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Frisch verliebt!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_02_2015 - 01.02.2015

Text:  Rita Torcasso

Will man nach langen Ehejahren im Alter eine neue Beziehung eingehen, braucht das nicht nur viel Offenheit, sondern auch Geduld – das gilt insbesondere für Frauen.

Seit gut fünf Jahren leben Max und Elisabeth zusammen, sie ist 61, er 66 Jahre alt. Für beide war es ein Neuanfang: Sie war geschieden, er seit fünf Jahren Witwer. Er strahlt, als sie von ihrem ersten Treffen erzählt. Sie wohnten im selben Dorf und kannten einander flüchtig. «Nach seiner Einladung zum Nachtessen sahen wir uns dann jeden Tag, nach einem Jahr zog ich offiziell bei ihm ein», sagt sie. Beide betonen, dass ihr heutiges Glück viel mit Lebenserfahrung zu tun habe. «Wir schränken uns gegenseitig nicht ein und lassen uns unsere Freiheiten.»

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ZDF-Sendung vom 20.8.2013: Alter schützt vor Liebe nicht

Elisabeth nennt als einen Grund, warum sie sich scheiden liess, dass sie während der Ehe nie das Gefühl hatte, dass beide auf derselben Ebene stehen. «Mir fehlte die Luft zum Atmen.» Max spricht von seiner Ehe als einem lebendigen Austausch. Doch er konnte die sexuelle Ausschliesslichkeit über drei Jahrzehnte nicht einhalten. Zwischen ihm und seiner Frau blieben die Aussenbeziehungen ein ausgespartes Thema. Er bemerkt, dass er heute offener mit einer solchen Situation umgehen würde. «Der Stellenwert der sexuellen Freiheit hat sich für mich gewandelt», sagt Max. In der neuen Partnerschaft ist Sexualität ein wichtiges Thema. «Doch das heisst nicht, dass wir die ganze Zeit ‹Psychologisieren›», sagt Elisabeth. Es laufe viel von selber, weil sie ähnliche Bedürfnisse hätten. Sie betonen, dass die grösste Schwierigkeit im Alltag sei, sich wirklich genügend Zeit füreinander zu nehmen. Ihre Freizeitinteressen decken sich nur in wenigen Bereichen. «Deshalb müssen wir immer wieder von Neuem ausdiskutieren, was uns gemeinsam wichtig ist und wo wir bereit sind, Kompromisse zu schliessen», erklärt Max.

Scheidung nach drei Jahrzehnten

Immer öfter werden in der Schweiz Ehen nicht mehr nach dem verflixten siebten Jahr, sondern nach drei Jahrzehnten des Zusammenlebens geschieden, heute sind es bereits über ein Drittel. In einer Untersuchung der Universität Bern zum Thema der späten Scheidungen wurden 1100 Personen befragt. Sie nannten als häufigsten Grund Auseinanderleben, am zweithäufigsten Inkompatibilität, an dritter Stelle, dass sich der Partner oder die Partnerin verliebt haben. Fünf Jahre nach der Scheidung lebten 60 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen in einer neuen Partnerschaft. Als die grosse Liebe bezeichnete die Hälfte der Frauen und knapp 40 Prozent der Männer die vergangene Partnerschaft, für je ein Drittel war es der neue Partner oder eine andere Person, ein Fünftel gab an, nicht an die grosse Liebe zu glauben.

Frauen suchen länger

Im Alter geht man Partnerschaft pragmatischer an. Über die Hälfte der älteren Singles suchen im Internet nach einem neuen Partner. Ursula Mettler von der christlichen Partnervermittlung «Unterwegs zum Du», welche seit fast 80 Jahren Paare zusammenführt, sagt: «Bei der Altersgruppe 60plus schätze ich die Ernsthaftigkeit. Es sind ehrliche Gespräche mit mehr Gelassenheit und weniger Erwartungsdruck». Die meisten von ihnen finden schliesslich einen neuen Partner, doch Frauen müssen einiges mehr an Zeit und Geduld aufbringen. «Männer wünschen sich öfter jüngere Frauen und schauen mehr aufs Äussere, Frauen suchen Austausch und möchten gemeinsame Interessen verwirklichen.» Die Voraussetzung, dass man jemanden finde, sei Offenheit und eine gewisse Flexibilität, so die Vermittlerin. Sie betont: «Von Anfang an muss klar sein: Es ist ein Geschenk, wenn es klappt, man kann nichts erzwingen.»

Liebe kennt kein Alter

2013 heirateten in der Schweiz knapp 1600 Männer und 630 Frauen, die 60 Jahre und älter waren. Laut der ZDF-Doku-Sendung «Alter schützt vor Liebe nicht» suchen Frauen eher eine Partnerschaft mit getrennten Wohnungen, Männer hingegen wünschen sich in der Regel, was sie hatten: eine Hausfrau, die sie nötigenfalls auch pflegen wird. Einer der Hauptgründe für die Suche ist für beide die Sexualität. In einer Studie gaben 97 Prozent der männlichen Senioren zwischen 65 und 69 Jahren, den Wunsch nach Sexualität an, bei den Frauen waren es 80 Prozent. Bei den 70 bis 74-jährigen Männern waren es 88 und bei den Frauen 62 Prozent.

Alter schützt vor Torheit nicht, sagt der Volksmund. Denn: Je nach Untersuchung gehen 60 bis 70 Prozent der Paare, die sich nach 50 kennenlernen, wieder auseinander. Was Paare zusammenhält, untersuchte der Sozialwissenschafter Oliver Arrànz Becker. Sein Fazit: Echte Freundschaft schmiedet stärker zusammen als die Herzklopfdramatik der sogenannt grossen Liebe. Wichtig für das Beziehungsglück ist, Vertrauen fassen und sich über Intimes austauschen zu können, als erstrangigen Beziehungskiller bezeichnet er die Haltung «Alles mit einem für immer.» Weniger entscheidend für die Stabilisierung sei hingegen die sexuelle Zufriedenheit.

Es braucht mehr Übereinstimmung

Nach fünf Jahren Zusammenleben sagt Max: «Es braucht Vertrauen, Toleranz und Offenheit, damit die Beziehung hält. Und im Alltag mehr Übereinstimmungen als in jungen Jahren, weil man sich nicht mehr von Grund auf verändern kann.» Elisabeth hatte mit 55 ihr Leben nochmals neu begonnen, denn aus dem Familienhaus nahm sie, ausser einigen Erinnerungsstücken und Kleidern, nichts ins gemeinsame Heim mit. «Es hatte etwas Befreiendes, das Alte loszulassen», betont sie. Heute zählt für sie am meisten, «dass kein Gefälle zwischen uns besteht». Für Max ist wichtig, «dass ich mich auf die Partnerschaft verlassen kann». Beide können sich eine zweite Heirat vorstellen. 

Literaturtipps
Anne Stabrey: «Liebe bleibt jung. Geschichten um Sehnsucht und Partnerschaft von Menschen über sechzig», Verlag Gatzanis
Barbara Lukesch: «Klaus Heer, was ist guter Sex?», Wörterseh Verlag
Klaus Heer: «Ehe, Sex & Liebesmüh», Salis Verlag 58 Beziehungen Leben

Foto: mauritius-images.com

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