacherprinzip. «Heute akzeptiert jedermann, dass man für eine ordentliche Abfallverwertung eine Gebühr für den Kehrichtsack bezahlt. Wieso soll es also kostenlos sein, die Luft zu verschmutzen?»

Würste kompensieren. Am Ursprung von Myclimate stand ein internationales Treffen von Universitätsvertretern aus allen Kontinenten in Costa Rica. Beim Thema Nachhaltigkeit lag die Idee nahe, einmal den eigenen CO2-Beitrag zum Klimawandel auszurechnen, um nach Costa Rica zu kommen. Konsequenterweise sammelten die Teilnehmer gleich an Ort und Stelle 10 000 Dollar und finanzierten Solarkollektoren. Die Schweizer ETHStudenten fanden die Idee so gut, dass sie nach ihrer Rückkehr 2003 Myclimate gründeten und im Internet die Kompensation von Flügen errechneten. Heute bietet Myclimate viele Formen der CO2-Kompensation an. Man kann die CO2-Emmission seiner Reise, seiner Firma oder seines Haushaltes kompensieren. Selbst bei Events brauchen Veranstalter kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Sie können die genutzte Mobilität, Getränke, Würste, die verbrauchte Energie und auch die für die Werbung verwendeten Flugblätter kompensieren.

Der klassische Nutzen bei Myclimate ist jedoch der Rechner für Flugstrecken. Und dort können Kundinnen und Kunden interessante Vergleiche ziehen. Während die Swiss auf ihrem von Myclimate betriebenen Rechner für einen Flug von Zürich nach Berlin und zurück 201 Kilogramm CO2 ausweist, kommt der Myclimate-eigene Rechner auf 348 Kilogramm. Wer den Rechner der 2005 gegründeten deutschen Organisation Atmosfair nutzt, wird gar mit 410 Kilogramm belastet. Wie sind diese grossen Unterschiede zu erklären? Atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen: «Beim Flugverkehr spielt nicht nur der CO2 Ausstoss eine Rolle. Es gibt Ozonbildung und andere Effekte. Das rechnen wir ein.» Wem so die Lust am Flug vergangen ist, bietet Dietrich Brockhagen eine Alternative an: «Wir schlagen die Eisenbahn vor.»

Erst kürzlich lancierte die Organisation Umverkehr eine Online-Petition zur Rettung der europäischen Nachtzüge. Der Bundesrat wird dabei aufgefordert, die bestehenden Verbindungen zu erhalten und den Betrieb von bereits eingestellten Routen wie Zürich–Rom oder Basel–Kopenhagen wieder aufzunehmen (www.umverkehr.ch).

Klimakompensation - ein Wachstumsmarkt
Myclimate in der Schweiz und Atmosfair in Deutschland sind zwei von weltweit rund 300 Organisationen, welche Möglichkeiten zur freiwilligen CO2-Kompensation bieten und Firmen beim CO2-Management beraten. Die Universität Graz bewertete elf europäische Anbieter in Bezug auf die Kompensationsberechnungen von Flugreisen. Am besten schnitt Atmosfair ab. Myclimate belegt den dritten Platz. Während Myclimate 2014 rund eine Million Tonnen CO2 kompensierte, ist es weltweit das Hundertfache. Die rund 100 Millionen freiwillig kompensierten Tonnen CO2 weltweit sind wenig im Vergleich zu den Verpflichtungen. Das 2005 in Kraft getretene Kyoto-Protokoll sieht jährliche Einsparungen von 10,1 Milliarden Tonnen vor bei jenen Ländern, die sich mit einer Unterschrift zu einer Reduktion bereit erklärt haben.

Uneinigkeit bei Anbietern

Skeptisch ist man bei Atmosfair auch gegenüber Klimakompensationen, wie dies die Carsharing-Firma Mobility tut. «Das käme höchstens dann in Frage, wenn die Firma eine klare Strategie hin zu Elektrooder Gasautos hätte», erklärt Dietrich Brockhagen.

Zwischen der Pionierorganisation Myclimate und dem grössten deutschen Kompensationsanbieter Atmosfair gibt es zwar nicht gerade einen ideologischen Graben, aber doch deutliche Meinungsverschiedenheiten. So lehnte Atmosfair eine Zusammenarbeit mit der Swiss-Mutter Lufthansa ab, weil sie nicht ehrlich rechne. «Wir bilden den ganzen ökologischen Fussabdruck ab – oder wir lassen es bleiben. Grüne Mäntelchen hängen wir nicht um», erklärt Dietrich Brockhagen, der damit andeutet, dass bei Myclimate in Zürich der CO2-Ausstoss verhandelbar ist. René Estermann kontert: «Wir sehen das pragmatisch und ziehen kleine Schritte dem Gar-nichts-Tun vor.» Er plädiert dafür, das Kompensieren so einfach wie möglich zu gestalten und zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. «Viele Kunden wollen den Klimaschutz einfach für den Flug, das Heizen mit Gas und das Autofahren im Preis integriert haben.» Während Atmosfair jährlich rund 200 000 Tonnen CO2 kompensiert, sind es bei Myclimate aktuell knapp eine Million Tonnen.

Fotos: istockphoto.com

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