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Licht aus!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_10_2014 - 01.10.2014

Text:  Martin Arnold

Irritiert von elektrischem Licht prallen Zugvögel auf den Weg in ihre Winterquartiere auf ihren Nachtflügen gegen Hochhäuser und sterben. Auch Menschen leiden darunter.

Wenn die Nacht mit Licht zum Tag gemacht wird, leiden Menschen und Tiere auf die Dauer. Wird die natürliche Nacht durch künstliches Licht ersetzt, kann dies lebensbedrohliche Ausmasse annehmen. Es behindert zudem das Paarungsverhalten vieler Tierarten und fördert ihr Aussterben. Nachtaktive Insekten lassen sich vom Kunstlicht anlocken. Dabei verlassen sie ihre Lebensräume und verschwenden ihre Energievorräte im Licht der Lampen, bis sie sterben. Ganz besonders unter dem Kunstlicht leiden die Zugvögel. «Sie orientieren sich beim Nachtflug am Mond und an den Gestirnen und werden durch Kunstlicht irritiert. Vor allem bei Nebel oder Bewölkung üben die künstlichen Lichtpunkte eine grosse Anziehungskraft auf die Tiere aus», erklärt Eva Inderwildi von BirdLife Schweiz. Regierungsgebäude, Werbebotschaften, Bahnhöfe, Flugplätze, Logistikzentren, Einkaufszentren,Sportstadien, Skipisten, Naturdenkmäler – sie alle werden heutzutage oft mit exzessiver Beleuchtung in Szene gesetzt. Bei Zusammenstössen mit erleuchteten Hindernissen sterben jedes Jahr Hunderttausende Zugvögel, denn gut Dreiviertel von ihnen sind nachts unterwegs. Und im sogenannten Lichtdom, der eine Stadt überspannt, waren Vögel schon stundenlang orientierungslos herumgeflattert, bis sie vor Stress und Erschöpfung tot vom Himmel fielen.

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DARKSKY Switzerland
BirdLife Schweiz
Swild Stadtökologie Wildtierforschung Kommunikation
DARKSKY Initiative gegen Lichtverschmutzung
ens

Die Nacht soll dunkel sein

Die Organisation Dark-Sky setzt sich weltweit für den Schutz der Dunkelheit ein. Schon vor Jahren zeigte sich der Schweizer Ableger besorgt über Beleuchtungs-Events für touristische Zwecke in den Alpen.

Damit der Umgang mit künstlichem Licht endlich nachhaltig geregelt wird, lanciert Dark-Sky Switzerland eine Petition zur «Erhaltung der Nacht im Alpenraum».

Immerhin sind Betroffene nicht mehr wehrlos, denn seit April 2013 gibt es die neue Norm SIA 491 mit dem Titel «Vermeidung unnötiger Lichtemissionen im Aussenraum». Sie definiert Leitplanken, wie weit die Umwelt mit künstlichem Licht in Mitleidenschaft gezogen werden darf. Sie sorgt dafür, dass in Zukunft bei Neu- und Umbauten das Licht und die Art, wie es abstrahlt, ein Bestandteil der einzuhaltenden Bauvorschriften sind. Die Petition von Dark-Sky verlangt, dass diese Norm Gesetzeskraft erhält.

Auf die neue SIA-Norm bezogen sich auch die Richter im Kanton Aargau, als sie in einem möglicherweise richtungweisenden Urteil einem Kläger in Möhlin recht gaben, der sich über die ausufernde Zeitdauer der Weihnachtsbeleuchtung in Nachbars Garten beschwerte. Rentier-Paraden und Nikolaus-Armeen als illuminierte Gartenverzierungen dürfen zukünftig möglicherweise nur noch in der Adventszeit und bis zum Dreikönigstag, aber nicht mehr zwischen Oktober und Ostern leuchten. Zudem müssen solche Präsentationen ab 10 Uhr abends gelöscht werden. Denn auch Artikel 74 in der Bundesverfassung, das Natur- und Heimatschutzgesetz und das Bundesgesetz über Umweltschutz und Raumplanung bieten rechtliche Instrumente gegen Lichtattacken.

70 Prozent mehr abgestrahltes Licht

Doch: «Wo kein Kläger ist, ist kein Richter», sagt Lukas Schuler, der seit einem Jahr Dark-Sky Switzerland präsidiert. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen identifiziert er die krassesten Lichtverschmutzer im Land und sucht dann zuerst das Gespräch. «Es fehlt das Bewusstsein, dass Licht ähnlich wie Lärm eine Umweltverschmutzung ist, die manchmal nicht verhindert, aber doch minimiert werden kann.»

Schuler erlebt oft, dass die Gesprächspartner einsichtig sind. «Manchmal muss nur der Winkel eines Strahlers korrigiert werden, und das Problem ist behoben.» Sollte das nichts nützen, sucht Dark-Sky einen Anwohner, der bereit ist, zu klagen. Schuler macht sich keine Illusionen: «Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Während wir jemanden dazu bringen, sein Licht zu dimmen, knipsen anderswo zehn andere Personen ein neues Licht an.» Dass der europäische Nachthimmel immer heller wird, beweisen auch Satellitenbilder. Das BAFU schreibt in seiner Antwort auf das Postulat «Lichtemissionen und Artenvielfalt» der Grünliberalen Zürcher Nationalrätin Tiana Angelina Moser von 70 Prozent Zunahme des abgestrahlten Lichtes auf Schweizer Boden innerhalb der letzten 20 Jahre. Dennoch bleibt Lukas Schuler ungerührt: «Wenn wir nichts tun, würde es schneller schlimmer.»

Der Wert der Dunkelheit

Dass das Bewusstsein für den Wert der Dunkelheit dennoch langsam zunimmt, beweist die wachsende Anzahl Sternenparks weltweit. Das sind grössere Landstriche, bei denen nachweislich nachts Sternenbilder wie der Steinbock von blossem Auge sichtbar sind. Die meisten dieser Sternenparks sind in Nordamerika und nur wenige in Europa. Schuler: «In der Schweiz ist der Naturpark Gantrisch im Gespräch. Es gibt hierzulande nicht viele Möglichkeiten, ein Gebiet von 80 bis 100 Kilometer Durchmesser auszuscheiden, wo die Nächte dunkel sind.»

Die Organisation für Stadtökologie, Wildtierforschung und Kommunikation SWILD hat einen Bericht über die ökologischen Auswirkungen der künstlichen Beleuchtung herausgegeben. Neben Sicherheitsaspekten, die manchmal für eine helle Beleuchtung sprechen, listet der Bericht eine Reihe von Vorteilen für eine geringere Beleuchtung auf. Dazu spielt neben den positiven Aspekten der Dunkelheit auf die Regeneration von Lebewesen auch die Möglichkeit, Energie zu sparen, eine Rolle; ebenso der ästhetische Vorteil durch den Einsatz von dezentem Licht, aber auch der emotionale Gewinn beim Anblick eines ungetrübten Sternenhimmels und einer faszinierenden Nachtlandschaft. Dabei empfiehlt SWILD den Grundsatz: Licht soll nur eingeschaltet werden, wenn es gebraucht wird, und dorthin gelangen, wo es sinnvoll ist. Auch Bewegungsmelder sollen zeitlich begrenzt, das Licht zielgerichtet eingesetzt und nicht zu beleuchtende Räume abgeschirmt werden. Dies alles alleine ist mit Gesetzen schwierig zu erzwingen. Lukas Schuler: «Nur wenn die Menschen die Schönheit der Nacht wiederentdecken, sind sie auch bereit, sie zu schützen.»

Fotos: istockphoto.com, fotolia.com, blickwinkel.de

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