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Frei im Kopf

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10 - 2008 - 01.10.2008

Text:  Hartmut Volk

Wer sich von sturen Denkmustern löst, gewinnt an Lebensqualität. Doch alte Denk- und Handelsweisen von heute auf morgen loslassen, ist nicht leicht. Aber es lässt sich schaffen: in vier Schritten.

«Zu wagen verursacht Angst; nicht zu wagen, bedeutet sich selbst verlieren.» Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard gibt das zu bedenken, denn wer möchte sich schon selbst verlieren? Das sollte die Entscheidung für das Wagen erleichtern. Dennoch, die damit verbundenen Ängste wollen beherrscht werden. Wohl noch immer aussichtsreichste Möglichkeit dazu ist, einer uralten Erkenntnis zu folgen: «Es sind nicht die Dinge, sondern unsere Ansichten von den Dingen, die unser Handeln steuern.»

Doch warum opfern wir beherztes Wagen so häufig auf dem Altar zu enger und oft auch falscher Betrachtungsweisen? Zum einen spielen hier genetische Dispositionen eine Rolle. Es gibt, fand der Osnabrücker Persönlichkeitsforscher
Julius Kuhl heraus, handlungsorientierte Menschen, die mutig loslegen. Ihnen gegenüber stehen die lageorientierten, die stets nur die Probleme sehen und dadurch nicht von der Stelle kommen. Eine ebenso wichtige Rolle spielen auch uralte Programmierungen, auf die das gewohnte Denken in jeweils gradlinigen Zweierbeziehungen nach dem Muster «wenn – dann» (lineares, binäres und kausales Denken) zurückgeht.

«Dieses Denken schleppen wir seit den Tagen unserer Menschwerdung mit uns herum», erklärt Irenäus Eibl-Eibesfeldt, einer der Pioniere der Erforschung
menschlichen Verhaltens. Wie sehr Menschen mit fixierten Annahmen an diese
Welt herangehen, zeigt schon die Vielzahl der visuellen Illusionen, die von den Wahrnehmungspsychologen erforscht wurden. «Sie scheinen gegen Erfahrungen ziemlich gut abgeschirmt, denn wir erliegen ihnen immer wieder», sagt Eibl-Eibesfeldt.

Das Erbe unserer Vorfahren

Ein Beispiel dafür: Jeder kennt die Illusion, der Mond fliege gegen die Wolken, wenn er bei leicht bewölktem Himmel zum Mond aufblickt. Wir wissen natürlich, dass die Wolken ziehen und nicht der Mond, dennoch ist der falsche Eindruck zwingend. Unsere Wahrnehmung geht hier von der Annahme aus, dass sich Objekte immer gegen einen ruhenden Hintergrund bewegen. Für die frühen Menschen war es wichtig, nicht lange überlegen zu müssen, ob sich hier eine Beute oder ein Feind bewegten.

Oder: Lässt man im Dunkeln nacheinander zwei benachbarte Lichtpunkte aufleuchten, dann glauben wir, sie hätten sich von A nach B bewegt und interpretieren das Geschehen aufgrund der Millionen Jahre lang bewährten und überlebenswichtigen Annahme wieder falsch – schliesslich verschwindet ja ein Objekt (Raubtier oder Beute) immer wieder hinter einem Hindernis und kommt an einer anderen Stelle wieder hervor. Psychologische Versuche haben gezeigt, dass bereits Säuglinge das erwarten.

«Lernen und eine erfolgreiche Lebensbewältigung setzen die Fähigkeit zu generalisieren voraus. Ohne Generalisierung würden unsere einzelnen Wahrnehmungen und Erlebnisse in eine Unzahl von zusammenhanglosen Ereignissen zerfallen. Erst die Generalisierung ermöglicht es, Wahrnehmungen zusammenzufassen, Oberbegriffe zu bilden und schliesslich abstrakt zu denken», erläutert der Entwicklungspsychologe Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Wege aus der Sackgasse

Nur, es ist genau diese Fähigkeit, die im Alltag das Denken befangen machen, ja sogar blockieren und zu Fehlleistungen und Misserfolgen führen kann, warnt Frick: Undifferenzierte, pauschale Generalisierungen schadeten dem Menschen über kurz und lang. «Sie machen uns zu monokausalen Denkmaschinen», drückt es Michael Kastner, Psychologieprofessor an der Universität Dortmund, etwas drastischer aus. Mit der Folge, dass sich Männer wie Frauen in schöner Regelmässigkeit immer wieder mit solchen Generalisierungen, sprich falschen Annahmen und Vermutungen, in Denk-Sackgassen verrennen und vom beherzten Handeln abhalten lassen. So bringen sie sich ein ums andere Mal mit ihren Ansichten um neue Aussichten, sprich mögliche Erfolgserlebnisse.

Wie kommen wir da raus? Im Zusammenhang mit besonders erfolgreichen
Sportlern taucht häufig ein Name auf: James E. Loehr. Der amerikanische
Sportpsychologe und Mentaltrainer machte die Erfahrung, dass eine Mischung
aus emotionaler Flexibilität, emotionalem Engagement, emotionaler Stärke und emotionaler Spannkraft die Mixtur ist, die verhindert, sich im Alltag immer wieder unbewusst im Kopf selbst zu blockieren.

Dabei ist für ihn
• emotionale Flexibilität die Fähigkeit, sich auf Belastungen und Veränderungen einstellen und in angespannten Situationen unverkrampft und ausgeglichen bleiben zu können; nicht aufzubrausen und in Bezug auf die anstehenden Aufgaben und Herausforderungen eine positive Einstellung zu entwickeln und durchzuhalten;
• emotionales Engagement die Fähigkeit, sich unter Druck und Unsicherheit eine geschmeidige, konzentrierte, langfristige, Aspekte stets miteinbeziehende,
zielbezogene Handlungsfähigkeit zu bewahren und nicht in Schein-  oder kurzfristig Erfolge versprechende Aktivitäten auszuweichen oder ganz und gar zu blockieren;
• emotionale Stärke die Fähigkeit, der Aussenwelt den Eindruck tendenzieller innerer Ruhe und souveräner Aufgabenbezogenheit und Handlungsfähigkeit
zu vermitteln, anstatt eine Atmosphäre von Hektik, Frustration oder gar Resignation zu verbreiten;
• emotionale Spannkraft die Fähigkeit, vergebene Chancen, Enttäuschungen, Fehlschläge und Misserfolgserlebnisse als Lernsituationen zu begreifen und zu verarbeiten, definitive Fehler als solche zu erkennen, zu ihnen zu stehen und sie beherzt zu korrigieren und sich so unbefangen anstehenden Aufgaben, im Wege stehenden Problemen oder ins Auge gefassten Zielen zu widmen.

4 Schritte hin zum freien Denken

Bleibt die Frage, wie lassen sich Löhrs Erkenntnisse in die Praxis umsetzen? Für den Heidelberger Professor und Fachmann für Fragen der Bewusstseinssteuerung
Hans Eberspächer heisst der Schlüssel zur Lösung «kontrolliertes Denken», den Gedanken nicht einfach freien Lauf lassen. «Wer sich das angewöhnt, macht sich das Leben gerade unter den heutigen Unsicherheitsbedingungen, die jedem von
uns auf die eine oder andere Weise zu schaffen machen, erheblich leichter», sagt er, «und das ganz einfach deshalb, weil er sich nicht immer wieder selbst entmutigt!»

Und darauf kommt es dabei an:
1. Selbstgesprächsregulation: Selbstgespräche und Handeln gehören zusammen. Je grösser die Leistungsanforderung, desto intensiver werden unsere Selbstgespräche. Weniger Erfolgreiche thematisieren dabei überwiegend Selbstzweifel. Erfolgreiche bauen sich mit zuversichtlichen Gedanken auf und fokussieren sich in ihren Selbstgesprächen auf ihre Aufgabe.
2. Vorstellungsregulation: Unsere Vorstellungen steuern Können, Handeln und Auftreten. Sie beeinflussen das Erleben, Erfahren und wie wir auf andere
wirken. Vorstellungen sind deshalb wichtige Prüf- und Führungsgrössen für unser Tun und Lassen. Ängstliche Vorstellungen machen unsicher und verhindern die Wahrnehmung gegebener Bewältigungsmöglichkeiten. Zielorientierte Vorstellungen hingegen bahnen Handeln vor und setzen die dazu notwendigen inneren geistig-seelischen Kräfte frei.
3. Aufmerksamkeitsregulation: Ein ausschliesslich auf die Pole Gestern und
Morgen fokussiertes Denken macht unruhig und unaufmerksam. Konzentration,
Kraft, Leistungsfähigkeit und gelassene Lebensfreude entstehen aus dem Verankertsein im Hier und Jetzt.
4. Kompetenzüberzeugung: Kraftvolles Handeln verlangt, das einzusetzen, was vorhanden ist, und nicht laufend über das nachzugrübeln, woran es mangelt. Wer nur mit seinen tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen beschäftigt ist, scheitert an sich selbst. Allerdings ist es auch falsch, bekannte Schwächen vor sich selbst zu verleugnen. Stabile, gelassene Leistungsfähigkeit stellt sich erst dann ein, wenn die handelnde Person trotz gegebener Schwächen von der Wirksamkeit ihres Tuns überzeugt ist und sich auf ihre Stärken besinnen kann. Mut zum Mannsein, Mut zu partnerschaftlichen Modellen.

Weiterführende Artikel:
Mannsein, Mut zu partnerschaftlichen Modellen

Literatur
• Carol Dweck: «Selbstbild – Wie unser Denken Erfolge und Niederlagen bewirkt», Campus Verlag 2007, Fr. 34.90
• jürg Frick: «Die Kraft der Ermutigung – Grundlagen und Beispiele zur Hilfe und Selbsthilfe», Verlag Hans Huber 2007, Fr. 39.90
• Gerd Gigerenzer: «Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition», Bertelsmann verlag 2008,
Fr. 34.90

Bilder: © FOTOLIA

 

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