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Abschied nehmen vom Abfall

Kategorie: Leben
 Ausgabe 3 - 2009 - 01.03.2009

Text:  Pirmin Schilliger

Müll müsste nicht sein, findet Michael Braungart, Professor für chemische Verfahrenstechnik. Er hat nach dem Vorbild der Natur eine Lösung für eine Welt ganz ohne Abfall entwickelt.

Der Stuhl, auf dem Michael Braungart in Hamburg in seinem Büro sitzt, ist hundertprozentig wiederverwertbar. Es mag utopisch klingen, aber später wird daraus vielleicht ein ein Laserdrucker.
Der Professor für chemische Verfahrenstechnik war einst ein engagierter Umweltaktivist, der an Demonstrationen auch schon mal Schlagstöcke und Fäuste von Polizisten zu spüren bekam. Er leitete die Chemieabteilung von Greenpeace zu jener Zeit, als die Organisation mit ihren teils spektakulären Aktionen auf wissenschaftlicher Grundlage begann.

Schon bald jedoch änderte er seine Strategie. «Es wurde mir klar, dass es nicht ausreichte zu protestieren und Probleme anzuprangern. Es müssen Lösungen gefunden werden», so Braungart. Also gründete er vor über 20 Jahren die Umweltschutzagentur EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency) in Hamburg. Von dort aus betreibt er seither – inzwischen mit 30 Mitarbeitern – seine Aktivitäten und verfolgt seine Ziele. Er erforscht Stoffe, entwickelt für Unternehmen Produkte, hält Vorlesungen und publiziert.

Genuss statt Verzicht

Der quirlige 50-Jährige ist ein Vordenker, der die Ökologie konsequent neu definiert. Spätestens seit der Veröffentlichung seines Buches «Cradle to Cradle» – deutscher Titel: «Einfach intelligent produzieren» – gilt er als potenzieller Retter der Welt. Seine Grundidee entwickelte er zu Beginn der neunziger Jahre. Ein grosszügiger Auftrag des Chemiekonzerns Ciba-Geigy verschaffte ihm damals das Privileg, sich während zwei Jahren mit natürlichen Systemen zu beschäftigen. Er kombinierte westliches und fernöstliches Denken mit der südlichen Art, das Leben zu geniessen. Bisherige Grundsätze stellte er komplett auf den Kopf und entwickelte daraus ein neues System des Produzierens. «Es geht dabei nicht um Vermeidung oder Verzicht, sondern um Lebensbejahung und richtige Nutzung», erklärt er und verweist auf die Natur. Diese produziere schliesslich auch unablässig Überfluss, ohne dass es uns Menschen schade.

Was er damit genau meint, erläutert Braungart am Beispiel des Kirschbaums: Tausende Blüten bringen Früchte für Menschen und Tiere hervor, nur damit ein Kern einmal zu Boden fällt, Wurzeln schlägt und wächst. Der Baum stellt also viel mehr her, als er für sein eigenes Überleben benötigt. Und er ernährt mit seinem Überfluss Insekten, Säugetiere, Vögel, Pflanzen und den Boden, ohne die Umwelt zu belasten. Im Gegenteil: Sobald Blüten und Früchte zu Boden fallen, werden sie von Mikroorganismen zersetzt und sind wieder für den Stoffkreislauf der Natur verfügbar. «Wie würde die von Menschen gemachte Welt aussehen, wenn ein Kirschbaum sie produziert hätte?», fragt Braungart.

Keinen Abfall mehr

Er propagiert ein System, wo die verwendeten Stoffe nicht auf der Mülldeponie oder in der Verbrennungsanlage landen, weil es schlicht keinen Abfall mehr gibt. Stattdessen werden die Produkte eingeteilt in Verbrauchsgüter, Gebrauchsgüter sowie Güter, die nicht mehr zu vermarkten sind. Verbrauchsgüter wie etwa Reinigungsmittel, Shampoos oder Verpackungsmaterial können aus biologischen Nährstoffen gefertigt werden. Deren Entsorgung ist kein Problem. Sie können wie die von den Bäumen fallenden Blüten und Blätter der Umwelt überlassen werden, wo sie wieder zu Mineralien verrotten. Gebrauchsgüter hingegen wie Autos, Waschmaschinen oder Fernsehgeräte, die aus technischen «Nährstoffen» bestehen, sind so zu fertigen, dass nach Ablauf ihrer Dienstzeit alle Bestandteile restlos wiederverwertet werden können.

Keinen Platz mehr hat es in diesem System für nicht weiter verwertbare Stoffe oder gar gefährlichen Abfall. Alle Materialien, die Gesundheit und Umwelt auf diese Art belasten oder gefährden, sollten folglich so rasch als möglich durch ungefährliche Nährstoffe ersetzt werden. «Es geht nicht einfach darum, Abfälle zu reduzieren oder zu minimieren, sondern die Entstehung von Abfall komplett zu eliminieren», bringt Braungart das Konzept auf den Punkt. Die Natur funktioniere schliesslich auch nach einem System, in dem kein Abfall vorkomme. Die wichtigsten Grundstoffe der Erde – Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff – durchlaufen einen Kreislauf, in dem sie immer wieder zu Nahrung werden.

Braungarts neues System heisst «Cradle to Cradle» – von der Wiege zur Wiege. Es unterscheidet sich fundamental vom bisherigen industriellen Prozess, wo der Weg fast immer von der Wiege zur Bahre führt. Auf dieser Einbahnstrasse werden die Rohstoffe gewonnen, zu Produkten verarbeitet, verkauft und schliesslich ins Grab geschafft, in eine Deponie oder Verbrennungsanlage. Für Braungart gibt das Wiege-zur-Wiege-Prinzip den Takt für die nächste industrielle Revolution vor. Und statt lineare Zerstörung gibt es nur noch ewige Wiederverwertung.

Effektiv statt nur effizient

Braungarts Vision ist weitaus radikaler als die bekannten Methoden einer möglichst nachhaltigen und umweltschonenden Produktionsweise. «Das darin vorherrschende Gebot der ökologischen Effizienz bewirkt lediglich, dass die Umwelt durch Schadstoffverminderung weniger belastet wird. Aber auch wenn ich ein bisschen weniger vergifte, vergifte ich trotzdem», kritisiert Braungart. Oft führten die striktesten Umweltbestimmungen bloss zu Scheinlösungen. So hat die EU ein Gesetz verabschiedet, das bleifreie Elektrogeräte zum Ziel hat. «Das ist zwar ein tolles Gesetz, aber niemand fragt, was stattdessen in den Fernseher kommt. Es sind Zink, Silber, Kupfer, Nickel und Wismut – alles genauso seltene Metalle und genauso giftig wie Blei.»

Auch gegen Grenzwerte hat Braungart seine Vorbehalte. «Ob ein Auto 140 oder 160 Gramm CO2 ausstösst, ist im Grunde irrelevant», sagt er. Beim tieferen Grenzwert dauere es lediglich eine kleine Nuance länger, bis ein kritischer Punkt erreicht sei. Die Prozesse würden zwar dank Grenzwerten verzögert und verlangsamt, die Probleme aber nicht wirklich gelöst. Ökoeffizienz tauge bestenfalls als Übergangsstrategie, um die Auswirkungen des derzeitigen Systems zu bremsen, sei aber auf die Dauer nicht das richtige Rezept. «Weniger schlecht zu sein, bedeutet, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, und zu glauben, schlecht konzipierte, zerstörerische Systeme seien das Beste, was die Menschheit hervorbringen könne.»

Gegen die Öko-Effizienz setzt Braungart das Modell der Öko-Effektivität. Dieses erlaubt es, sogar verschwenderisch mit Materialien umzugehen. Voraussetzung ist allerdings, dass von Anfang an nur ungiftige Substanzen verwendet werden. Kommt man um für die Umwelt schädliche Stoffe trotzdem nicht herum, so sind diese als wertvolle Rohstoffe zu behandeln und wiederzuverwenden. Der ökoeffektive Ansatz beruht also darauf, die Industrie so zu verbessern, dass Natur und Umwelt unterstützende Produkte und Prozesse möglich werden. Oder zurück zum Beispiel des Kirschbaums: Wenn die Natur sich nach dem gängigen Modell der Effizienz ausrichten würde, gäbe es weniger Kirschblüten, weniger Nährstoffe, weniger Bäume, weniger Sauerstoff, weniger Singvögel, weniger Artenvielfalt, weniger Freude. «Das Wunderbare an effektiven Systemen hingegen ist, dass man mehr von ihnen will, nicht weniger», sagt Braungart.
Er ist überzeugt, dass auch die Industrie so sicher, effektiv, bereichernd und intelligent sein kann wie die Natur, sodass sie nicht von anderen menschlichen Aktivitäten und anderen Lebewesen abgeschirmt werden muss.

Von der Vision zur Wirklichkeit
Dass sich das Cradle-to-Cradle-Prinzip auch in der Praxis bewährt, zeigen verschiedene Beispiele – etwa essbare Bezüge im neuen Airbus 380.

So einleuchtend und klar die Vision auch sein mag, so schwierig ist jedoch deren Umsetzung. An Braungarts Institut werden genau jene Stoffe definiert, die im technischen Kreislauf industriell weiter verwertbar sind. Eine Mammutaufgabe, denn es gibt über 80 000 chemische Substanzen und technische Verbindungen, die von der Industrie hergestellt und verwendet werden. Davon sind bislang lediglich 3000 hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf lebende Organismen untersucht worden. Viele Geräte bilden wahre Frankenstein-Produkte: Mischungen aus technischen und biologischen Materialien, die nicht mehr zurück gewonnen werden können, wenn sie einmal ausgedient haben. Allein in einem Fernseher finden sich zum Beispiel mehr als 4000 verschiedene Chemikalien, darunter einige hochgiftige. «Man könnte das Gerät so bauen, dass es ohne diese Giftstoffe auskommt, sodass man es später zerlegen und restlos alles Material für neue Geräte verwenden kann.

Entscheidend ist, dass die verwendeten Stoffe dem Produktionskreislauf erhalten bleiben», fordert Braungart. Auf diese Weise könnte etwa ein Computergehäuse fortlaufend als Computergehäuse oder als anderes hochwertiges Produkt zirkulieren. Im Auftrag von Firmen stellt das Institut in Hamburg Baukästen mit Chemikalien zusammen, die unverträgliche und gefährliche Stoffe ersetzen können. Das stösst auf wachsendes Interesse. Die Kundenliste zieren inzwischen globale Unternehmen wie BASF, Ford, Nike, Volkswagen oder Unilever.

Schweizer Pioniere
Bereits gibt es auch Produkte nach Cradle-to-Cradle-Design, die sich auf dem Markt durchgesetzt haben. Der Sportbekleidungshersteller Trigema fertigt ein T-Shirt, das im Kompost zu Humus wird. Es gibt dank den Forschungen in Hamburg essbare Bezugsstoffe im Airbus 380, die genau so stabil und schick sind wie herkömmliche. Auch Schweizer Firmen interessieren sich zunehmend für das neue Produktionsprinzip. Geradezu eine Pionierrolle spielte die Firma Rohner Textil, mit der Braungart kompostierbare Polsterbezüge für Büro- und die eben erwähnten Flugzeugstühle entwickelte. Boller Winkler in Turbenthal stellt Bettwäsche (Marke Schlossberg) her. Projekte gibt es auch mit verschiedenen Textilzulieferern – Johann Müller in Strengelbach, JHCO in Zofingen, Webmaschinenhersteller Jakob Müller in Frick, Fein-Elast in Diepoldsau – sowie mit verschiedenen Chemie- und Farbstoffherstellern. Die Firma MBT klärt ab, ob sie ihre Masai-Gesundheitsschuhe nach den neuen Prinzipien fertigen könnte. Von Cradle-to-Cradle inspirieren lassen hat sich auch der Winterthurer Guido Styger. Er hat im Rahmen seines Studiums an der Ecole cantonale d’art de Lausanne einen Gartenzaun aus biologisch abbaubarem Kunststoff entwickelt. Dieser löst sich in drei Jahren langsam auf, während daraus eine Hecke wird. Styger ist für diese Arbeit mit einem Preis ausgezeichnet worden.

Neue Computer und Autos

Verschiedene entsprechend hergestellte Produkte – Stühle, Teppichböden, Turnschuhe usw. – beweisen inzwischen, dass das neue Prinzip funktionieren kann. Dessen Umsetzung steht aber erst am Anfang und die Möglichkeiten sind längst nicht ausgereizt. Zum Beispiel könnte das meiste Verpackungsmaterial aus biologischen Nährstoffen konstruiert werden. «Warum sollten Shampooflaschen, Zahnpastatuben und Joghurtbecher ihren Inhalt um Jahrzehnte, wenn nicht gar um Jahrhunderte überdauern», fragt sich Braungart.

Wiege-zur-Wiege-Produktion ist auch bei komplizierteren Gütern wie Waschmaschinen, Computern oder Autos möglich. Bei Hersteller Philips jedenfalls befindet sich eine Palette von Produkten in der Pipeline, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen sollen und entweder biologisch abbaubar oder technisch kreislauffähig sind. Und was das Auto betrifft: Braungart hat zusammen mit seinem amerikanischen Partner, dem Architekten William McDonough, von Ford den Auftrag gefasst, Lösungen zu entwickeln. Ein Modellversuch läuft gegenwärtig. Dabei erwerben die Kunden das Auto für den Gebrauch von 100 000 Kilometern. Dann geben sie es direkt an Ford wieder zurück, damit der Autohersteller sämtliche Komponenten weiterverwenden kann, und zwar für die nächste Generation von Wagen. «Mit diesem Ziel vor Augen setzt Ford nicht mehr die billigsten, sondern hochwertige Stoffe ein, die sich für unzählige Verwertungszyklen eignen», sagt Braungart.

Das Konzept setzt ein radikales Umdenken bei Herstellern und Konsumenten voraus. Letztere können sich nicht länger als Eigentümer eines gekauften Guts sehen. Vielmehr müssen sie die Autos wie eine Leihgabe betrachten, die sie gegen eine Gebühr befristet nutzen. Und weil im Kaufpaket Benzin, Service, Steuern und Versicherungen inbegriffen sind, hat der Hersteller grösstes Interesse an einem energiesparenden, sicheren Auto, das kaum Wartung braucht. Natürlich ist auch ein solches Auto noch nicht ein echtes von der Wiege-zurWiege-Produkt, solange es weiterhin Benzin verbraucht. Doch Braungart ist überzeugt, dass der Autohersteller damit den richtigen Weg ansteuert. Das Projekt läuft parallel zum Umbau der legendären Autofabrik River Rouge in Michigan, die als ökologisches Gebäude zu einer Ikone der nächsten industriellen Revolution werden soll.

Up- statt Downcycling

Der Ökovisionär setzt ein grosses Fragezeichen hinter die herkömmlichen Recycling-Methoden. «Viel wertvolles Material geht zum Beispiel beim Einschmelzen von Metallen oder dem Recycling von Plastik verloren, das oft nur zu Parkbänken oder Teppichen verarbeitet wird», kritisiert er. Den Plastik in die neue Form zu pressen, erfordere genauso viel Energie wie die Produktion eines neuen Teppichs. Und früher oder später werde auch der Recycling-Teppich im Müll landen. Es komme also nichts weiter heraus als das übliche Schicksal von Produkten um ein bis zwei Lebenszyklen hinauszuschieben. «Meistens handelt es sich bei der heutigen Wiederverwertung um ein Downcycling, um Verminderung der Qualität des Materials», so Braungart. Das passiert zum Beispiel auch beim für Autos verwendeten hochwertigen Stahl. Indem man ihn mit Kabeln, Farb- und Kunststoffbeschichtungen einschmilzt, wird daraus minderwertiges Material. Zudem gehen Buntmetalle wie Kupfer, Mangan und Chrom verloren. Es ist deshalb nicht möglich, den anfänglich hochwertigen Stahl in einem geschlossenen Kreislauf weiterzirkulieren zu lassen.

Umso notwendiger sei ein Upcycling nach einem grundlegend anderen Konzept des technischen Stoffmanagements. «Das Tolle dabei ist, dass wir alles neu erfinden können. Intelligente Verschwendung ist das Ziel», sagt Braungart. Er verkündet damit ganz andere Botschaften, als sie bisher von Ökologen zu hören waren. Statt Verzicht oder gar Selbstgeisselung purer Genuss. Die Menschen sollen ihre Konsumgelüste ohne Schuldgefühle befriedigen können.

Da überrascht es kaum, dass Braungarts Vision vor allem in den USA auf fruchtbaren Boden stösst. Starregisseur Steven Spielberg dreht nicht nur einen Film darüber, sondern unterstützt Braungart und seinen Ideengefährten McDonough mit Millionenspenden. Schauspieler Brad Pitt hat das eingangs erwähnte Buch zur Pflichtlektüre erklärt. Arnold Schwarzenegger hat Kalifornien zum Cradle-to-Cradle-Staat ernannt.

Knackpunkt Umsetzung

So weit ist Europa noch nicht. Immerhin hat die holländische Umwelt- und Bauministerin angekündigt, sie wolle bis 2012 bei der öffentlichen Beschaffung des Staates für 60 Milliarden Franken nach dem Wiege-zur-Wiege-Prinzip gefertigte Güter einkaufen. Das EPEA baut deshalb jetzt in Holland ein weiteres Partnerinstitut auf, um dort interessierte Firmen beraten zu können. Eher lau ist das Interesse bisher in Deutschland. In der Schweiz hingegen gibt es – nicht zuletzt dank Protagonisten wie dem EPEA-Co-Geschäftsführer Albin Kälin – verschiedene Ansätze in der Textilindustrie.

Natürlich ist das Wiege-zur-Wiege-Prinzip noch weit davon entfernt, in der industriellen Produktion zum Standard erklärt zu werden. «Der eigentliche Knackpunkt ist die Umsetzung, denn sie verlangt ein grundsätzlich neues Denken in Kreisläufen», sagt Kälin. Die Produzenten stehen vor der Herausforderung, neue Beziehungen zu ihren Materiallieferanten aufzubauen und mit den Konsumenten anders zu kommunizieren. Sie können nicht einfach die bisherigen Stoffe verwenden, sondern müssen nach neuen suchen. Der zusätzliche Aufwand hat zur Folge, dass die Produkte für die Konsumenten tendenziell teurer werden.

Hindernis Politik

Allerdings muss dies nicht zwangsläufig so sein. Bereits gibt es auch Gegenbeispiele. So haben Mitarbeiter des EPEA für den Kosmetikhersteller Unilever ein Duschgel entwickelt. Dank einfacherer Zubereitung und geringeren Lageranforderungen sind die Produktionskosten um 15 Prozent gesunken. Generell dürften die wirtschaftlichen Einstiegshürden für die neue Produktionsweise mit wachsender Zahl von Akteuren und folglich günstigen Skaleneffekten kleiner werden. Dass sich die Vision noch nicht breiter etabliert hat, hat laut Braungart auch politische Gründe. «Es gibt für die Hersteller keine Notwendigkeit, dem Wiege-zurWiege-Prinzip zu folgen. Denn die Gewinne sind privatisiert, während für die Entsorgung in den teuren Verbrennungsanlagen die Steuerzahler aufkommen müssen. Müssten die Hersteller ihre Produkte selber entsorgen, so wäre der Anreiz für Innovationen grösser», sagt er.

Die Gesetze sind dem Kreislaufdenken in bestimmten Punkten sogar hinderlich. So dürfen gewisse industrielle Produkte gar nicht kompostiert werden. Viele Verordnungen zielen zudem bloss darauf ab, die Belastungen, Erkrankungen, Schäden und Zerstörungen in einem akzeptablen Rahmen zu halten. Das ist eigentlich blanker Zynismus, von dem sich Braungart jedoch nicht entmutigen lässt.

Unermüdlich arbeitet er an der Realisierung seiner Ideen weiter. Noch tönt vieles märchenhaft, dann etwa, wenn er von Gebäuden spricht, die mehr Energie erzeugen, als sie zu ihrem Funktionieren brauchen. Er ist aber überzeugt: «Wir können Fabriken bauen, deren Produkte und Nebenprodukte die Natur mit verrottendem Material ernähren und technische Stoffe recyceln, statt sie zu verklappen, zu verbrennen oder zu vergraben.» Braungart appelliert nicht zuletzt an die Fantasie und das urmenschliche Bedürfnis nach Abwechslung und Auswahl. «Die Menschen wollen Vielfalt und Genuss. Sie wollen eine Welt nicht mit einer, sondern mit 400 Käsesorten.»

Weiterführender Artikel:
«Noch fehlt die richtige Energie»: Interview mit Experten zum Thema: Kein Abfall, dafür ewiges Recycling. Funktioniert das, und löst es alle Umweltprobleme?

Literatur
Michael Braungart und William Mc Donough: «Einfach intelligent produzieren», Berliner Taschenbuch Verlag 2003, Fr. 20.50

Internet:
www.braungart.com

Bilder: © FOTOLIA, Herman Miller, René Berner

 

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