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Klappe halten!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2014 - 01.05.2014

Text:  Simon Libsig

Unter den zarten Händen der Dentalhygienikerin geht Simon Libsig durch die Hölle. Morgen ist er wieder fällig. Aber er hat eine Idee.

Ich stand im Badezimmer vor dem Waschbecken und spukte Blut. Und nicht wenig. So viel Blut, das ist doch nicht normal! Nein, also da kann man mir sagen was man will, aber gesund ist das sicher nicht. Eben! Und genau deshalb tue ich es ja auch nur einmal pro Jahr. Hat ja auch etwas Abartiges!

Da nimmt man diesen schmierigen Faden und schiebt ihn sich zwischen die Zähne. Ja was heisst schieben – sägen, richtiggehend sägen muss man! Hin und her, hin und her, und plötzlich rutsch man durch und: zack! Da kann man sich genauso gut mit einem Skalpell ins Zahnfleisch schneiden, kommt aufs selbe raus.

Wie eine abgestochene Sau blutete ich in dieses Waschbecken. So richtig wasserfallmässig schoss das Blut zwischen den Schaufeln raus. Oben und unten. Und alles nur, weil ich am nächsten Tag wieder diesen jährlichen Termin hatte. Weil ich nicht lügen wollte auf die Frage: «Und Zahnseide benutzen Sie auch?»

Meine Schläfen pochten, mein ganzer Körper kribbelte. Ich sah es schon deutlich vor mir. Ich lag wieder völlig ausgeliefert auf diesem Zahnarztstuhl, auf diesem Schragen, den Mund weit aufgerissen, die Augen wie auf mittelalterlichen Folterbildern hervorquellend.

«Sagen sie einfach, wenn etwas weh tut.»

«Mmmmhhh.»

Ja wie denn?!! Sobald ich den Kiefer bewege, rutscht die doch automatisch weg mit ihren Instrumenten, da durchsticht die mir doch unweigerlich die Wange mit ihrem Kratz-Haken! Oder ich verschlucke den Speichelabsauger und ersticke elendiglich!

Nein, ich sage Ihnen, meine Dentalhygienikerin (DH) sieht zwar aus wie ein Engel, aber unter ihren zarten, nitrilbehandschuhten Fingerchen gehe ich jedes Mal durch die Hölle.

Kaum lässt sie die Rückenlehne runter, liegt mein Körper genau noch an drei Stellen auf: am Hinterkopf und an den Fersen. Da mache ich instinktiv einen Katzenbuckel, einfach auf die andere Seite, biege mich komplett durch. Und das Geräusch des Ultraschalls macht das Ganze nicht besser! Letztes Mal habe ich eine Armlehne abgerissen.

«Hat es sie elektrisiert? Ja das kommt von den Zahnhälsen, die liegen bei ihnen relativ frei. Die güxeln richtig hervor.»

Schwitzen kann man das schon gar nicht mehr nennen, wenn ich da jeweils auf der Folterbank liege. Bäche, sag ich Ihnen, Bäche sind das! Die Kleider kann ich danach direkt entsorgen.

Letztes Mal hat mir die DH den Ersatz-Kittel des Zahnarztes übergeworfen und mir ein Taxi bestellt. Mein Auto musste ich stehen lassen. Ich konnte knapp noch meine Wohnadresse klappern zwischen den Weinkrämpfen.

Und morgen soll es also wieder so weit sein.

Unterdessen hatte ich die Blutung gestillt und dreimal die Zähne geputzt. Ich zog die Oberlippe so weit wie möglich nach oben und kontrollierte sie im Spiegel. Eigentlich gar nicht so schlecht. Klar, die Zähne könnten weisser sein. Natürlich haben Zigaretten, Kaffee und Rotwein ihre Spuren hinterlassen. Aber hauptsächlich an der Innenseite. Die braunen Flecken sieht man nur, wenn ich meinen Mund zu weit aufreisse oder überschwänglich lache.

Beides verbot ich mir ab sofort. Frauen, redete ich mir ein, stehen ja sowieso eher auf Typen, die geheimnisvoll schweigen.

Ich griff zum Hörer und verschob den Termin um ein Jahr.

Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award – und hat mit «Auf zum Mond» auch ein wunderbares Kinderbuch herausgebracht. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch


Foto: 95Berlin/ flickr / cc

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