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Über Intention zum schlauen Bauch

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2014 - 01.04.2014

Text:  Fabrice Müller

Der Verstand wird überschätzt. Emotion und Intuition liegen oft richtig. Manchmal aber auch gründlich daneben. Wie funktioniert das Bauchgefühl und wann kann ich mich darauf verlassen?

Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen und auf die innere Stimme zu hören, wird in unserer von Zahlen, Fakten und Logik getriebenen Gesellschaft häufig belächelt. Doch immer mehr Menschen vertrauen auf ihr Bauchgefühl und lassen sich bei wichtigen Entscheidungen intuitiv leiten.

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass der Bauch denken kann. Ein Bauch-Nervensystem, ähnlich dem Gehirn, beeinflusst unser Denken und Handeln. Rund 90 Prozent aller Entscheidungen im Leben werden letztlich «aus dem Bauch heraus» getroffen. Thomas Brandenberger, Psychologe, Managementcoach und zusammen mit Peter Müri, Autor des Buches «In die In tuition eintauchen», glaubt, dass die Menschen wieder offener sind für eine Auseinandersetzung mit ihrer Intuition. Jedoch: «Da unsere Gesellschaft Intuition als Entscheidungshilfe meist nur im Privatleben akzeptiert, erscheint sie nicht in einem Lehrplan der öffentlichen Schulen. Bildung, Beruf, Gesellschaft und vor allem einige Wissenschaften sorgen dafür, dass Intuitionsentscheidungen als suspekt abgewertet und vermieden werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass unsere Intuitionsbegabung heute in der Regel verkümmert ist.»

Dass die Intuition trotzdem Beachtung findet, zeigt zum Beispiel die Befragung von Jadish Parikh, Experte und Buchautor zum Thema Selbstmanagement sowie Mitbegründer der World Business Academy (USA). In der Umfrage gaben 80 Prozent von 1312 führenden Managern aus neun Ländern an, dass sie ihre Intuition einsetzen und glauben, dies würde zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Über 70 Prozent zeigten sich zudem davon überzeugt, dass die Intuition für Forschungs- und Entwicklungsbemühungen wichtig sei. Die Arbeit mit der Intuition ist allerdings nicht neu: Im abendländischen Denken galt die Intuition einst als sicherste Form der Alltagserkenntnis.

Unbewusste Intelligenz

Doch was genau ist Intuition? Und wie funktioniert sie? Im Lateinischen wird «Intuition» (intuitio, intuere) mit «genau hinsehen» umschrieben. Wesentliche Aspekte der Intuition sind zum einen die Begabung, auf Anhieb eine gute Entscheidung zu treffen, ohne die zugrunde liegenden Zusammenhänge explizit zu verstehen. Zum anderen ist es die Fähigkeit, Eigenschaften und Emotionen eines Menschen in Sekundenbruchteilen zu erfassen. Intuition gilt also als die Fähigkeit der Informationsverarbeitung und der angemessenen Reaktion bei grosser Komplexität der zu verarbeitenden Daten. «Pure Vernunft wird niemals siegen», sagt Gerald Traufetter in seinem Buch «Intuition – die Weisheit der Gefühle». Ein Grossteil des geistigen Lebens der Menschen spielt sich, so Traufetter, im Unterbewusstsein ab und beruht auf Prozessen, die nichts mit Logik zu tun haben.

Intuition wird gerne auch als unbewusste Intelligenz bezeichnet. Sie taucht rasch, manchmal blitzartig im Bewusstsein auf. Dabei sind uns die genauen und tieferen Gründe nicht ganz bewusst, wie Thomas Brandenberger erklärt. «Bauchgefühle basieren auf überraschend wenigen Informationen. Im Gegensatz dazu ist die Informationsbeschaffung für rationale Entscheide vielfach ein zeitintensiver Prozess.»

Im Fokus der Wissenschaft

Für die Naturwissenschafter gehörte die Intuition lange Zeit in den Bereich der Esoterik. Seit etwa zehn Jahren jedoch nehmen sich vor allem Psychologen, Mediziner und Neurowissenschafter vermehrt dem Thema an. Dies kann Thorsten Pachur vom Max-Planck-Institut in Berlin bestätigen: «Heute weiss man, dass die Menschen schon immer wichtige Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen haben. In der Psychologie versuchen wir, herauszufinden, welche Mechanismen dabei im Spiel sind.» Dass sich die Wissenschaft plötzlich mehr für die einst belächelte Intuition interessiert, habe auch damit zu tun, dass sie in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt. «Wir müssen heute in vielen Lebensbereichen deutlich mehr Entscheidungen treffen als vor fünfzig oder hundert Jahren. Die Fülle an Informationen kann allein mit dem Intellekt gar nicht in nützlicher Frist verarbeitet werden. Hier sind wir auf das Bauchgefühl angewiesen.»

Im Reich der Gefühle

Die Psychologie geht davon aus, dass die Intuition stark mit Emotionen gekoppelt ist. Über die genaue Rolle der Gefühle können Wissenschafter wie Pachur allerdings nur spekulieren. Für den britischen Autoren und Biologen Rupert Sheldrake gehört die Fähigkeit, in sich Vorahnungen wahrzunehmen, zum Leben; ebenso die bisweilen als unerklärlich geltenden Fähigkeiten wie Telepathie oder Hellsehen.

Wie wäre die Geschichte der Menschheit verlaufen, wenn sich die Menschen statt vom Intellekt von der Intuition hätten leiten lassen? Lebten wir heute in einer besseren Welt? Nicht unbedingt. Thorsten Pachur geht davon aus, dass viele technische und kulturelle  Errungenschaften allein über die Intuition nicht möglich gewesen wären. Und Thomas Brandenberger sagt: «Die Welt wäre nicht besser als heute. Es braucht neben der Intuition auch den Kopf und das Herz, um als Mensch weiterzukommen.»

Literatur
• Peter Müri, Thomas Brandenberger: «In die Intuition eintauchen», Projekte-Verlag Cornelius, 2011
• Diana Dawn Kavian: «Erwarte das Unerwartete. In 21 Tagen zur eigenen Intuition», Neue Erde, 2014

Fotos: fotolia.com, thinkstock.com

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