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Die Zeitschinder

Kategorie: Leben
 Ausgabe 4 - 2009 - 01.04.2009

Text:  Harmut Volk

Das Aufschieben von Pendenzen kennen wir alle. Doch das Laster kann auch zum Zwang werden. Dahinter können mangelndes Selbstwertgefühl oder Perfektionismus stehen.

Die Erledigung von Aufgaben und Vorhaben, die wichtig, vorrangig oder termingebunden sind, werden wieder und wieder hinausgeschoben, wobei das Aufschieben als unkontrollierbar erlebt wird. Das Bemerkenswerte dabei ist für Rückert, ein Berliner Psychologe und Psychoanalytiker, dass Menschen, die so von ihrem Aufschiebezwang beherrscht werden, nicht etwa faul auf der Bärenhaut liegen. Nein, sie tun etwas viel Verheerenderes: Sie wechseln von einer Tätigkeit zur anderen. Und zwar immer dann, wenn die Anspannung einen kritischen Wert erreicht. So bringen sie nichts zu Ende!

«Psychologisch gesprochen», so Rückert, «fehlt zwanghaften Aufschiebern die Impulskontrolle und überdies die Fähigkeit, sich mit wichtigen eigenen Zielen zu identifizieren und sich entsprechend konsequent zu verhalten.» Womit ein weiteres Wesensmerkmal zwanghafter Aufschieber erkennbar wird: keine zuverlässige Konzentration auf den Arbeitsprozess und der mangelnde Blick für das Wesentliche. Rückert charakterisiert zwanghafte Aufschieber so:
• fehlende oder ungeeignete Planungs-, Organisations- und Arbeitstechniken
• fehlende oder ungeeignete Selbststeuerungsfähigkeiten
• hohe Impulsivität, hohe Unachtsamkeit für den Prozess der Aufgabenerledigung, Misserfolgserwartungen
• uneindeutige Motivationslagen hinsichtlich der Aufgaben oder ihrer Erledigung• geringe Toleranz für Frustrationen und negative Emotionen
• spannungsgeladene innere Konflikte
• unrealistische Ansprüche an sich selbst
• irrationale Einstellungen

Schutz des Selbstwertgefühls

Aufschieben kann aber auch maskierter Ausdruck eines ungelösten inneren Konflikts sein. Ein weiteres Aufschiebemotiv ist vermeintliche Bedrohungen des Selbstwertgefühls zu vermeiden. Exakt dieses Motiv, nicht in einem schlechten Licht dazustehen, kann auch Perfektionisten ins Unglück der Aufschieberei treiben. Perfektionistisch Veranlagte leiden, gelingt ihnen nicht auf Anhieb Vollkommenes

Anleitung gegen zwanghaftes Aufschieben
• Erstellen Sie eine Liste von den Dingen, die es zu erledigen gilt.
• Lassen Sie diese Liste etwas liegen, gehen Sie sie dann noch einmal mit dem so gewonnenen inneren Abstand durch. 
• Konzentrieren Sie sich dabei auf das wirklich Wesentliche. 
• Halten Sie die Ziele, die Sie nun fest entschlossen anstreben, schriftlich fest.
• Überlegen Sie, wie Sie diese Ziele in kleinen Schritten realisieren können.
• Überschlagen Sie den Zeitaufwand bis zur gewünschten Zielerreichung – und dann verdoppeln Sie ihn. 
• Schauen Sie sich in Ihrem Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz um.
• Belohnen Sie sich! Nicht nur für das geplante, auch für erreichte Etappenziele.
• Hilfreich und nützlich kann ein Veränderungstagebuch sein, in dem Sie Ihre Fortschritte, aber auch die Fehlschläge notieren.

Aufschieben als Verweigerung

Ein gar nicht mal so seltenes Aufschiebemotiv ist auch passiv-aggressive Widersetzlichkeit. Hier ist das Aufschieben der Kompromiss zwischen äusserer Gefügigkeit und innerer Auflehnung. Grundsätzlich, so Rückert, gelte für pathologische Aufschieber: Je stärker Leistungen, Erfolge und äussere Anerkennung mit dem Selbstwertgefühl gleichgesetzt würden, desto grösser erschienen die Risiken von Pleiten. Folglich werde versucht, sie durch Aufschieben zu umgehen.Was tun, um der Sache Herr zu werden? Das ist nicht ganz einfach. Fühlt jemand, dass ihm die Handlungskontrolle über sich entgleitet, rät Rückert, sich nach professioneller Hilfe umzusehen. „Glaubt jemand jedoch, die Dinge mit etwas mehr Selbstdisziplin in den Griff zu bekommen, ist das sogenannte BAR-Programm einen Versuch wert“, sagt der Fachmann. Das Kürzel BAR steht für „Bewusstheit, Aktionen und Rechenschaft“.

Literatur
• Rudolf Stross: «Die Kunst der Selbstveränderung – Kleine Schritte – grosse Wirkung», Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2008, Fr. 30.90
• Hans-Werner Rückert: «Schluss mit dem ewigen Aufschieben – Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen», Campus Verlag 2006, Fr. 32.90
• Hans-Werner Rückert: «Entdecke das Glück des Handelns. Überwinden, was das Leben blockiert», Campus Verlag, 2004, Fr. 35.90

Foto: ©Irisblende.de

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