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Immun gegen Mobbing

Kategorie: Leben
 Ausgabe 3 - 2009 - 01.03.2009

Text:  Hartmut Volk

Wie man am Arbeitsplatz Mitmenschen bändigt, für die Kollegialität ein Fremdwort, aggressiv-anmassendes Auftreten die Norm und Mobbing eine Strategie darstellen.

Mobbing? Mit der richtigen Einstellung macht Ihnen das nichts mehr aus (Foto: Fotolia.com)

Im beruflichen Alltag nimmt rücksichts­los-unkollegiales Verhalten zu. Was treibt diese ungute Entwicklung voran? Den einen einzigen Grund dafür gibt es nicht. Das wird im Gespräch mit Psychologen wie erfahrenen Unternehmensberatern rasch klar. Sicher scheint, dass zeitgeis­tige Erziehungsvorstellungen, die im Licht neuerer Erkenntnisse zu mehr oder weniger ausgeprägtem sozialem Fehlver­halten und auch sonstigen Verhaltens­defiziten führen, dem ebenso Vorschub leisten wie gesamtgesellschaftliche Strö­mungen, die übersteigerten Individualis­mus unkritisch beklatschen.

Rauer Wirtschaftswind

Beides spielt dem Geschehen in der Wirt­schaft in die Hände, das ebenfalls nicht unwesentlich an dieser zwischenmensch­lichen Klimaverschlechterung beteiligt ist. Hier ist es vor allem der sich aus dem Wettbewerbsdruck ergebende Kos­tendruck, der die Entwicklung begüns­tigt. Die aus heutigem Verständnis am schnellsten zu verringernden Kosten sind die Personalkosten. Das hat zur Folge, dass Personal als disponible Masse ange­sehen wird. Stimmen die Ergebnisse nicht oder entsprechen sie nicht dem gewünschten «Noch mehr», wird hier schnell der Rotstift angesetzt. Die Kon­sequenz daraus: Zum Leistungsdruck gesellt sich der zwischenmenschliche Wettbewerbsdruck. Das fördert egois­tisch-rücksichtslos-unkollegiales Verhal­ten nicht nur, es fordert es als persönliche Überlebenshilfe geradezu.

Und stellt die Mehrzahl der Mitarbeiter vor ein gravierendes Problem: Wer selber mannschaftsdienlich spielt, tut sich schwer im Umgang mit ungebremster Ichbezogenheit und Rücksichtslosigkeit. Endstation Resignation? «Bloss nicht», sagt der Wiener Psychotherapeut und Humorforscher Alfred Kirchmayr. «Emp­findet man sich als ohnmächtig, ist man verloren.» Diese Geiselmentalität sei ge­radezu tödlich im Umgang mit jedweden Problemen. Eine Stresssituation werde umso traumatischer, je weniger das Ge­fühl da sei, sie unter Kontrolle zu haben oder unter Kontrolle bringen zu können.

Kreative Gegenstrategien

Sein Rat: Erlebte Unkollegialität sollte dazu herausfordern, kreative Gegenstra­tegien zu entwickeln. Erfahrungen aus dem Konfliktmanagement zeigten: Resi­gnation verstärke das Elend nur und un­faire Taktiken liessen sich mit Witz und Humor entschärfen. Kirchmayr nennt ein Beispiel: Sagt der eine Kollege zum kör­perlich kleineren anderen von oben herab: «So ´ne Kleinigkeit wie Sie stecke ich doch in meine Hosentasche!» Erwi­dert dieser: «Kann schon sein, aber dann haben Sie in Ihrer Hosentasche mehr Hirn als im Kopf!»

Diese blitzschnelle Replik wirkt ent­waffnend und offenbart die heilsame Distanz zum Gemeinen, die sich durch beherzte, humorvolle Geistesgegenwart gewinnen lässt. Die Erfahrung lehre, so Kirchmayr, dass dies ein klar verstande­nes Stoppzeichen «Hallo, mit mir nicht!» sei, das nicht ohne abschreckende Wir­kung bleibe. So liessen sich schwierige zwischenmenschliche Situationen meist gut in den Griff bekommen, ohne sofort auf Konfrontationskurs zu gehen und da­mit die Gefahr der Eskalation heraufzu­beschwören. Schon Goethe wusste: «Die beste Rettung: Gegenwart des Geistes!»

Doch wie wird diese Geistesgegenwär­tigkeit erworben, die dafür sorgt, dass es nicht zu der gefährlichen situativen Be­fangenheit und Sprachlosigkeit kommt? Wie wird das Ziel der Übung erreicht, sich einerseits nicht ins Bockshorn jagen zu lassen oder sich verletzt in sein Schneckenhaus zurückzuziehen, aber andererseits auch nicht überzureagieren und sich von aufwallenden Emotionen unbedacht fortreissen zu lassen?

Selbstvertrauen stärken

«Vor allem durch die Stärkung des Selbst­vertrauens», sagt der Entwicklungspsy­chologe Jürg Frick von der Pädagogi­schen Hochschule Zürich und seit vielen Jahren in der psychologischen Beratung aktiv. «Selbstvertrauen», erläutert er, «ist die positive Einstellung zu persönlichen Merkmalen, eigenen Fähigkeiten und Leistungen, kurz, das Fundament für das sichere Gefühl, dem Leben gewachsen zu sein, die positive Grundeinstellung zu sich selbst als Person mit ihren Stärken und Schwächen.» Mehr Selbstvertrauen ziehe beinahe automatisch auch ein ge­lassen-geistesgegenwärtigeres Verhalten nach sich.

Was kann ich? Was leiste ich? Welche Herausforderungen habe ich in meinem Leben schon bewältigt? Welche Probleme und Schwierigkeiten schon erfolgreich an­gepackt? Mit diesen selbststärkenden Überlegungen beispielsweise lasse sich das Selbstvertrauen auf ein immer solide­res Fundament stellen. «So wird es zuneh­mend leichter», weiss Frick, «die nötige Energie aufzubringen, Hindernisse im Le­bensweg, Probleme und Misserfolge be­herzt anzupacken, sich mit neuen Gege­benheiten und Situationen auseinander­zusetzen und Unklarheiten aus- und durchzuhalten.»

Auf eine weitere bewährte Möglichkeit, Selbstvertrauen und situative Geis­tesgegenwart zu stärken, verweist der Sportpsychologe Hans Eberspächer von der Universität Heidelberg: Sich bestimmte wiederkehrende unange­nehme zwischenmenschliche Situationen vorzustellen, mögliche eigene Reaktionen darauf zu entwickeln, die im Kopf durch­zuspielen, bis sie verinnerlicht seien und dann, wenn Kollege Widerling wieder einmal den Aufstand probe, sich ein Herz zu fassen und genau nach diesem Dreh­buch zu handeln. «Das ist mentales Trai­ning. Im Leistungssport heute eine Selbstverständlichkeit. Es sorgt dafür, da und gut zu sein, wenn es darauf an­kommt», sagt Eberspächer.

Kühlen Kopf bewahren

Wie ein Airbag schütze das Gespann Selbstvertrauen und geistesgegenwärtige Gelassenheit vor emotionalen Verletzun­gen, die einen Menschen vollkommen blockieren könnten, erklärt der Aarauer Fachmann für Stress- und Ressourcen­management und Psychotherapeut Urs Peter Lattmann. Auf dieser Grundlage sei die für spontane situative Souveränität notwendige Kaltblütigkeit, der berühmte kühle Kopf, kein Problem mehr. So wüch­sen Mut und Fähigkeiten, Verhaltensfouls wie dumme Anmache oder Anmassun­gen abzuwehren, Psychotricks zu durch­schauen und zu neutralisieren und unsachliche Attacken oder Vorwürfe, be­liebtes Spiel in Besprechungen, ruhig und bestimmt mit konkreten Gegenfragen zu kontern.

Wer sich einschüchtern lasse, lade zu weiteren Angriffen und sich steigern­den Unverschämtheiten geradezu ein. «In der Aufgeregtheit verlieren wir meistens nicht nur den Blick für die tatsächlichen Zusammenhänge, wir achten auch nicht mehr auf uns selbst», ergänzt der Main­zer Philosoph Rudi Ott. Beides sei in hei­klen Situationen eine gefährliche Blösse. Permanente Aufgeregtheit, warnt Ott, lasse eine hohe Reizbarkeit der Gefühle entstehen: «Ich stehe unter Dauerstrom; Bitterkeit, Beleidigtsein, Verdrossenheit, mieses Dreinblicken, aggressive Regun­gen sieht man mir regelrecht an. Die Reizschwelle sinkt.» Das sei keine günstige Geisteshaltung für souveränes Agieren und Reagieren.

«Als Verletzter, Erschöpfter, Entmutigter und obendrein noch Aufgeregter bin ich Opfer und Objekt von Menschen und Um­ständen», nimmt Kirchmayr den Gedan­ken auf. Geistesgegenwärtige Kreativität und Humor hingegen schafften spieleri­sche Distanz zu eingefahrenen Wahrneh­mungen, Bewertungen und Verhaltens­mustern. Dadurch werde es möglich, Pro­bleme ungewöhnlich wahrzunehmen und ungewöhnlich, andere verblüffend, zu reagieren, sagt er. «So schafft man sich die Lufthoheit über eine Situation und zeigt, so schnell drückt mich keiner an die Wand.»

Die Körperhaltung verräts

Hilfreich für den gekonnten Umgang mit unliebsamen Kollegen sind schliess­lich auch die Erkenntnisse der Krimi­nalitätsforschung. Bekannt ist, dass ganz bestimmte Menschentypen besonders häufig zu Verbrechensopfern werden. Ver­gleichbares zeigt sich auch im Arbeits­alltag. Nicht jedem Kollegen gegenüber benehmen sich notorische Widerlinge gleich widerlich. Doch was signalisiert ih­nen: Mit dem kannst du es machen, mit dem aber nicht? «Die Körperhaltung und -spannung», löst die Körpertrainerin Be­nita Cantieni, die sich in Zürich mit diesen Fragen intensiv beschäftigt und entspre­chende Trainingsprogramme entwickelt, dieses Rätsel.

Wer verletzt und erschöpft ist, werde leichter Opfer von Widerlingen, weil ihm die Widerstandskräfte fehlten, sagt Canti­eni. Dieser Zustand drücke sich deutlich in der Körperhaltung und -spannung und damit in der Ausstrahlung eines Menschen aus. Menschen, die zu wenig auf ihr körperliches und geistig-seelisches Wohl achteten, die zur Selbstausbeutung neig­ten oder die sich zu sehr den Wünschen anderer anpassten und zu passiv­depressivem Verhalten neigten, seien in kollegialen Rangeleien besonders gefährdet.

Unkollegiales Verhalten kann man also auch durch sein eigenes Verhalten gera­dezu herausfordern. Ebenso wie man es dadurch schon im Keim ersticken kann. Wer sich also am Arbeitsplatz nicht zur Marionette von Kollege Widerling ma­chen lassen will, muss sich seiner Fähig­keiten und seines Wertes bewusst wer­den. Ein wichtiges übergreifendes per­sönliches Verhaltensziel sollte es für Cantieni deshalb sein, den immer mehr wegbrechenden gewohnten Verhaltens­normen und -formen durch die Pflege geistiger wie körperlicher Stabilität die Gefährlichkeit zu nehmen. «Wer sich wohlfühlt und in sich ruht, ist nicht vor Unkollegialität bis hin zu aktivem Mob­bing in der Verfolgung egoistischer Ziele geschützt», sagt sie, könne damit aber selbstschützend umgehen.

Literatur zum Thema
Barbara Berkhan: «Judo mit Worten – Wie Sie gelassen Kontra geben», Kösel Verlag, München 2008, Fr. 31.30
Albert Thiele: «Argumentieren unter Stress – Wie man unfaire Angriffe erfolgreich abwehrt», Deutscher Taschenbuch Verlag 2007, Fr. 17.40
Bärbel Wardetzki: «Ohrfeige für die Seele – Wie wir mit Kränkungen und Zurückweisungen besser umgehen können», Deutscher Taschenbuch Verlag 2007, Fr. 13.95
Annette Pehnt: «Mobbing», Piper 2007, Fr. 29.90
Marie-France Hirigoyen: «Die Masken der Niedertracht – Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann» Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Fr. 17.40
Storch, Cantieni, Hüther, Tschacher: «Embodiment – Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen», Verlag Hans Huber 2006, Fr. 43.50
Titze, Partsch: «Die Humorstrategie – Auf verblüffende Art Konflikte lösen», Kösel Verlag, München 2004, Fr. 28.90

Internetlinks
www.mobbing-beratungsstelle.ch/
www.mobbing-info.ch
www.flexibles.ch/meb/vf_proj_mob.htm
www.humankonzept.ch/coaching-beratung/mobbingberatung

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