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Krank vor Sehnsucht

Kategorie: Leben
 Ausgabe_06_2014 - 01.06.2014

Text:  Susanne Hochuli

Susanne Hochuli ist süchtig, süchtig nach Nostalgie. Paradoxerweise treibt sie dieses «krank machende Heimweh» bis nach Südfrankreich ins Zentrum einer riesigen Brocante.

Vermutlich ist es eine Krankheit, die mich immer wieder befällt. Die Kosten, die sie verursacht, werden indes noch nicht über die obligatorische Kranken- und Pflegeversicherung abgegolten. Kosten verursacht es aber allemal. Und keine geringen! Befällt es mich, ist es wie eine Sucht: Es hat mich im Griff.

Ich nenne dieses Ding einfach mal «Sehnsucht» oder besser «Nostalgie». Mit Nostalgie wurde im 17. Jahrhundert ein krank machendes Heimweh bezeichnet, das besonders Schweizer Söldner in der Fremde befiel. Auch anno dazumal konnten die Heimweh-Folgekosten nicht abgerechnet werden: Es gab unsere Krankenversicherung gar noch nicht. Erst später hat Nostalgie die heutige nicht-medizinische Bedeutung erhalten. Heute versteht man unter Nostalgie eine «sehnsuchtsvolle oder wehmütige Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken» – was immer das heissen mag.

Wie gesagt, mich befällt die Nostalgie regelmässig; sie hat mich sogar in den Süden Frankreichs geführt, nach Isle-sur-la- Sorgue im Luberon. Dort, im Städtchen der Antiquitätenhändler, findet über Ostern eine riesige Brocante statt – eine Art Open-Air-Brockenhaus. Alles, was schon mal gebraucht worden ist, wartet auf neue Besitzer und auf neue Bestimmungen. Und heimtückisch wecken diese alten und alltäglichen Gegenstände eben: Nostalgie – Gefühle daran, wie früher alles besser war. Wie gemütlich und heimisch man sich damals fühlte, als am Sonntag mit Porzellangeschirr und Silberbesteck aufgedeckt wurde; als «Nostalgie ist die Erinnerung an die guten alten Zeiten, als mit schweren Gusseisenpfannen auf dem Holzherd gekocht, als mit schweren Gusseisenpfannen auf dem Holzherd gekocht wurde; als im Schlafzimmer Waschschüssel, Wasserkrug und Nachttopf standen, Ton in Ton und gleich verziert; als bestickte Nachthemden und Nachthauben die Schlafenden sittlich einkleideten, als am Sekretär der Brief an den Geliebten mit der Feder geschrieben wurde.

Auch ich habe an der Brocante eingekauft. Aber schlau! Weil von oberster Armeestelle mit einem Schuss Nostalgie an die Vernunft und Weitsicht der Menschen in unserem Land appelliert wurde, sich genügend Notvorrat anzulegen, habe ich in Frankreich Vorratsdosen aus Email besorgt. Sechs an der Zahl. Zwar ein bisschen verbeult und mit einer Patina, aber geübt im Aufbewahren von Dingen und ganz vernünftig der Grösse nach geordnet: Zucker, Kaffee, Mehl, Tee, Gewürze und Pfeffer. Schlauer geht es nicht. (Obwohl ich einen Notvorrat nach heutigen Massstäben anders zusammenstellen würde. Dies aber nur am Rande.) Sogar eine alte Sodawasserflasche gesellte sich zu den Dosen. Ich weiss, das ist unvernünftig wenig für einen Not-Wasservorrat. Da ich zu Hause aber einen Brunnen habe, kann ich diese eine Flasche verantworten. (Nostalgie verleitet einen dazu, sich vorwiegend an das Gute und das Schöne zu erinnern. Deshalb blende ich die Gefahr durch Brunnenvergifter aus.)

Mir ist durchaus bewusst, dass Nostalgie entfremdet – auch von der Gegenwart und von ihren tatsächlichen Herausforderungen. Aber das nehme ich locker. Solange die Flucht geografisch auf Brocanten und politisch im Diskurs um den Notvorrat endet, können wir gerne auch mal krank vor Sehnsucht werden.

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, Mutter einer erwachsenen Tochter, wohnt auf ihrem Bauernhof in Reitnau, der für Mensch und Tier ein Paradies ist.


Foto: Anne Jacko / flickr / cc

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