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Inch Allah - so Gott will

Kategorie: Leben
 Ausgabe 4 - 2009 - 01.04.2009

Text:  J. Christoph Bürgel

Für viele gläubige Muslime ist der Koran die Hauptquelle für ihre Gesundheit. Mehr als moderner Medizin vertrauen sie auf die Kraft der sogenannten Prophetenmedizin. Wie entstand diese spezielle Heilglaube – und was verbindet ihn mit westlicher Heilkunde?

Der Gegensatz, zwischen der von den Griechen ererbten, nach seinem wichtigsten Vertreter benannten wissenschaftlichen oder galenischen Medizin und der prophetischen Medizin, die man dem Propheten Muhammad zusprach, erinnert an ähnliche Bruchlinien, wie sie auch westliches Heilwesen durchziehen. Zum Beispiel an den grundlegenden Konflikt, der zwischen der Schulmedizin und einigen Formen der Naturheilkunde besteht. Genauso ist es mit der Prophetenmedizin im Islam. Auch sie entstand aus religiösen Motiven, aus dem Wunsch heraus, dem Vorbild des Propheten auch in medizinischen Dingen zu folgen. Die galenischen Ärzte folgten dem Vorbild und den Lehren Galens. Die Galeniker, nahmen in Anspruch, im Namen der Vernunft, der Ratio, zu handeln, die andern, die Frommen, dagegen im Namen einer göttlich inspirierten Weisheit.

Griechische Lehre der Vernunft

Im Zentrum der von Galen (129 bis 199) vertretenen Medizin steht die sogenannte Humoralpathologie, also die Lehre von den vier Säften Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle, denen Eigenschaften wie Wärme und Kälte zugeordnet wurden. Gesundheit beruht auf der Ausgewogenheit der Säfte, ein Ungleichgewicht bewirkt Krankheit. In dieses einfache System wurden nun Krankheiten ebenso wie Medikamente eingeordnet und manchmal wohl auch hineingezwängt. Zusätzlich verbirgt sich hier der Anspruch, nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele zuständig zu sein.

Die Ratschläge des Propheten

Ungeachtet erwuchsen dem galenischen Prinzip Gegner, und zwar in den Reihen der Orthodoxie. Der Islam hat immer eine starke Fähigkeit besessen, Neues aufzunehmen; aber stärker noch als seine Fähigkeit, Fremdes zu assimilieren, war und ist seine Kraft, das mit seinem Wesen nicht Vereinbare abzuwehren und auszusondern. Denn: Es gibt für den frommen Muslim nur eine Autorität in allen Lebensfragen, und zwar Gott, dessen Wille sich in letztgültiger und unabänderlicher Form im Koran kundgetan hat und der seinen eigenen Aussagen zufolge Frohbotschaft, Rechtleitung, Gesetz, Wissen, Weisheit und Licht bringt. Das Motiv für die Entwicklung der Prophetenmedizin ist also religiöser Natur. Es ging darum, für den gläubigen Muslim, der Skrupel hatte, die von Heiden stammende, von Nichtmuslimen praktizierte Medizin für sich in Anspruch zu nehmen, eine religiös akzeptable Heilpraxis zu begründen.

Der Autor
J. Christoph Bürgel, 1931, war von 1970 bis 1995 Ordinarius und Direktor des Instituts für Islamwissenschaften an der Universität Bern. Er hat zahlreiche Publikationen zum Thema islamische Kultur-, Wissenschafts- und Literaturgeschichte veröffentlicht. Für seine Übersetzungsarbeiten aus dem Arabischen, Persischen und Urdu erhielt er verschiedene Preise.

Die Kraft der Bannsprüche

Neben den teils harmlosen, teils dubiosen Medikamenten steht die religiöse Magie, der Heilzauber (ruqan) in Form von Bannsprüchen, die von magischen Gesten begleitet sind. Solche Bannsprüche sind zum Beispiel die beiden letzten Suren des Korans. Welche Wirkungen hat die Prophetenmedizin nun erreicht? Sie hat in einem freilich sich über Jahrhunderte hinziehenden Prozess die galenische Medizin teils verdrängt, teils so durchdrungen, dass das einst auf rationalem Argumentieren, auf dem Glauben an die in der Natur waltende Kausalität beruhende System in eine magisch durchwachsene islamische Heilpraxis verwandelt wurde.

Keine Heilung ohne Glauben

Engagierte Vertreter der Prophetenmedizin wollten sich freilich mit der Gleichberechtigung beider Systeme nicht begnügen, vielmehr die galenische Medizin der prophetischen unterordnen. Bei allem Negativen, was die Prophetenmedizin bewirkt hat, kann man ihr nicht absprechen, dass sie das irrational oder metaphysische Element stärker gewichtet als die galenische Medizin.

Geschichte von der heiligen Öllampe

Der Reiz der Erzählung der heiligen Öllampe lässt sich mit wenigen Worten nicht wiedergeben; doch lässt sie ahnen, wie sich hier ein ganz im Wirklichen verankertes Geschehen zum Symbol verdichtet. Die Ampel und ihr Öl stehen dabei nicht für die Aufrechterhaltung abergläubischer Praktiken, denn sie sind in allen drei Abrahamsreligionen bekannte Symbole des Heiligen. Es geht dabei um die Bewahrung spiritueller Werte, welche die Ratio ergänzen müssen. In diesem Sinn kann das Beispiel der Prophetenmedizin im Islam anregen über eine in allen Kulturen ähnlich existierende, immer neue Lösungen erfordernde Spannung nachzudenken.

Literatur
• Celler: «Der Koran für Nichtmuslime», Verlag Nietsch H., 2009, Fr. 41.50
• «Moderne Medizin und Islamische Ethik», Herder Verlag, 2008, Fr. 24.90
• Abu Zaid, Nasr Hamid: «Mohammed und die Zeichen Gottes», Herder Verlag, 2008, Fr. 35.90
• Elger: «Islam», Verlag Fischer Taschenbuch, 2004, Fr. 16.70
• J. C. Bürgel: «Allmacht und Mächtigkeit. Religion und Welt im Islam», Verlag C.H. Beck 1991

Bilder:: © FOTOLIA

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