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Die bestohlene Kuh

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2014 - 01.05.2014

Text:  Eva Rosenfelder

Neun von zehn Schweizer Kühen gehen ohne Hörner durchs Leben. Wie ist das zu rechtfertigen? Und kann ein Stall, der die Verstümmelung seiner Bewohner erfordert, tierfreundlich sein? Ein Plädoyer für die Würde der Kuh.

Die geschmückten Kühe mit ihren prächtigen Hörnern, die bei traditionellen Alpaufzügen die Touristen begeistern, gehören wohl bald der Vergangenheit an. Denn Hörner gelten heute als gefährlich. Gemäss KAG Freiland Schweiz werden sie bei 90 Prozent aller Milchkühe entfernt. Paradox: Den Anlass dazu geben ausgerechnet die Laufställe – die zum Wohl der Tiere gebaut werden …

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Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
• IG Hornkuh:
Armin Capaul, Valengiron, Perrefitte
• Dok-Film «Das liebe Rindvieh»
von Bertram Verhaag, Dauer: 45 Min., Fr. 25.-. Bestellung über Armin Capaul möglich, Erlös zugunsten der IG Hornkuh
Filmvorführung an Schulen, Organisationen usw. auf Anfrage: Telefon: 032 493 30 25, www.denkmalfilm.tv
• Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Laufställe für Kühe mit Hörnern: Claudia Schneider, FiBL Frick), Detaillierte Empfehlungen zur Dimensionierung und Gestaltung von Laufställen und ausführliche Informationen zum Management behornter Milchkühe finden sich im FiBL-Merkblatt «Laufställe für
horntragende Milchkühe». Das 20-seitige Merkblatt gibt’s in der Schweiz für Fr. 9.– plus Versandkosten unter Angabe der Bestellnummer 1513 beim FiBL, Postfach, CH-5070 Frick, Tel. +41(0)62 865 72 72, Fax +41 (0)62 865 72 73, info.suisse(at)fibl.org
KAGfreiland - für Kuh, Schwein, Huhn & Co.

http://www.kagfreiland.ch/Statt der traditionellen Anbindhaltung haben die Kühe im Laufstall die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Doch das stellt neue Herausforderungen: Werden die Ställe nicht richtig dimensioniert – meist aus Spargründen – und bieten nicht genug Ausweichmöglichkeiten für rangniedrige Tiere, kann es Zoff geben. Verletzungen am Euter, Schrammen oder Blutergüsse können die Folge sein.

Teure Hörner

Viele Enthornungen – teils auch ausgewachsener Tiere – finden im Zusammenhang mit Stallumbauten statt, wenn von Anbinde- auf die «tierfreundliche» Laufstallhaltung umgestellt wird. «Gehörnte Tiere im Laufstall? Viel zu riskant», so die weitverbreitete Meinung.

Selbst bei Bio-Suisse, wo man wahrhaftig anderes erwartet, gilt die Enthornung vielen Landwirten als die beste Lösung: «Wir möchten den Bio-Bauern die Entscheidungsfreiheit lassen», sagt Sabine Lubow von Bio-Suisse. «Oft fehlen finanzielle Mittel, um grössere Laufställe zu bauen, die nötig wären, um Kühe mit Hörnern zu halten.» IG Hornkuh, Demeter, KAGfreiland und die Kleinbauern-Vereinigung VKMB hingegen stehen ein für die unversehrte Kuh.

Claudia Schneider vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) hat Wege aufgezeigt, wie Milchkühe mit Hörnern im Laufstall gefahrlos leben können. Dabei geht es vor allem um das Verhindern von Konkurrenzsituationen und von Unruhe in der Herde. Geschicktes Management kann zum Teil sogar stallbauliche Mängel kompensieren. «Wichtig ist auch ein guter Umgang mit den Kühen», sagt Schneider. Was jeder tierliebende Mensch sowieso weiss, weist nun auch eine Studie der ETH Zürich nach: Der Umgang des Menschen mit den Tieren ist ein entscheidender Faktor, um Risiken zu begrenzen.

Phantomschmerzen?

Jährlich werden bei 200 000 Kälbern die Hornanlagen ausgebrannt – ein Eingriff, der nur unter Betäubung durchgeführt werden darf. Denn anders als menschliche Fingernägel, sind die Kuhhörner durchblutet und sehr schmerzempfindlich. Die Blut- und Nervenbahnen werden bei diesem Eingriff abgetrennt und verödet, so dass kein Horn mehr nachwachsen kann. Der Schädel verschliesst sich mit der Zeit wieder. So entsteht die massgeschneiderte Milchkuh für die Ställe der Gegenwart.

Hörner sind enorm wichtige Kommunikations- und Imponierwerkzeuge, die Ausdruck von Befindlichkeit sind und bei der Festsetzung der Rangordnung in der Herde eine wichtige Rolle spielen. So sind Hörner für die Kuh ein zentrales Organ zur Bildung des sozialen Raumes und dessen Gleichgewicht.

Mit allen Sinnen verdauen

Die Natur hat es anders vorgesehen. Wenn ein frisch geborenes Kälbchen seine nassen Ohren schüttelt, beginnt es schon zu lauschen. Seine Lider sind schon geöffnet. Nach ein bis zwei Stunden steht es auf wackligen Stelzen und saugt gierig am Euter der Mutter die erste Milch. Alle seine Sinnesorgane und Gliedmassen sind vollständig ausgebildet – mit Ausnahme der Hörner. Diese wachsen erst allmählich. Wenn das Kälbchen im Alter von drei Monaten anfängt, Heu und Gras zu fressen, beginnen sie zart zu spriessen. Zufall?

Keinesfalls! Hörner haben auch für den Stoffwechsel des Tieres eine Bedeutung. Sie spielen eine wichtige Rolle im Verdauungsprozess und können als eine Art zusätzliche «Zähne» angeschaut werden.

Der Schädel einer ausgewachsenen Kuh ist ein riesiger Kieferapparat, darauf angelegt, grosse Pflanzenmengen zu verschlingen und wiederzukauen. Auch das Horn bildet einen wichtigen Teil des Verdauungsapparates. Es ist durchblutet und fühlt sich warm an. Bestehend aus der Hornscheide als verdichtetes Hautorgan und aus dem hohlen Knochenzapfen ist es verbunden mit der Stirn und Nasenhöhle und angeschlossen an die Zirkulation der Verdauungsgase im Magen-Darm-Trakt. Diese Gase steigen zuerst ins Horn auf, werden dort gestaut, um dann wieder in den Organismus der Kuh zurückgeschickt zu werden. So beleben die Gase die Verdauungsmasse im Magen-Darm-Trakt und helfen dem Rind bei der Verarbeitung schwer aufschliessbarer Nahrung.

Hornmilch ist besser verträglich

Es erstaunt daher nicht, dass die Entfernung der Hörner auch einen Einfluss auf die Milchqualität hat. Verschiedene Tests von Ärzten und Heilpraktikern
haben ergeben, dass die Milch von Hörner tragenden Kühen bekömmlicher ist, von Allergikern besser vertragen wird und bei der Kristallanalyse harmonischere, kräftigere und zentriertere Bilder ergibt, die auf mehr Lebenskraft hinweisen.

Auch wenn neuerdings immer mehr Rassen eingesetzt werden, denen das Horn genetisch weggezüchtet wurde – was aus tierschützerischer Sicht eine bessere Lösung zu sein scheint –, so ist dies aus ethischer Sicht sogar noch fragwürdiger. Mit dem genetischen Eingriff nimmt man einer ganzen Art die Möglichkeit, Hörner gemäss ihrer ureigenen Wesensart auszubilden.

Das liebe Rindvieh

Es ist wahrhaft ein liebes und duldsames Rindvieh, das sich so vieles von uns gefallen lässt: zur Maximierung der Milchleistung überzüchtet bis ins Groteske, überversorgt mit eiweissreichem Kraftfutter, gefüttert mit Gras, das bereits vor der ersten Blüten- und Samenbildung geschnitten wurde, gehalten auf überdüngten Wiesen und Weiden, ein allzu kurzes Leben als Nutztier – fünf Jahre vielleicht bis zum Schlachthaus, bei einer möglichen Lebenserwartung von stolzen dreissig Jahren.

Wer eine gesunde Kuh beim Wiederkäuen betrachtet, spürt Frieden. Voller Hingabe und mit allen Sinnen verinnerlicht sich die Kuh die Düfte der Nahrung, hinauf bis in die Hornspitzen. Alte Kulturen sprachen dem Horn nicht von ungefähr die Bedeutung des Füllhornes zu: einem Gefäss von unendlicher Lebenskraft, das den Menschen immerfort reiche Ernte bescherte.

Filmtipp
Bertram Verhaag: «Das liebe Rindvieh», DENKmal-Film Verhaag, 2013, 45 Min., Fr. 25.– Bestellung über Armin Capaul möglich, ebenso Filmvorführungen in Schulen, Firmen, Organisationen. Erlös zugunsten der IG Hornkuh. Telefon: 032 493 30 25
Buchtipps
• Martin Ott: «Kühe verstehen. Eine neue Partnerschaft beginnt», Fona Verlag, 2011, Fr. 35.90
• Marc Valance: «Die Schweizer Kuh – Kult und Vermarktung eines nationalen Symbols», Hier und Jetzt Verlag, 2013, Fr. 64.90

Fotos: thinkstock.com, swissimage.ch / Walter Storto, fotolia.com, Philipp Rohner, Fona/Faro Verlag AG

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