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Tischlein rück dich

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2015 - 01.04.2015

Text:  Andreas Krebs

«Rico, bist du es?». Unser Autor Andreas Krebs wollte wissen, ob Verstorbene durch einen kleinen Holztisch mit uns kommunizieren können. Hier sein Reisebericht der etwas anderen Art.

Gruftis, Druiden, Hexer, Eso-Tanten hatte ich erwartet, Totenköpfe und satanische Musik vielleicht, schummriges Kerzenlicht zumindest. Nichts davon. In einem hell erleuchteten Konferenzsaal eines biederen Hotels in Biel sitzen in einem Kreis Menschen wie du und ich, gut zwanzig an der Zahl, drei davon Männer. In der Mitte sitzen drei Medien – zwei Frauen, ein Mann – um die Attraktion des Abends: ein schlichtes, hölzernes, dreibeiniges Tischlein. Es soll unsere Verbindung sein zu Geistern.

Besuch aus der Anderswelt.
Meine Lebenspartnerin hatte mich gewarnt: Mit so was spasst man nicht! Sonst werde man von Dämonen besessen, verrückt! Genau, antwortete ich, darum gehe es: Das Tischlein wird ver-rückt. Von Hand, mit den Knien, einem Seil, wie auch immer, stellte ich mir vor. Schliesslich gehört die Schwerkraft zu den verlässlichen Dingen auf dieser Welt; Nichts fällt nach oben, in der Regel bleiben die Dinge, wo sie sind, ausser der Mensch verrückt sie. Meine Frau begeistert sich für Engel, Orakel, esoterische Literatur, und nun diese Ablehnung des angeblich Übersinnlichen – kein Spass, das Tischlirücken?

Das Surfen im Internet hätte ich besser sein lassen. Schaurige Geschichten über das okkulte Treiben hinterliessen ein flaues Gefühl. Irritiert wendete ich mich an meinen besten Freund, der seit neustem auf spirituellen Pfaden wandelt. «Wenn die das richtig machen, kommen keine bösen Geister», versichert er mir. Na dann!

Und so fuhr ich also nach Biel, trat ein in das Hotel, fand am Anschlag den Hinweis «Table Work» in Saal 2, wurde willkommen geheissen, bezahlte 20 Franken, überflog das Dutzend Flyer und Prospekte mit allerlei Angeboten der drei Medien, setzte mich ins Rund, musterte die Anwesenden und Ankommenden: zwei junge, hübsche Mädels mit wachem Blick; hauptsächlich Frauen zwischen 40 und 60, herausgeputzt; eine grossmütterliche Bäuerin; ein grauhaariger Mann mit mächtigem Bauch und mächtigem Bart und Arbeiterpranken, Holzfällerhemd und Heilandlatschen; auch der andere Teilnehmer macht einen bodenständigen Eindruck. Keine verklärten Blicke. Kein heiliges Getue. Nichts Esoterisches. Getuschel und Plauderei. Einige kennen sich von früheren Tischlirück-Sessions; sie werweissen, wer sie heute wohl besuchen wird aus der Anderswelt.

Das männliche Medium – Schnauz, hellblaues Seidenhemd, Hochwasserhose – gibt eine kurze Einführung, zeigt das Tischlein von allen Seiten, erklärt, dass die Verstorbenen via dieses hundskommune Tischlein Fragen mit Ja (einmal wippen) oder Nein (zweimal wippen) beantworten könne, sagt, dass sich ihre Energie unter dem Tischlein manifestieren werde, sodass es sich bewege. Im Dunkeln sei diese Energie manchmal sogar sichtbar. Aber es bleibt hell. Das ist mir recht. Ich rechne ja mit Tricks und will alles ganz genau sehen.

Die Drei sprechen ein kurzes Gebet, laden alle Geister, die im Licht sind, ein, an der Session teilzunehmen. Dann halten sie locker ihre Hände auf das Tischlein, die Finger gespreizt, konzentrieren sich ohne in Trance zu fallen zwanzig, dreissig, vierzig Sekunden lang. Da beginnt das Tischlein doch tatsächlich zu vibrieren! Kein Knie unter dem Tisch, kein sichtbarer Druck der Hände. Wir Umsitzenden ziehen den Drei die Stühle weg und schon ruckelt, dreht und kippt das Tischlein in einem weiten Bogen zu einer eleganten Mittfünfzigerin. «Mami, bist du es?» fragt sie. Ja, antwortet das Tischlein, und schon bald fliessen Tränen.

Wie von Geisterhand. Eltern, Freunde, Ehemänner kommunizieren via Tischlein mit uns. Es rotiert, rollt und rast wie von Geisterhand getrieben von hier nach da und von da nach dort, so schnell, dass die drei Medien manchmal nur mit Mühe folgen können. Es dreht sich um die eigene Achse, bäumt sich bald nach dieser, bald nach jener Seite, einmal fällt das Tischlein gar um. Zweimal kommt es zu mir (an zwei Verstorbene habe ich bei der Hinfahrt auch besonders fest gedacht). Wie die Medien lege ich die Hände locker auf. Ganz genau schaue ich: Da wird nicht gemauschelt, kein Schabernack, kein Trick, zumindest kein plumper. Baff plaudere ich mit meinem Grossvater, dann mit einem guten Freund, der vor bald zwanzig Jahren einem Hirntumor erlegen ist. Auch mir treibt es bei der Erinnerung das Augenwasser. Zugleich bin ich freudig erregt – kommuniziert da wirklich Rico mit mir?! Das Tischlein tanzt vor Erregung.

Tischrücken – Kommunikation mit dem eigenen Unterbewusstsein
Das Tischrücken kommt in den 1850er-Jahren aus den USA nach Europa und wird schnell populär; sogar gelehrte Gesellschaften und Akademien beschäftigen sich damit. Kritiker sprechen von einer «Tischrück-Epidemie». 1853 erklären die Physiker Michael Faraday und François Arago, dass nicht Geister für die Bewegungen verantwortlich sind, sondern unbewusste Muskeltätigkeiten der Teilnehmer, bei denen Erwartung und Autosuggestion gesteigert sind. Man bezeichnet derartige unbewusste Bewegungen, die durch lebhafte Gedanken und Vorstellungen zustande kommen, als «ideomotorische Bewegungen». Der Carpenter-Effekt wiederum besagt, dass das Sehen einer bestimmten Bewegung sowie – in schwächerem Masse – das Denken an eine bestimmte Bewegung die Tendenz zur Ausführung ebendieser Bewegung auslösen.
Der Carpenter-Effekt bietet für viele okkulte Praktiken wie beispielsweise Pendeln oder Gläserrücken eine Erklärung, die auch in der Wissenschaft zitiert wird. Das Resultat der Tischlirück-Session stammt demnach nicht von verstorbenen Menschen, sondern wird unbewusst von den Erwartungen der Lebenden gesteuert: Es ist der Fragende selbst, der sich seine Fragen beantwortet. Was über das bewusste und unbewusste Wissen oder Vermuten der Teilnehmer hinausgeht, das bleibt auch der «Kenntnis» des Tisches verborgen.
Gefahren: Manche Menschen benutzen spiritistische Techniken als Entscheidungshilfe in allen Lebenslagen. Dadurch wird die eigene Entscheidungsfähigkeit geschwächt: Je nach Set (mentale Verfassung der Teilnehmer) und Setting (Umgebung) kann Tisch-, Gläserrücken und Ähnliches tiefe Ängste auslösen. In Einzelfällen endet dies in einer psychotherapeutischen Behandlung oder schlimmstenfalls gar in der Ausführung verhängnisvoller Handlungen.

Ver-rückt, das Ganze! Kommunizieren wir wirklich mit Verstorbenen?! Oder wirken da andere Kräfte?! Ist diese Frage überhaupt relevant? Immerhin gedenken wir den lieben Verstorbenen. Und in der Runde der Lebenden geschieht offensichtlich Heilung. Nach einer guten Stunde ist der Spuk vorbei. Wir bedanken uns bei den Seelen aus der Anderswelt, verabschieden uns dann voneinander und tauchen wieder ein in die profane Wirklichkeit.

Andreas Krebs ist freier Journalist und schreibt regelmässig für das «natürlich». Er glaubt, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich der Mensch vorstellen kann. In einer losen Serie will er diese ergründen.



Illustration: istockphoto.com

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