Artikel Leben :: Natürlich Online Unendliche Reise | Natürlich

Unendliche Reise

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2015 - 01.04.2015

Text:  Eva Rosenfelder

Fahrende Völker reisen zwischen Projektionen romantischer Sehnsucht, Ablehnung und Unverständnis. Vom Urkonflikt zwischen fahrendem und sesshaftem Sein.

Bis vor Kurzem wurde der Ausdruck Zigeuner tunlichst vermieden und galt vor allem in Deutschland und Österreich als beleidigend. Wo Nationalsozialisten Hundertausende Roma als Zigeuner und Vaganten vernichteten, lehnten viele ehemals Verfolgte diese Bezeichnung ab. Heute aber bezeichnen sich Roma, Sinti, Lovara, Kalderasch, Lalleri, Manouches, Jerli und Jenische zum Teil selber mit Stolz als Zigeuner und haben sich diesen Namen sogar als Sammelbegriff zu eigen gemacht. Doch die Zigeuner gibt es trotzdem nicht. Viel mehr sind sie eine heterogene Gruppe mit sehr unterschiedlichen Kulturen, die nicht über einen Kamm geschert werden können und das selbst auch nicht wollen.

Surftipps
Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
Bewegung der Schweizer Reisenden / Mouvement des Voyageurs suisses
Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende
Zigeunerkultur
Schäft qwant
Naschet Jenische
Sinti Allianz S.A.D.
Zentralrat Deutscher Sinti und Rom
Das Narrenschiff

Obwohl diese fahrenden Gruppen seit Jahrtausenden mitten unter uns und bis über Europa hinaus in alle Welt verstreut leben, sind sie uns fremd geblieben. In der Schweiz leben 35 000 Jenische, davon 3000 bis 5000 auf Rädern. «Wir sind Eidgenossen», sagt Claude Gerzner, Mitbegründer der Bewegung der Schweizer Reisenden, die im Frühling 2014 medienwirksam mit einer Grossdemonstration auf die Anliegen der jungen Jenischen und auf die fehlenden Standplätze aufmerksam gemacht hat. «Wir arbeiten wie alle Schweizer, zahlen Steuern, leisten Militärdienst.» Typischerweise betreiben Fahrende sogenanntes «ambulantes» Gewerbe wie das Hausieren mit Haushaltartikeln und teilweise selbst angefertigten Produkten, zum Beispiel Korberwaren, erledigen Reparatur-, Unterhalts- und Renovationsarbeiten, so zum Beispiel das Schleifen von Scheren und Messern, betreiben Handel mit Antiquitäten und Recyclingwaren oder sie arbeiten als Artisten und Schausteller. Aber auch das Internet ist prädestiniert für Fahrende, vor allem für die junge Generation. So verdient der Neffe von Claude Gerzner einen Teil seines Auskommens beispielsweise mit der Entwicklung von Apps, wie der «Tages-Anzeiger» in einem Porträt schrieb.

«Der einzige Unterschied ist, dass wir auf Rädern leben», formuliert es Claude Gerzner. Was es heisst, nicht ganz den gängigen Konventionen zu entsprechen, erfuhr er am eigenen Leib. 1968 geboren, ist Claude Gerzner eines der letzten Opfer der Pro-Juventute-Aktion «Kinder der Landstrasse». Unzählige Kinder wurden zwischen 1926 und 1973 ihren Familien entrissen, fremdplatziert, Frauen wurden zwangssterilisiert und Männer interniert. Erst anfangs der 1970er-Jahre ankerkannte man die Jenischen als Schweizer Minderheit – die Aufarbeitung des Geschehenen aber dauert bis heute an. Auch Claude Gerzner wurde seiner Familie entrissen und blieb bis 1986 im Heim verwahrt. «Meine Eltern haben sich immer wieder bemüht, mich zurückzuholen.» Doch man habe ihn mit Handschellen aus dem «Rotl» (jenisch für Wohnwagen) abgeholt und ins Heim zurückgebracht. Aber er schaut vorwärts, will vor allem seinen Kindern ein jenisches Leben ermöglichen. «Es geht auch um das Bewusstsein der Bevölkerung, dass wir ein Recht haben, unsere Kultur zu leben. Wir sind nicht nur von April bis Oktober jenisch, sondern immer.» Das grösste Problem stelle die sehr tiefe Anzahl der Stand- und Durchgangsplätze für Fahrende dar, auf denen sie sich im Winter, respektive während der Reisezeit im Sommer aufhalten dürfen. «Ohne geeignete Plätze können wir Fahrenden unseren traditionellen Lebensstil nicht mehr leben. Diskutieren, so wie der Bund es aktuell vorschlägt, aber erst in drei Jahren konkret werden, das hilft uns wenig», sagt Gerzner, «wir brauchen heute genug Standplätze, sonst stirbt unsere Kultur aus.»

Zigeuner
Bis vor Kurzem haftete dem Wort etwas Beleidigendes und Abwertendes an – und tut es in manchen Ohren wohl immer noch. Doch heute bezeichnen sich Roma, Sinti, Jenische und Manouches selbst und mit stolz als Zigeuner. Die Zigeuner gibt es aber nicht – sie sprechen unterschiedliche Sprachen, haben verschiedene Kulturen und Traditionen und grenzen sich selbst untereinander ab. Der gemeinsame Nenner sind das Misstrauen und die Ablehnung, die Zigeuner seit jeher von Sesshaften zu spüren bekommen. Die gemeinsame Herkunft aller Zigeuner-Gruppen vom indischen Subkontinent, wie sie allgemein vermutet wird, wird von Historikern als Mythos bezeichnet.
+ Roma wird oft als Überbegriff für alle Fahrenden verwendet, die Romanes sprechen. Die Sprache weist auf eine Völkerwanderung hin, die von Indien gegen Osten führte. Romas gibt es in ganz Europa, der Türkei und auch in den USA und Brasilien. Es wird geschätzt, dass heute um die 80 000 sesshaft gewordene Roma in der Schweiz leben.
+ Jenische sprechen kein Romanes, sondern jenisch, eine Sprache mit Lehnwörtern aus dem Jiddischen, Rotwelschen und Romanes. Ihre Herkunft vermutete man als fahrende Händler und mittellose Bauern. In der Schweiz leben rund 35 000 Jenische, 3000 bis 5000 sind nicht sesshaft. Jenische bezeichneten sich einst selbst, als «Leute, die nirgends eine Niederlassung haben».
+ Sinti gelten als die am längsten im europäischen Raum lebende Gruppe Fahrender. Sie grenzen sich von Roma-Gruppen ab. Umgekehrt auch.
+ Lovara Eine weitere Untergruppe, die sich teilweise bewusst nicht als Roma bezeichnet.
+ Kalderasch Die Bezeichnung stammt vom rumänischen «Căldărar», was Kessel bedeutet. Diese Gruppe war einst als Kupferschmiede unterwegs.
+ Lalleri Diese kleine Teilgruppe stammt ursprünglich aus Böhmen und Mähren und nennt sich auch Lallara Sinti.
+ Manouches Das Wort ist abgeleitet aus dem Romanes und bedeutet Mensch. Viele in Frankreich lebende Roma nennen sich so. Jenische bezeichnen fahrende Sinit als Manouches.
+ Jerli Eine weitere Teilgruppe, die vorwiegend in Ländern der ehemaligen Sowjetunion lebt.

Händler und mittellose Bauern

Aufgrund der jenischen Sprache, die jiddische und rotwelsche Elemente enthält und aus verschiedensten Sprachentlehnungen besteht, vermutet man auf eine Herkunft der Jenischen als fahrende Händler und mittellose Bauern. Von den Roma werden sie nicht als ihresgleichen anerkannt, da sie kein Romanes sprechen. Heimisch geworden sind in der Schweiz auch einige Hundert Sinti mit fahrender Lebensweise, die von den Jenischen als Manische bezeichnet werden. Sie gehören der ältesten Teil-Ethnie der Roma an, die vor 600 Jahren in deutsches Gebiet zugewandert ist. Viele von ihnen flüchteten im Zweiten Weltkrieg vor den Gräueln der Nazi in die Schweiz. So auch Nuni Birchlers Grossmutter, die als einzige Überlebende ihrer Sippe aus dem Konzentrationslager fliehen und die Grenze überqueren konnte. «Von ihr habe ich meine Stimme geschenkt bekommen», sagt die Sintiza-Sängerin Nuni. Für ihre Lieder lässt sie sich von der Natur inspirieren, «von der Melodie des wachsenden Grases». Mit dem Bündner Liederpoeten Walter Lietha hat sie 2003 eine CD produziert, die einmal mehr von der Musikalität dieses Volkes zeugt («I dschuchani jag», Narrenschiff Label). Doch für ein aktuelles Gespräch ist die Reisende nicht auffindbar. «Fahrende hinterlassen keine Spuren», sagt Lietha, der sie auch aus den Augen verloren hat, sich jedoch gewiss ist, sie wiederzusehen.

Jede Gruppe hat eigene Sitten. In der Entwicklung von Lebensstrategien haben fahrende Völker eine wahre Meisterschaft entwickelt, die sich in vielen Varianten zeigt. «Zwar sind wir alle Fahrende und Reisende, aber jede Gruppe hat ihre eigenen Sitten und ihre eigene Sprache. Roma haben ganz andere Ansprüche an einen Platz.» Roma und Sinti haben sehr strenge Stammesregeln und eine strikte Sozial- und Geschlechterordnung, wobei die Sippenloyalität eine grosse Rolle spielt. Sie konnten sich trotz des enormen Anpassungsdruckes über Jahrhunderte hinweg bis heute ihre Eigenständigkeit bewahren. Man schätzt, dass heute um die 80 000 sesshaft gewordene Roma in der Schweiz leben. Ein Grossteil dieser Minderheit ist unsichtbar und hat sich in die Schweizer Mehrheitsgesellschaft integriert. Ihm seien keine «einheimischen» Roma auf Rädern bekannt, sagt Claude Gerzner. «Wir begegnen nur Transitfahrenden. Dass wir mit ihnen die Plätze nicht teilen wollen, hat überhaupt nichts mit Rassismus zu tun, wie manche es uns vorwerfen. Diese ausländischen Roma haben eine völlig andere Kultur. Wir Jenischen haben schon genug Probleme, im eigenen Land akzeptiert zu werden. Die Transitfahrenden halten kurzfristig auf unseren wenigen Standplätzen an, lassen Dreck liegen, zahlen manchmal die Miete nicht, machen Lärm und Theater.» Es gebe Gruppen von Roma, die zum Beispiel traditionell keine Toilettenanlage benutzen, weil es als «palecido», als unrein gilt und sie auf dem Weg zur Toilette nicht gesehen werden wollen. Ob diese Erklärung jenen erbosten Landwirten genügen wird, die ihre Felder nach einer Roma-Hochzeit von Exkrementen und Abfällen übersät wiederfanden? «Die wenigsten Durchgangsplätze, welche Gemeinden anbieten, sind für Roma geeignet», sagt Gerzner. Das verschärfe die Platzproblematik und Konkurrenz untereinander. Es brauche auch für Transitfahrende mehr passende Durchgangsplätze.

Urs Walder fotografierte Fahrende in der Schweiz zwischen 1987 und 2005. Der Bildband «Nomaden in der Schweiz» kann direkt bei Ihm bestellt werden.

Fotos: Urs Walder

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Sind Sie glücklich?

Glück ist etwas Flüchtiges.

Kategorie:

Kategorie: Leben

Strafen bringt nichts

Was tun, wenn ein Kind lügt?