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Traum aus Seide

Kategorie: Leben
 Ausgabe_09_2014 - 01.09.2014

Text:  Regine Elsener

Im Bernbiet knüpfen einige Bauern an das alte Handwerk der Seidenproduktion an. Im September nun kommt die erste Krawatte aus heimischer Zucht und Verarbeitung auf den Markt.

Seide – ein magisches Wort und für viele Synonym für Eleganz, Luxus und Exotik. Doch die Seidenstrasse führt nicht nur nach China, sondern auch nach Hinterkappelen im Bernischen. In der Garage von Ueli Ramseier ist es angenehm warm mit rund 25 Grad. Zahlreiche flache, oben offene Holztabletts liegen hier auf Obsthurden und dienen den Seidenraupen als Heimstatt. Jede ist voller Grünzeugs, Blätter des Maulbeerbaums. Im frischen Laub herrscht ein weisses Gewusel: Der Maulbeerspinner, Bombyx Mori wie die Seidenraupe richtig heisst, schlägt sich von früh bis spät den Bauch voll, bis sie von ursprünglich zwei Millimeter innerhalb eines Monats auf acht bis neun Zentimeter Länge herangewachsen ist. Während dieser Fressorgie legt sie das 10 000-fache an Gewicht zu.

60 000 Raupen im Bernbiet

Um diese Fressgier zu befriedigen, pflanzte Ueli Ramseier rund 700 Maulbeerbäume, die er als Stecklinge aus Frankreich importierte. Die Plantage prägt mittlerweile das Stück Land beim Schützenstand oberhalb des Dorfes. Den Schützen sei Dank: Weil der Boden von den Kugeln zu bleibelastet ist und für die Landwirtschaft nicht mehr genutzt werden darf, konnte Ramseier das Areal pachten. Er pflegt verschiedene Sorten Maulbeerbäume, doch der Seidenspinner ist «schnäderfräsig»: Er liebt die Blätter des weissen Maulbeerbaumes, Morus alba, über alles.

Ursprünglich ist der Baum ein stattliches Hochstamm-Exemplar, für dessen Blätterschnitt jedoch eine Leiter nötig ist. Bei dreimaliger Futtergabe pro Tag eine mühsame Angelegenheit. Deshalb halten die Seidenbauern ihre Maulbeeren kurz: «Bei einer Höhe von etwa 1,60 Meter kann man die Blätter viel einfacher ernten», so Ramseier.

Das Handwerk in Indien gelernt

Obwohl im September die ersten Produkte, Krawatten, aus heimischer Zucht und Verarbeitung auf den Markt kommen, gibt sich Ramseier selbstkritisch: «Wir müssen noch besser werden», betont der Schweizer Seidenpionier, «denn für den Seidenbau muss man drei Handwerke lernen.» Statt Graswirtschaft den Futterbau mit Bäumen, statt Kuhhaltung die Tierzucht mit Raupen und natürlich die Rohseidenproduktion, das Abhaspeln, also das Abwickeln des Fadens vom Kokon. Für das dritte Handwerk flog Ramseier nach Indien, um das Abhaspeln zu lernen und die dafür nötige Maschine in die Schweiz zu bringen. Dereinst könnten die Seidenbauern rund 20 Franken Stundenlohn erarbeiten, was deutlich über dem gängigen Stundenlohn von rund 15 Franken in der Landwirtschaft liegt.

Auch bei der Futterproduktion gilt es weiterzukommen: Ramseier kontaktierte ProSpecieRara, um herauszufinden, ob in der Schweiz noch alte Maulbeerbäume stehen. Schweizweit sind aktuell etwa 420 Bäume inventarisiert. Ein bescheidener Bestand angesichts der rund 860 000 Maulbeerenbäume, die es während der Blütezeit der Schweizer Seidenindustrie gab. «Unser Ziel ist, alte genetische Ressourcen anzulegen und jene, die geeignet sind, zu vermehren,» sagt Melanie Glaser von ProSpecieRara. Von den Vermehrungsfähigen hat ProSpecieRara in einer Baumschule Stecklinge ziehen lassen. Allerdings laufe dieser Prozess noch nicht wie gewünscht.

Entstehung der Seide
Der Maulbeerspinner, Bombyx mori, ein unauffälliger Nachtfalter, durchlebt vier Entwicklungsphasen: Ei, Raupe, Puppe (Kokon), Schmetterling. Der Kokon, in den sich die Raupe einspinnt, ist der Seidenfaden. Die Aufzucht in warmen, geschlossenen Räumen dauert rund 30 Tage in der warmen Jahreszeit, weil der Maulbeerbaum erst ab Mai genügend grosse Blätter als Futter entwickelt. Bevor sich die Raupe verpuppt, zieht sie sich in ein bereitgestelltes Regal oder dürres Reisig zurück. Dann beginnt sie sich in den selber produzierten Faden einzuwickeln. Nach drei Tagen ist ein wunderschöner weisser Kokon entstanden. Nach weiteren zwölf Tagen schlüpft der Falter. Unmittelbar nach dem Schlüpfen paaren sich die Falter. Nach dem Akt sterben die Männchen sofort, die Weibchen nach der Eiablage. Sie legen 300 bis 500 mohnsamengrosse Eier. Für die Seidengewinnung lässt man allerdings nur jene Tiere schlüpfen, die man zur Weiterzucht benötigt. Mit der fertigen Hülle ist deshalb auch das Leben der Tiere zu Ende: Der Züchter sammelt ebenmässige Kokons ein und tötet sie bei 110 Grad im speziellen Trocknungsofen. Um den Faden vom Kokon abwickeln zu können, muss der Seidenleim im heissen Wasserbad gelöst werden. Ein Kokon liefert einen ein Kilometer langen Faden; mehrere Fäden werden miteinander verzwirnt, damit ein genug starker Seidenfaden zur weiteren Verarbeitung entsteht. Aus 5000 Kokons entsteht ein Kilogramm Seidenfaden. Die toten Maulbeerspinner können als Futter in der Fischzucht Verwendung finden.

Zürichs «Seidenhöfe»

In klimatisch günstigen Regionen – dort, wo auch Reben wachsen – konnte sich die Maulbeere etablieren. Auch hierzulande: Die Schweizer Seidenproduktion und der damit verbundene Handel gehen auf das Jahr 1250 zurück. Früh entwickelten sich Basel und Zürich zu wichtigen Zentren. Man exportierte das teure Tuch nach England, Schwaben, Südfrankreich und ostwärts nach Prag und Ungarn.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren die Zürcher «Seidenhöfe», die Seidengasse in der Zürcher Innenstadt erinnert daran, weltberühmt. Zwischen den Jahren 1840 und 1900 war im Kanton die Seidenindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig: Um 1860 stieg die Region Zürich zur weltweit zweit wichtigsten Seidenstoffproduzentin auf. Das Aufkommen synthetischer Fasern und chemischer Farben bedeutete jedoch den Niedergang der Schweizer Seidenindustrie. Das trifft aber nur auf die Verarbeitung von Rohseide zu und nicht auf die Seidenraupenaufzucht: Vor knapp 100 Jahren erst stellte die letzte im Tessin ihren Betrieb ein – aufgrund günstiger Importware und Krankheiten bei den Seidenraupen.

Jetzt, fast 800 Jahre nach der Entstehung der Seidenproduktion in der Schweiz und fünf Jahre nach der Gründung von Swiss Silk, bringt die Seidenweberei Weisbrod ihre ersten Swiss-Silk-Produkte auf den Markt: Ab September sind die Seidenkrawatten aus heimischer Zucht und Verarbeitung erhältlich, im Museumsshop des Landesmuseums Zürich, bei der Firma Weisbrod in Hausen am Albis und über den Webshop von Weisbrod. 

Fotos: Swiss Silk, fotolia.com

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