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Weisser Zauber

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2015 - 01.04.2015

Text:  Philipp Bachmann (Bearbeitung Tertia Hager)

Im Frühling gibt es kaum etwas, das Herzen auf so simple Art leichter macht wie eine Wanderung inmitten einer Landschaft blühender Kirschbäume.

Blustfahrten ins Baselbiet gehörten früher zu den bevorzugten Sonntagsvergnügen der älteren Generation. Wenn im Frühling die Kirschbäume ihre schneeweissen Blüten entfalteten, fuhren die Seniorinnen mit ihren Gatten carweise auf den Tafeljura, erfreuten sich an der hellen Blütenpracht und genossen ein feines Mittagessen in einer Landbeiz. Heute sind Carfahrten ins Kirschenland nicht mehr so gefragt wie früher. Doch die Faszination der blühenden Obstbäume ist geblieben. Und ist es nicht ohnehin am Schönsten, die weisse Pracht bei einem Spaziergang oder einer Wanderung zu geniessen? Im Aargauer Fricktal und im Baselbieter Tafeljura gibt es etliche längere und kürzere Wanderwege entlang der blühenden Kirschbäume. Die sanften Jurahänge bieten der Kirsche ideale Bedingungen. Kirschbäume bevorzugen leichten, kalkhaltigen Mergelboden, wie er im Jura häufig vorkommt. Anfang des 20. Jahrhunderts machte der Kirschenanbau bei vielen Bauern einen wesentlichen Teil des Einkommens aus.

Naschen erlaubt. Im Fricktal lädt beispielsweise der 5,5 Kilometer lange «Chriesiwäg» zu einer Rundwanderung inklusive Informationstafeln und offizieller Nascherlaubnis – von markierten Bäumen dürfen Früchte probiert werden (www.jurapark-aargau.ch). Wer das Wandern auf geteerten Strassen nicht scheut, wird Gefallen an der Baselbieter Wanderung von Zeglingen nach Gelterkinden finden. Beim Ausflug in diese wunderbare Kulturlandschaft muss man jedoch längere Hartbelagstrecken in Kauf nehmen. Die Wanderroute führt zuerst steil hinauf zum Aussichtspunkt Zigflue, von wo man einen prächtigen Überblick über die Felder und Wälder und einige der schönsten Dörfer des Oberen Baselbiets erhält. Danach steigt man an der nördlichen Bergflanke hinunter nach Oltingen. Das schmucke Dörfchen liegt inmitten von Kirschbäumen harmonisch eingebettet zwischen sanften Wiesenhängen. Die Kirche aus dem 13. Jahrhundert bildet zusammen mit dem markanten Pfarrhaus, der Pfarrscheune, dem Beinhaus und dem ummauerten Friedhof ein eindrückliches Ensemble. Noch berühmter sind die spätmittelalterlichen Fresken im Innern der Kirche, welche das Jüngste Gericht darstellen und erst 1956 dank dem Spürsinn des Dorflehrers Weitnauer bei einer Renovation entdeckt worden waren.

Auch Anwil, das nächste Ziel der Wanderung, gehört auf die Liste der schönsten Baselbieter Dörfer. Die beste Sicht auf den alten, kompakt gebauten Dorfteil hat man von der südlichen Anhöhe, die auf dem Flursträsschen von Oltingen kurz vor Anwil erreicht wird. Schön gestaffelt, Giebel hinter Giebel, stehen die alten Mehrzweckhäuser am Gegenhang. Charakteristisch für das Baselbieter Haus ist der «Knick» im Satteldach, die sogenannte Würgi. Diese Knickung im unteren Teil des Daches brachte mehr Licht in die Posamenterstuben. Denn von vielen Bauernfamilien des Oberbaselbiets wurden im 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kunstvolle Seidenbänder – sogenannte Posamenten – in Heimarbeit hergestellt. Die Fortsetzung der Wanderung führt hinunter ins schmale Ergolztal mit zwei Weiherbiotopen und gleich wieder hinauf auf die Tafeljurafläche von Wenslingen.

Geschütztes Ortsbild. Auch dieses Dorf ist im Bundesinventar der geschützten Ortsbilder verzeichnet und weist eine Reihe stattlicher Bauernhäuser auf. Doch die Umgebung von Wenslingen sieht seltsam leer aus; eine weite, fast baumlose Ebene zieht sich bis Oltingen hin. Moderner Ackerbau und Bäume passen eben nicht gut zusammen. Kompensiert wird diese Baumarmut durch das Grossholz, den prächtigen Buchen-Eichen-Wald, der sich auf der Juratafel zwischen Wenslingen und Ormalingen ausbreitet und die Ostflanke des Eitals bei Tecknau bedeckt. In Gelterkinden schliesslich lohnt es sich, noch einen Abstecher in die schönen Quartiere beim Römerweg zu machen. Der Bahnhof ist von dort in rund 15 Minuten erreichbar.

Das Buch «Die schönsten Wanderungen im Jura» von Philipp Bachmann ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Blustwanderung im Baselbiet
• Ausgangspunkt
Mit dem Zug nach Gelterkinden, dann mit dem Postauto nach Zeglingen, Oberdorf.
• Endpunkt
Mit dem Zug ab Gelterkinden nach Basel oder Olten.
• Wanderzeit
3 3/4 Stunden
• Höhendifferenz
400 m Aufstieg
620 m Abstieg
• Route
Von Zeglingen Oberdorf gemäss Wegweiser vorerst auf einem Teersträsschen, nach dem obersten Bauernhof auf Feldwegen und teilweise sehr steilen Waldpfaden hinauf zur Zigflue. Beim Wegweiser nach links auf einem nicht markierten Pfad zum Aussichtspunkt Zigflue (P. 759). Auf demselben Pfad zurück, am Wegweiser vorbei und kurz danach links über den felsigen Hang abwärts, dann durch den Wald und die Obstbaumwiesen nach Oltingen. Nun auf der Strasse Richtung Anwil, nach 200 Metern nach rechts auf ein wenig befahrenes Flursträsschen und hang-parallel am Reizackerhof vorbei nach Anwil. Beim Dorfbrunnen gemäss Wegweiser die Dorfstrasse hinauf und dann ins schmale Ergolztal hinunter. Die Hauptstrasse überqueren, am Talweiher vorbei, den Gegenhang hinauf und auf Wiesen- und Feldwegen über den Tafeljura nach Wenslingen. Dann der Hauptstrasse nordwärts folgen bis zur scharfen Linkskurve unten im Wald; dort auf einem markierten Pfad schräg aufwärts zur Geländekante und dieser Kante folgen. Vor dem Gehöft Ärntholden nach links und gemächlich abwärts nach Gelterkinden oder geradeaus und steil hinunter nach Ormalingen (Postautohaltestelle).
• Karten
Landeskarte 1: 25 000
1088 Hauenstein
1069 Frick
1068 Sissach
Landeskarte 1: 50 000
224 T Olten
214 T Liestal
• Restaurants
Oltingen: Spielhof, Schlafen im Stroh, Telefon 061 991 94 16, www.erlebnis-spielhof.ch
Restaurant Ochsen, Telefon 061 991 03 10
Restaurant Traube, Telefon 061 991 09 06, www.traube-oltingen.ch
Anwil: Restaurant Jägerstübli, Telefon 061 991 02 11, www.jaegerstueblianwil.ch
Restaurant Reblaube, Telefon 061 991 01 27
Wenslingen: Restaurant Dorfbeizli, Telefon 061 991 02 11
Restaurant Rössli, Telefon 061 991 03 02
Gelterkinden: diverse Lokale
• Varianten
Von Anwil durch das Ergolztal via Rothenfluh und Ormalingen nach Gelterkinden: etwas kürzer, aber viel Asphalt und im letzten Abschnitt dicht besiedelt. Von Wenslingen in einer halben Stunde hinunter zum Bahnhof Tecknau.
• informationen
www.basellandtourismus.ch

Foto: Philipp Bachmann, AT Verlag, www.at-verlag.ch

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