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Herrlich müde

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2015 - 01.04.2015

Text:  Thomas Widmer

Mit Ostern verbindet Thomas Widmer ganz Unterschiedliches: feine Schoggi-Eili, ausgefallene Bräuche, das leere Grab Jesu, die Friedensbewegung. Inzwischen hat er sein ganz eigenes Oster-Ritual gefunden.

Lange ist es her, seit ich ein Kind war und Ostern ein echtes, ein grosses Fest. Erinnerungen schwirren mir durch den Kopf. Es sind Einzelbilder: das Körblein aus Flechtwerk im Schummerlicht der Kellertreppe. Grünes, lamettaartiges Kunstgras. Und darin die gefärbten Eier. Aber auch Schoggi-Eili, die ich viel lieber hatte. Eiertütschen und meine Wut, als die Schwester gewann.

Vage habe ich auch im Gedächtnis, wie wir draussen hinter dem Einfamilienhaus in der Wiese, meist noch feucht und schmutzig vom Winterschnee, Eier warfen, was dekadent klingt – und doch tat man das ganz ernsthaft. Keine Ahnung mehr, wie genau es ging, warfen wir auf ein Ziel oder warfen wir einfach so? – Und weswegen genau?

Ostern scheint mir generell ein Mysterium. Ein Rätsel im Ritualraum zwischen Jesu Auferstehung und dem Ei als Globalsymbol mächtiger, gebärfähiger Natur. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» belegte vor zwei Jahren, dass die Mehrheit der Deutschen nicht weiss, was genau der Hintergrund des Festes ist – sicher ist es auch bei uns nicht anders. Die Leute sind froh um die zusätzliche Freizeit am Karfreitag und Ostermontag. Das Grab Jesu, das die Frauen leer vorfinden: Diese starke Bibelszene ist verblasst.

Faszinierend ist das Fest auf jeden Fall. Gerade weil es schillert. Jedes Land steuert eine andere Gepflogenheit bei. In Polen besprengt man sich am Ostermontag mit Wasser. In Russland lässt man die Ostereier weihen. In Griechenland isst man eine Suppe aus Lamm-Innereien. Die Finnen schlagen einander mit Birkenruten, als seien sie in der Sauna. Die Schweden zünden Feuerwerk, um Hexen zu vertreiben. Und die Mexikaner tanzen tagelang durch.

Nicht sehr alt ist der Ostermarsch. Als der Kalte Krieg begann, hatten hierzulande viele Menschen Angst, der Atomwaffen wegen. Man begann an Ostern im Kollektiv zu wandern, eine Langstrecken-Demo im Zeichen des Friedens; manche Teilnehmer trugen Protestschilder. Schon wieder Bilder vor meinem inneren Auge, in Schwarz-Weiss: Männer mit langen Haaren, Koteletten, seltsamen Schlaghosen. Frauen mit kappenartigen Frisuren. Plakate. Klapprige Polizeiautos. Mittlerweile machen ich und mein Wandergrüpplein auch einen Ostermarsch. Letztes Jahr fuhren wir am Ostersamstag mit dem Zug nach Turgi. Dort liefen wir los, erreichten bald die Reuss, liefen und liefen und liefen ihr entlang aufwärts, um sie endlich am frühen Abend zu verlassen und nach Ottenbach abzubiegen; 43 Kilometer waren wir gegangen. Diesen Ostersamstag nun visieren wir 50 Kilometer an. Aber ohne Druck, ohne militärische Haltung; ein offener Versuch.

Eines gefällt mir an unserem Ritual besonders, das übrigens völlig unpolitisch ist: Den Rest von Ostern ist man herrlich müde. Und sehr stolz auf sich. Von der Strapaze hat man grossen Hunger, humpelt immer wieder mal zum Kühlschrank und holt sich ein gefärbtes, gekochtes Ei, das besonders gut schmeckt.

Thomas Widmer, 53, ist Redaktor beim «Tages-Anzeiger» und Wanderjournalist.



Foto: Fachstellen für Öffentliche Bibliotheken NRW / flickr / cc

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