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«Noch fehlt die richtige Energie»

Kategorie: Leben
 Ausgabe 3 - 2009 - 01.03.2009

Text:  Pirmin Schilliger

Kein Abfall, dafür ewiges Recycling, wie es Braungart vorschlägt: Funktioniert das, und löst es alle Umweltprobleme? Drei Experten nehmen Stellung.

Ist die Wiege-zur-Wiege-Produktion mehr als eine phantastische Vision?

Hans-Jörg Althaus: In vielen Bereichen wird diese Vision bereits seit langem angestrebt. Beispiele dafür sind im Bau- oder Elektronikbereich eingesetzte Metalle, die in Europa mit grossem Rücklauf recycelt werden. Vor allem die sehr seltenen und teuren Materialien wie Platin, Gold und Palladium werden fast vollständig recycelt. Aber eben nur fast: Je nach Konstruktion oder Design eines Produktes kann mit vertretbarem Aufwand 90, 99 Prozent oder vielleicht noch mehr recycelt werden. Um aber 100 Prozent zu erreichen, ist der Aufwand oft höher als der Ertrag.

Metalle ewig wiederverwenden, das kann dem Laien noch einleuchten. Aber ist das auch mit Kunststoffen möglich?

Althaus: Einige Kunststoffe wie etwa Polyäthylen oder PET können aufgeschmolzen und in eine neue Form gebracht werden. Allerdings können die langen Molekülketten beim Schmelzen brechen. Mehrmaliges Schmelzen verschlechtert tendenziell die Eigenschaften der Kunststoffe, es kommt also zum Downcycling. Verhindern liesse sich dies, indem man aus dem Kunststoff wieder Rohöl machen würde und daraus schliesslich wieder neuen Kunststoff. Diese Art des Recyclings würde aber mehr Energie brauchen als die Herstellung von neuem Kunststoff.

Worin liegen die Schwierigkeiten für eine Umsetzung der Wiege-zu-Wiege-Produktion im grossen Massstab?

Patrick Hofstetter: Das System macht erst dann Sinn – das Beispiel Kunststoffrecycling zeigt dies – wenn wir von den fossilen Energieträgern wegkommen. Das Verbrennen fossiler Energien ist faktisch einer der grössten Materialflüsse, der überhaupt nicht nach dem Prinzip «Von der Wiege zur Wiege» funktioniert. Bevor Braungarts Ansatz zum Tragen kommen kann, müssen zuerst Schritte in Richtung Solar- und Wind-Zeitalter gemacht werden. Die Vision macht also erst dann richtig Sinn, wenn wir das Energieproblem gelöst haben.

Althaus: Ein möglichst vollständiges Recycling von Produkten muss angestrebt werden. Es gibt in vielen Bereichen sicherlich noch ein riesiges Potenzial dafür. Aber die Verhältnismässigkeit muss gewahrt bleiben. Die Umwelt darf dadurch nicht mehr belastet werden als durch die Verwendung von neuen Materialien. Mit der Lebenszyklusanalyse oder der Ökobilanz steht uns ein bewährtes Werkzeug bereit, um diese Verhältnismässigkeit zu prüfen.

Was sind die Auswirkungen auf Konsumenten, die Preise sowie die Qualität der Produkte?

Hofstetter: Wir sind überzeugt, dass ein weitgehender Umbau unserer Industriegesellschaft auf erneuerbare Energieformen nur kleine Einflüsse auf Konsumenten und Preise hat. Allerdings ist ein iPhone in Cradle-to-Cradle-Qualität heute noch schwer vorstellbar.

Josef Känzig: Die Verwendung von recycelten Werkstoffen ist häufig kostengünstiger, weil ein Teil der Rohstoffe und deren Gewinnung eingespart werden können. Bezüglich Qualität muss man nach Produkt- und Aufbereitungsarten unterscheiden: Die Eigenschaften des recycelten Materials entsprechen nicht immer genau denen des primären Materials.

Gibt es allenfalls andere Ansätze, die Braungarts Vision bereits sehr nahe kommen, denen Sie aber bessere Realisierungschancen einräumen?

Hofstetter: Firmen und Verbraucherberatungsstellen, die Ökobilanzen für die Produktverbesserung und -bewertung einsetzen, machen schon heute das Richtige. Auch alle Anstrengungen im Bereich  Energieeffizienz und erneuerbarer Energien sind bereits heute umsetzbar. Beides sind wichtige Vorbedingungen, dass Braungarts Vision überhaupt Sinn macht.

Sind solche Ansätze in der Wirtschaftskrise noch Thema?

Hofstetter: Gerade die Krise ist eine Chance, die Welt nachhaltiger zu machen, als sie heute ist.

Känzig: Wenn damit teure Rohstoffe wie etwa kostbare Metalle in Elektrogeräten eingespart werden können, ist das Thema immer interessant. Die Berücksichtigung externer Kosten, wie sie durch Klimaerwärmung, Verschmutzung und Verknappung von Ressourcen wie Boden, Wasser und Luft verursacht werden, zeigt auf, dass aus volkswirtschaftlicher Sicht solche Ansätze jetzt erst recht Sinn machen, vor allem auch mit Blick auf die Sicherung der künftigen Energieversorgung.

Weiterführender Artikel:
Abschied nehmen vom Abfall
: Nach der Vision von Michael Braungart wird es in zukunft keinen Müll mehr geben. Erhat nach dem Vorbild der Natur eine Lösung für eine Welt ohne Abfall entwickelt.

Experten


Hans-Jörg Althaus

Materialforscher an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf




Patrick Hofstetter

Leiter Klimapolitik des WWF Schweiz





Josef Känzig
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent am Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen

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