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Geh, wohin dein Herz dich führt

Kategorie: Leben
 Ausgabe 3 - 2009 - 01.03.2009

Text:  Andreas Krebs

Luigi Cominelli ist einer der letzten Wanderhirten der Schweiz. Er führt ein archaisches, oft einsames Leben ohne jeglichen Komfort. Der Lohn dafür ist Freiheit.

Mitten im Schneetreiben ist Luigi Cominelli glücklich - so lange es seinen Schafen gut geht (Alle Fotos: Andreas Krebs)

An der Hauptstrasse zwischen Thun und Münsingen steht das Hotel-Restaurant Kreuz. In dunkel getäfelten Zimmern kann man noch für 45 Franken übernachten und unten in der Beiz rauchen wie ein Schlot. Alt und Jung sitzen gemütlich beisammen, trinken Bier oder Kaffee mit Güx, essen, rauchen, diskutieren. In der Stube ist es wohlig warm und der Rauch hüllt die Gäste ein, früh an diesem kalten Wintermorgen. Es schneit. Schon die ganze Nacht. Die Landschaft ist weiss verhüllt.

Nicht weit vom «Kreuz» steht einer auf einer Wiese zwischen der viel befahrenen Strasse, einer Fabrik und stattlichen Einfamilienhäusern, steht in der Kälte bei seiner Herde: einigen hundert Schafen, drei Hunden, einem Esel.

Es ist Luigi Cominelli, 50. Der stille Mann, der seit vielen Jahren bei seinem Bruder Giacomo in Graubünden lebt, stammt aus einer Bergamasker Familie – so wie die meisten Hirten der Schweiz. «Das ist bei uns Tradition», sagt Luigi. Er und sein Bruder sind dieser treu geblieben. Während um sie herum das Leben immer hektischer geworden ist, hat sich das der Hirten kaum beschleunigt – die Schafe fressen nicht schneller als vor tausend Jahren. Wahrscheinlich ist kaum ein anderer Beruf näher an den Abläufen und Gegebenheiten der Natur.

Allein, nicht einsam

Luigi steht da in der Kälte bei seinen Tieren. Er lebt im 3. Jahrtausend eine der ältesten Kulturformen überhaupt, mitten in der Zivilisation. Hier und jetzt ist solch ein Leben ein einsames.

«Ich bin gerne alleine», sagt Luigi und überblickt seine Herde. Alleine – im Winter ist er das allerdings selten. Fast jeden Tag kommt Besuch, manche bringen warmen Kaffee, fast alle stellen die gleichen Fragen: Wie viele Schafe sind es? – Offiziell 500. Wem gehören sie? – Meinem Bruder. Wohin führt die Reise? – Von Thun ins Berner Seeland. Was passiert mit den Schafen? – Bis auf etwa 100 Mutterschafe werden sie geschlachtet. Macht dich das nicht traurig? – Das ist mein Beruf.

Luigi freut sich besonders, wenn Kinder aus der Stadt kommen – «Dann sind sie in der Natur» –, aber das ist selten. Auf dem Land kommen sie immer, Kinder und Erwachsene. Hin und wieder setzen sie sich abends irgendwo im Winterwald zu Luigi ans Feuer. «Das ist mir manchmal zu viel», sagt er.

Die Wanderschäferei ist von Mitte November bis zum 15. März gestattet; es ist die Zeit der Vegetationsruhe im Mittelland. Da haben die Wanderhirten nach alter Regelung das Recht, mit ihren Herden dort zu weiden, wo etwas übrig geblieben ist. Nur noch gut 20 Herden ziehen Winter für Winter durch die Schweiz. Die meisten Schafe hierzulande müssen dann für vier bis sechs Monate in den Stall. Aber das kostet. Deshalb nutzt Luigi jeden Tag, den er mit der Herde unterwegs sein darf. Seit 30 Wintern zieht er durch das Mittelland.

Dem Herrgott nah

In dieser Zeit gab es manche Liebschaften, auch die, wie der Besuch, meist kurz. «Zuerst sind die Frauen fasziniert», sagt Luigi. «Aber nach drei Monaten merken sie, dass dieses Leben nichts für sie ist. Es ist hart für Frauen. Sie frieren immer an die Füsse.»

Im Sommer auf der Alp hält die Liebe manchmal länger.

«Das Leben dort ist einfacher», sagt er. Er liebt es, das einfache Leben auf der Sommerweide im Gotthardgebiet, hoch oben über dem Bedrettotal, weit weg von Lärm und Geschäftigkeit. «Auf über 2500 Meter fühle ich mich dem Herrn nahe», sagt der Hirte, der gerne nachdenkt, philosophiert und Bücher liest.

«Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alles kaputt machen», sagt er. «Wir müssen endlich wegkommen vom Petrol. All die Kriege!» Man könne nicht optimistisch sein. Aber es sei noch nicht zu spät, glaubt Luigi. «Aber wir müssen jetzt handeln.» Die Natur wieder schätzen. Von ihr lernen. Mit ihr leben. Aufhören zu hetzen. Luigi sagt: «Weil sie so im Stress sind, merken viele Menschen nicht einmal, dass sie ein Leben leben, das sie unglücklich macht.»

Zum guten Gras

Im Herbst kommt Luigi mit den Schafen hinunter ins Misox. Rund 500 Schafe werden am 14. November mit Lastwagen auf die Thuner Allmend gefahren. Hier kaufen die Brüder Cominelli immer einige Lämmer dazu. Diese sind fünf bis acht Monate alt und wiegen 25 bis 32 Kilogramm. Weil eine Herde, die nur aus Jungtieren besteht, unruhig ist und schwer zu führen, nimmt Luigi einige Mutterschafe mit, die sind eineinhalb bis siebenjährig. Sie und vor allem die vier Leitschafe, Bergamasker wie er, halten die Herde zusammen.

Zuerst müssen sich die Schafe aneinander gewöhnen und zu einer geschlossenen, ruhigen Wanderherde werden. Dann wird geübt. «Unterwegs haben wir nur einen Versuch, Strassen zu überqueren», sagt er. Die Hütehunde spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Nach einigen Tagen auf der Allmend zieht die Herde los.

«Ich muss Gras suchen, gutes Gras», sagt Luigi. Das sei oft nicht einfach. Denn da sind Äcker mit Winterweizen, Gerste und Raps. Letzteres ziehe Schafe wie ein Magnet an. «Da haben die Bauern keine Freude.» Luigi und die Hunde sorgen dafür, dass sich die Schafe nicht an den Kulturen verkosten. Dazwischen hat es neu angesäte Grasflächen; einige sind fürs Eingrasen noch eben gemäht worden, andere mit Jauche gedüngt.

«Finde ich gutes Gras», fährt Luigi fort, «muss ich möglichst den kürzesten Weg dorthin finden». Manchmal reicht schon ein Stück für einen halben Tag, aber oft muss er die Herde bereits nach ein, zwei Stunden weiter führen. An manchen Tagen ziehen sie 15 Kilometer durchs Land; Luigi macht locker das Doppelte.

Der Hirte sorgt dafür, dass die Schafe gesund bleiben und «feiss» werden. Idealerweise 40 bis 44 Kilogramm.

Am Ende die Schlachtbank

Die Herde schrumpft. Denn laufend verkauft Luigi Schafe zum Schlachten. Gut 200 Franken bringt ein Lamm, das gerade mal acht bis zehn Monate alt ist.

Manche, denen er dies erzähle, seien entsetzt. «Dabei essen die meisten selber Fleisch», sagt er. «Meine Schafe haben wenigstens ein schönes Leben.»

Vor 17 Uhr weiss Luigi meist nicht, wo er mit der Herde übernachten wird. Erst wenn die Schafe genug gefressen haben und ruhig sind, führt er sie wenn immer möglich in einen Wald. Dort fühlen sich die Schafe geborgen, der Boden ist trockener und es ist ein, zwei Grad wärmer. Im Wald braucht er die Schafe nicht einzuzäunen. Sie ruhen, wiederkäuen, verdauen. Luigi nimmt Esel Frida – «wie die Frida Kahlo» – die Last ab: Decken, Kochtopf, Zäune, Werkzeug. Dann kümmert er sich um die Hütehunde. Er gibt ihnen frisches Wasser, Futter, macht ihnen ein Bett aus Stroh. «Das sind keine Kanapeehunde», sagt er.

«Ohne sie ginge es nicht. Einen guten Hund verkaufe ich auch nicht für 20 000 Franken.» Auf seiner Reise dabei sind die Bergamasker-Mischlinge Fulmine und Tiberio sowie der junge Border-Collie Tobi, der noch in Ausbildung ist. «Learning by doing», sagt Luigi und tätschelt Tobi, der gerne nach Schneeflocken schnappt, während die beiden routinierten Hunde still die Schafe beobachten. «Gehorsam ist das A und O», sagt er. «Es dauert zwei, drei Jahre, bis ein Hund so weit ist. Ausgebildete Hunde kann man fast nicht bezahlen.» Aufgabe der Hunde ist es, dafür zu sorgen, dass alle Schafe dem Schäfer folgen, dass keines verloren geht. Mit

Pfiffen, Rufen, gurrenden Geräuschen und wenigen Zeichen dirigiert Luigi Schafe und Hunde. Es dauert jeweils kaum eine Minute, bis der weitverstreute Haufen zu einer kompakten, disziplinierten Herde wird, die brav dem Hirten folgt.

Gesund in der Kälte

Erst wenn die Tiere zufrieden sind, kann Luigi an sich denken. Vor vier Jahren noch hat er im Zelt übernachtet. Seither hat er einen kleinen Wohnwagen dabei; der schützt ihn etwas besser vor Wind und Regen. Wasser und Kartoffeln gefrieren aber auch im Wagen. Der einzige Komfort ist eine dicke Matratze. Und einmal in der Woche eine kurze, heisse Dusche bei Freunden. Er kennt viele Menschen in dieser Gegend.

Manchmal wird Luigi zum Essen eingeladen, aber er lässt die Schafe nicht gerne alleine. Es kommt immer wieder vor, dass Hunde «eine Sauerei» anstellen. «Schäferhunde können viele Schafe töten. Aber auch kleine Hunde reissen gelegentlich Schafe. Hunde sind Jäger, sie müssen an die Leine.»

Es ist aber nicht nur die Sorge um die Schafe, wieso Luigi, wenn überhaupt, meist mit zwiespältigen Gefühlen Einladungen annimmt. Er hat Angst, sich etwas einzufangen, etwa einen Schnupfen oder ein Grippevirus. «Wenn du nicht hundertprozentig fit bist, kannst du diesen Job vergessen», sagt er. Er war in all den Jahren nie krank. «Hier draussen gibt es nicht viele Krankheiten.»

Früh am Morgen werden die Schafe wach und unruhig. Sie blöken, haben Hunger.

Deshalb überquert Luigi Strassen und Schienen wenn möglich am frühen Morgen. Denn wenn die Schafe hungrig sind, laufen sie schneller. Erst dann führt er sie auf eine gute Weide.

Luigi steht da in der Kälte und beobachtet die Schafe. Südafrikaner, Engadiner, Weiss- und Schwarzköpfe, Bergamasker. «Man muss Freude an den Tieren haben. Man muss sie den ganzen Tag gerne anschauen und beobachten», sagt er.

«Die Bise!», seufzt er und schlottert ein wenig.

Ein breitkrempiger Hut, ein langer Mantel, gelbe Wachshosen und gute Stiefel schützen ihn, einigermassen.

«Für mich und die Schafe sind milde Winter besser», sagt er. 10, 20 Zentimeter Schnee sei kein Problem, solange er nicht zu hart sei. «Die Schafe brauchen einfach länger, bis sie satt sind.» Manchmal muss Luigi Heu und Silo bei den Bauern kaufen, um die Schafe satt zu kriegen. Das geht ins Geld.

Freiheit

Trockene Kälte mache den Schafen gar nichts aus, sagt Luigi. «Und für mich ist es bis minus zehn Grad gut auszuhalten. Dann wird es hart.» Dieser Winter sei happig gewesen, aber nichts gegen den von 1985. Luigi musste drei Nächte lang im Zelt bei minus 26 Grad Celsius ausharren.

Da fragt man sich, wieso einer das tut. «Liberté!», die Antwort kommt prompt. «Ich bin mein eigener Chef.» Luigi lächelt, korrigiert sich: «Die Herde ist mein Chef. Mir gefällt die Verbundenheit mit der Natur.»

Mit den Menschen in den warmen Stuben möchte Luigi nicht tauschen. «Ich habe es versucht.»

Vor über 20 Jahren hat Luigi geheiratet; seine Frau schenkte ihm einen Sohn. Luigi ging mit der Familie nach Italien. Sie lebten in einem Häuschen, führten einen eigenen kleinen Laden in der Stadt.

Aber es ging nicht.

Luigi hat Frau und Sohn verlassen und ist zurückgekehrt in die Schweiz – zurück zu den Schafen. «Ich habe auf mein Herz gehört», sagt Luigi. «Ich mache das nicht fürs Geld. Ich mache das für mein Leben.» Luigi zeigt auf die Schafe. «Das ist mein Leben.»

Schafzucht in der Schweiz
Hierzulande werden die meisten Schafe auf Nebenerwerbsbetrieben oder von Freizeitbauern gehalten. Luigi und Giacomo Cominelli gehören zu den wenigen Bauern in der Schweiz, die noch von der Schafzucht leben. Die Kosten für die Schafhaltung sind hoch, auf der Alp können Tiere Wildtieren zum Opfer fallen oder abstürzen. Ohne staatliche Unterstützung könnten Schafzüchter nicht mehr überleben.
Schafe sind wichtig für die Landschaftspflege. Sie beissen die Gräser kürzer als Rinder, jedoch nicht so kurz wie Pferde. Das und ihr Dünger kräftigen die Wiesen; der Tritt der kleinen Hufe festigt den Boden. Im Gebirge, wo eine maschinelle Pflege oft nicht möglich ist, kann auf Schafe nicht verzichtet werden – grosse Flächen würden ohne sie der Erosion preisgegeben. «Kein anderes Tier und schon gar keine Maschine kann so viel Gutes für die Wiesen tun», sagt Luigi Cominelli. Trotzdem murren manche Bauern, wenn er mit seinen Schafen kommt. Sie reden von Druckschäden, Schafe seien kein Vorteil.

Wolle rentiert nicht
Aus Hygiene- und Gesundheitsgründen müssen die Schafe in der Schweiz einmal pro Jahr geschoren werden. So will es das Tierschutzgesetz. Die Wolle, einst wichtigste Einnahmequelle für die Schafzüchter, ist zu einem Kostenfaktor geworden: 40 Rappen pro Kilogramm. Noch während des Zweiten Weltkriegs war die Schafwolle ein gefragter Rohstoff für die Herstellung von Kleidern und Decken – heute deckt der Erlös aus dem Verkauf der Wolle in der Regel nicht einmal mehr die Schurkosten. Viele Schafhalter verbrennen die Wolle oder werfen sie in den Abfall. Forscher und Züchter in Deutschland wollen das Problem anders lösen. Thomas Jilg und seine Mitarbeiter der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt Aulendorf etwa züchten die neue, wollelose Nolana-Rasse, damit die Schafhaltung künftig wieder wirtschaftlicher und einfacher wird. Dem Schaf ohne Wolle könnte die Zukunft gehören, denn als Beweider namentlich in Naturschutzgebieten, im Gebirge oder entlang von Dämmen sind die nimmersatten Vielfresser bis heute unerreicht.

 

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