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Mit und ohne «Pfupf»

Kategorie: Leben
 Ausgabe_10_2014 - 01.10.2014

Text:  Susanne Hochuli

Beim «Velölen» trotz elektrischer Unterstützung am Berg mental nicht einzubrechen, ist eine hohe Kunst, wie Susanne Hochuli bei einem Ausflug ins Emmental feststellen musste.

Ich gebe es gleich jetzt zu: Die Fahrt auf die Bäregghöchi, hoch über Trubschachen gelegen, hätte ich ohne fremde Hilfe nicht geschafft. Schmachvoll wurde mir meine Schwäche innerhalb kurzer Zeit auch gleich zweimal vor Augen geführt:

Frisch geduscht pedalte ich also mit voller Unterstützung des im edlen Design meines Elektrobikes versteckten Motors den emmentalischen «Hoger» hinauf. Nach einer Kurve plötzlich eine Rad fahrende Familie; die zwei jüngsten Kinder – das Velo schiebend – schweissgebadet. Das T-Shirt klebte am Rücken und betonte die zarten Knochen ihres Rückgrates. Ich versuchte, mich klein und, entgegen meiner Gewohnheit, sehr alt zu machen, als ich potenziell elegant und völlig unangestrengt an ihnen vorbeiradelte. «Ich schäme mich», rief ich ihnen zu und würdigte mit erhobenem Daumen ihre Leistung, froh darüber, in einer «Duele» zu verschwinden, bevor der Weg wieder «gäch» anstieg.

Die Aussicht auf der Terrasse der Bäregghöchi entschädigte mich für die erlittene Schande und liess mich sie vergessen: Über «Chräche» und «Höger», über Berg und Tal schweift das Auge und bleibt an einsamen, «b’häbigen» Gehöften hängen. Ich fühlte mich wie zu Hause. Angekommen, ohne Schweiss vergossen zu haben. Zum Vollmondkonzert in der Gaststube setzte das Wirtepaar Marianne und Thomas mich und meinen Partner zu Heidi und Hans an den Tisch. Die Wirtin verstehe es, die richtigen Leute zusammenzusetzen, wurde uns gesagt. Bald kamen wir vier auf die schnittigen E-Bikes zu reden, die vor der Beiz standen. Ich sagte bescheiden: «Ja, sie sind ‹nigelnagelneu› und wir sind mit ihnen von Bern ins ‹Ämmitau› gestrampelt und mir tut das ‹Füdli megaweh›.» «Kein Wunder», meinte Heidi, der Sattel sehe sehr unbequem aus. Einen solchen hätte sie bei ihrem «Renngöppel» auch gehabt und ihn sofort ausgewechselt. «Du fährst Rennvelo?», fragte ich. «Und wie», sagte Hans. «Heidi fährt vom Luzerner Seetal in einem ‹Schnuuz› auf die Bäregghöchi und gleich wieder zurück.» Ich wurde wieder sehr klein und noch kleiner, als Heidi mit strahlenden Augen von all ihren sportlichen Aktivitäten erzählte. Ohne Angeberei, einfach aus Freude an dem, was ihr alles möglich ist. «Psst», fragte ich Hans, als sich Heidi für einen Moment mit ihrer Tischnachbarin zur Linken unterhielt, «wie alt ist sie denn?» – «68», sagte Hans und setzte lachend noch einen drauf: «Und ein künstliches Hüftgelenk hat sie wohl auch schon!»

Ich weiss noch heute nicht, ob Hans das ernst gemeint hat oder nicht, aber zwei Dinge sind mir nun klar geworden. Erstens: Ich will mit 68 auch so sportlich und fit wie Heidi sein! Zweitens: Ich muss nun erst einmal 50 werden und mir dann aber schleunigst einen Personal-Trainer nehmen, mir ein Personal-Fitnessprogramm auf den Leib schneidern lassen und mich damit intensiv auseinandersetzen. Und dann fange ich mit dem Training an. Spätestens mit 55. Oder 60. Oder – versprochen – spätestens, wenn ich pensioniert sein werde. – Was mache ich dann aber mit meinem geliebten E-Bike?

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, Mutter einer erwachsenen Tochter, wohnt auf ihrem Bauernhof in Reitnau, der für Mensch und Tier ein Paradies ist.


Foto: Daniel Oines / flickr / cc

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