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Noblesse oblige

Kategorie: Leben
 Ausgabe 3 - 2009 - 01.03.2009

Text:  Brunhilde Bross-Burkhardt

Die Zucht von Zitrusgewächsen gehörte für die Adelshäuser Europas zum guten Ton. Für Orangen und Pomeranzen legten sie prestigeträchtige Orangerien an. Diese werden heute wieder genutzt – oft für gesellschaftliche Anlässe.

Nicht erst seit Goethes «Italienischer Reise» träumen die Menschen im kal­ten Norden vom Land, wo die Zitronen blühen. Schon seit Jahrhunderten be­geistern sie sich für edle Zitrusfrüchte. Zunächst waren es nur die Adligen, die reichen Bürger und der Klerus, die sich die teuren Pflanzen und den um­ständlichen Transport aus Italien leis­ten konnten. Sie sprachen von den Orangen und Bitterorangen (Pomeran­zen) als «goldene Äpfel». Diese Be­zeichnung geht auf die Herakles-Sage in der griechischen Mythologie zurück, in der die drei Hesperiden Hesperia, Aegle und Erytheia die goldenen Äpfel, bei denen es sich nur um Orangen handeln konnte, bewachten. Trotzdem gelang es Herakles, dem Sohn des Zeus, mit einer List an die streng bewachten goldenen Äpfel zu kommen.

In der Figur des Herakles sahen sich die Adligen der Renaissance und des Barock gerne gespiegelt. Um Macht und Stärke nach aussen kund­zutun, stellten sie Herakles-Skulpturen in ihren Gärten auf. Die goldenen Äpfel, die in der Sage mythologisch verklärten Orangen, zogen gleich mit in die Gärten ein. Die Zitrusgewächse waren so begehrt und wertvoll, dass die Adligen eigene Gebäude für die pflanzlichen Kostbarkeiten bauen liessen: Orangerien.

Verschiedene Typen von Orangerien
Ursprünglich verstand man unter Orangerien die Zitrusbäumchen und andere südländische Gewächse in transportablen Behältern. Die Wortbedeutung änderte sich jedoch im Lauf der Zeit. Heute ist das Wort Orangerie nahezu zum Synonym für das Orangeriegebäude selbst geworden. Dieses hiess im Barock noch Pomeranzenhaus.
In Deutschland gab und gibt es die meisten Orangerien. Der Arbeitskreis Orangerien in Deutschland e.V. berichtet von etwa 300 Bauwerken – teils gut erhalten und restauriert, teils restaurierungsbedürftig. In den anderen Ländern Europas ist diese Architekturform eher selten oder gar nicht vorhanden. Gartenhistoriker unterscheiden bei den Orangeriebauten fünf Typen, je nach Einbindung ins Garten­gelände:
● Orangerie als Pointe de Vue, als Abschluss der Sicht- und Wegachse: Weikersheim (1719), Seehof bei Bamberg (1733)
● Orangerie als Vorhofgebäude: Schloss Charlottenburg (1709) in Berlin, Hannover-Herrenhausen (1720), Schloss Schönbrunn (1754) in Wien
● Eigenes Orangeriequartier mit Orangerie-Gewächshäusern: Darmstadt (1719), Schwetzingen (1761), Benediktinerkloster Seligenstadt (1757), Kloster Bronnbach (zweite Hälfte 18. Jahrhundert)
● Orangerien in Hanglage: Versailles (1684), Grosssedlitz bei Dresden (1720), Weilburg-Hessen (1710)
● Orangerie als eigenständiges, schlossartiges Gebäude: Kassel-Karlsaue (1701), Neue Orangerie von Schloss Sanssouci in Potsdam (1851), Ansbach (1726), Hofgarten Eremitage Neues Schloss Bayreuth (1749)

Internet
www.ak-orangerien.de

Fürstliche Sammelleidenschaft

Die Begeisterung für Zitrusgewächse setzte nördlich der Alpen um 1490 ein, als Jovianus Pontanus' Werk «De hortis Hesperidum» mit einer aus­führlichen Beschreibung der Zitrus­kultur Süditaliens erschien. Daraufhin entstanden überall in mitteleuropäi­schen Städten so genannte Hesperiden­gärten.

Die Adligen und Patrizier der dama­ligen Zeit strebten zunächst danach, im Freien Orangenhaine anzulegen, so wie sie sich Landschaften in Süditalien und auf Sizilien vorstellten. Ein unmögliches Unterfangen, denn Zitrusbäumchen brauchen in kühleren Gefilden einen Winterschutz, sie können nicht einfach so im Freien stehen. So begann man die Pfleglinge mit abschlagbaren Überbau­ten aus Holz zu schützen. In Stuttgart wurde 1568 die erste abschlagbare Orangerie auf deutschem Boden ge­baut. In Deutschland erreichten die temporären Holzverschläge auch ihre vollkommenste Ausbildung. Weitere Häuser entstanden unter anderem in Dresden, Kassel, Heidelberg, Pillnitz und Wien.

Auch der Nürnberger Kaufmann Johann Christoph Volkamer sammelte um 1700 in seinem Pomeranzenhaus mit abnehmbarem Dach und abnehm­barer Fensterfront Zitrusgewächse; es sollen 49 Sippen gewesen sein. An das Überwinterungshaus schloss sich ein Duftzimmer an, in dem man im Winter den betörenden Zitrusduft geniessen konnte. Seine eigene Sammlung inspi­rierte Volkamer wohl zu seinem Werk «Nürnbergische Hesperides» mit der Beschreibung von 81 Zitrussippen an­hand von 117 Kupferstichen. Das Buch erschien 1708 und fand gleich reissen­den Absatz. Bereits im gleichen Jahr wurde eine zweite, erweiterte Auflage gedruckt. In einem dritten Band setzte er die Beschreibung von weiteren Zitrussippen fort. Diese Veröffentli­chungen entfachten die Sammelleiden­schaft von Fürsten und Patriziern voll­ends. In Nürnberg erinnern die Hespe­ridengärten an diese bedeutende Phase der Gartengeschichte. Heute spielen die Zitrusgewächse in diesem restaurierten Gartenensemble allerdings nur noch eine Nebenrolle.

 

Wer hat die grösste Orangerie?

Die abschlagbaren Pomeranzenhäuser wurden mit immer aufwändigeren Konstruktionen noch bis etwa 1700 gebaut. Eine Fortentwicklung waren Pomeranzenhäuser mit fester Um­mauerung und abnehmbarem Dach. Da standen die Pomeranzen und Zitro­nen im Erdreich, im Sommer im Freien, im Winter überdacht. Für Wärme sorg­ten eiserne Öfen.

Bei den Orangerieformen der Barock­zeit ging es vor allem um die Archi­tektur des Gebäudes und um die Ein­ordnung ins Gartengelände. Nebenbei dienten sie natürlich auch als Über­winterungsort für die frostempfindli­chen Zitrusgewächse. Zunehmend ver­suchten die Hochwohlgeborenen, sich bei der Grösse der Orangeriegebäude gegenseitig zu übertreffen. Die Orange­rie in Ansbach ist 102 Meter lang. Das Orangerieschloss in der Kasseler Karls­aue misst 140 Meter. Die berühmte Orangerie in Versailles wartet mit 155 Metern Länge auf, übertroffen von Schönbrunn bei Wien mit 189 Metern und der Neuen Orangerie im Park Sans­souci zu Potsdam mit 300 Metern Länge, wobei die beiden Pflanzenhäuser, die jeweils an den Mittelbau mit einer Kunstgalerie anschliessen, jeweils 103 Meter lang sind. Die Potsdamer Orange­rie ist eigentlich ein architektonischer Anachronismus, liess König Friedrich Wilhelm IV. sie doch erst ab 1851 bauen, zu einer Zeit, in der dieser Gebäudetyp längst aus der Mode gekommen war.

 

Orangerieparterre als Aushängeschild

In der Barockzeit wurden Pomeranzen und Zitronen fast nur noch in Kübeln oder Töpfen kultiviert, während sie vorher auch ausgepflanzt direkt im Erdreich standen. Die Schlossgärtner platzierten die runden oder viereckigen und oft weiss gestrichenen Holzkübel im Orangerieparterre vor dem Orange­riegebäude in festen Mustern: im Karree, im Kreis oder im Halbrund. In einzelnen Gärten standen die Zitrus­hochstämmchen in Gefässen aus tos­kanischer Terrakotta. Das Orangerie­parterre wurde zum Aushängeschild fürstlicher Gartenanlagen. In den berühmten Gärten in Versailles und in Hannover-Herrenhausen wird diese besondere Gestaltungsform bis heute eindrucksvoll präsentiert.

Die Inventare der Adelshäuser liste­ten die Gewächse akribisch auf. Sie galten als eigentliche Vermögenswerte. Die Inventarliste des Schlosses Weikers­heim in Franken von 1745 beispiels­weise führt auf: «Ausgepflanzt 14 Stück grosse Orange-Bäum, 6 mittlere Orange-Bäum, 22 etwas kleinere, und weitere südländische Gewächse, dazu in eisen­beschlagenen Holzkübeln 45 grosse Orange-Bäum und Citronen sowie 349 Orangenbäume in verschiede­nen Grössen, teils importiert, teils selbst gezogen.» Solche Zahlen waren nicht ungewöhnlich für barocke Gär­ten. 

In Weikersheim und an anderen Gra­fen- und Fürstenhöfen breiteten sich allmählich andere Gartenmoden aus. Der Kieler Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld schrieb 1780 in seiner «Theorie der Gartenkunst»: «…die Unterhaltung einer grossen Orangerie in Deutschland ist nicht al­lein deswegen abzuraten, weil sie sehr kostbar ist und viel Wartung erfordert, sondern auch, weil diese Bäume unter uns kranke Fremdlinge sind, unserer rauhen Luft ungewohnt, sich immer nach den Gewächshäusern, ihren Spitälern, sehnen...» Diesem Rat folg­ten seine Zeitgenossen zunehmend.

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts verloren die Zitrusgewächse zuneh­mend ihre Bedeutung. Sie verschwan­den weitgehend von den Fürsten­höfen und machten pflegeleichteren Kübelgewächsen Platz. Der natürlich arrangierte englische Landschaftsgar­ten löste die formalen Barock­anlagen ab. Und zur Überwinterung frostempfindlicher Gewächse baute man ab dem 19. Jahrhundert, als es die technischen Möglichkeiten erlaub­ten, Glashäuser mit Eisenträgern und -sprossen und grossen Glasflächen. Die Orangeriegebäude mit ihren relativ kleinen Fensterflächen hatten endgültig ausgedient.

Doch heute erinnert man sich wie­der an die barocke Gartenkultur. Gar­tendenkmalpfleger lassen Orangerie­gebäude aufwändig restaurieren. Einige werden tatsächlich in ihrer ursprüngli­chen Funktion zur Überwinterung von Zitrusgewächsen genutzt. Andernorts wie in Ansbach dienen die historischen Orangeriegebäude nur als Kulisse für Zitruspflanzen-Sammlungen, die im Sommer im Parterre davor aufgestellt stehen. Die Orangeriegebäude selbst wurden häufig umfunktioniert in Res­taurants und Ausstellungsräume.

Neue Sammlungen

Zitronen und Bitterorangen sind die häufigsten Arten auf den heutigen Orangerieparterres. Sie können bei guter Pflege sehr alt werden und sich zu prachtvollen Einzelstücken mit Charakter entwickeln. Als Hochstämm­chen eignen sich besonders die Pome­ranzen, die eine gut belaubte Krone entwickeln. Diese beiden Arten sind jedoch nur eine dürftige Auswahl, ver­glichen mit der Vielfalt an besonderen Sorten, die die Gärtner in der Barock­zeit kultivierten.

Mit dem wieder erwachenden Inter­esse an historischen Orangeriegebäu­den erwachte bei den Gartenliebhabern jedoch auch das Interesse an histori­schen Zitrusarten und -sorten. In den grossen Schlossgärten wie in Versailles und im Blühenden Barock in Ludwigs­burg wurden umfangreiche Sammlun­gen neu aufgebaut – nicht zu vergessen die ganz besondere Sammlung auf der Insel Mainau im Bodensee mit rund 50 teils sehr raren Arten und Sorten, die sich im Sommer vor dem Schloss präsentieren.

Die eigene Orangerie
Die Zitruspflanzenkultur ist etwas für Leute mit grünem Daumen. Temperatur, Licht, Substrat, Bewässerung und Düngung müssen stimmen. Die optimale Wintertemperatur liegt bei 11 bis 12 Grad Celsius. Nach dem Einräumen im Oktober sollte man nur sehr sparsam alle 10 bis 14 Tage giessen. Ab Ende Februar, wenn der Neuaustrieb beginnt, jede Woche vorsichtig wässern. Nach den Eisheiligen Mitte bis Ende Mai die Kübel ins Freie stellen.
Ein heisser, trockener Sommer ist günstig für Blüte und Fruchtausbildung.  Schädlich ist eine niedrige Lufttem­peratur, eine niedrige Temperatur im Kübel und zu viel Luftbewegung. Mit der Erdmischung haben schon Generationen von Gärtnern experimentiert. Als optimal für Zitrus­gewächse gilt ein Substrat mit niedrigem pH-Wert von 5,5 bis 6. Es ist fertig gemischt im Handel erhältlich. Nur so können die für die Pflanze nöti­gen Spurenelemente wie Eisen freigesetzt werden. Bei Eisenmangel färben sich die Blätter zwischen den Blattadern gelb. Daraus leitet sich auch der Rat ab, kalkarmes (Regen-)Wasser mit niedrigem pH-Wert zum Giessen zu verwenden. Zur Vorbeu­gung von Eisenmangel empfiehlt sich ein Spuren­nährelementdünger.

Bezugsquellen:
Spezielle Kübelpflanzengärtnereien
www.eisenhut.ch
www.hortushesperidis.it
www.oscartintori.it

Bilder: © MEDIA CONSULTA, Mike Auerbach / FOTOLIA / Brunhilde Bross-Burkhardt / Veronika Anders

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