Artikel Leben :: Natürlich Online

Wer ein Tagebuch schreibt, hat mehr vom Leben.

Kategorie: Leben
 Ausgabe_03_2014 - 01.03.2014

Text:  Rita Torcasso

Tagebuchschreiben ist etwas Privates und Intimes. Doch Tagebücher sind im Leben oftmals auch wertvolle Zeitdokumente, so wie zum Beispiel die von Anne Frank.

Erlebnisse werden mit Gefühlen, Empfindungen und Gedanken verbunden; man klärt etwas, ordnet es ein, schreibt es nieder und legt es ab. Dabei scheinen Intimität und Geheimnis untrennbare Elemente des Tagebuches zu sein. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti schreibt: «Ein Tagebuch, das nicht geheim ist, ist kein Tagebuch.» Seine eigenen Tagebücher liess der 1994 verstorbene Schriftsteller zehn Jahre über seinen Tod hinaus sperren.

Surftipps
Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
Deutsches Tagebuch-Archiv
Tagebücher vom 16. Jahrhundert- 21. Jahrhundert

Jedoch gibt es zwischen Privatem und Öffentlichem oft keine klare Trennlinie. Anne Frank schrieb zuerst ein persönliches Tagebuch. Doch als sie im Radio hörte, dass solche Dokumente aus der Kriegszeit später publiziert werden sollen, begann sie es zu überarbeiten. Diese überarbeitete Fassung ist eines der meistgelesensten Tagebücher der Welt. Der erste Eintrag gab später den Anstoss für den jährlichen «Tag des Tagebuches» jeweils am 12. Juni.

Suche nach dem Ureigensten

Viele Menschen, die ihre Zeit prägten, führten Tagebuch: etwa Che Guevara, Leo Trotzki, Sigmund Freud, John F. Kennedy und eine ganze Reihe von bekannten Schriftstellern und Künstlern. Literarische «Klassiker» wurden die Tagebücher von Max Frisch. Sie weisen über das Private und das Festhalten von Zeitereignissen hinaus und widerspiegeln die Suche nach dem Ureigensten jedes Menschen.

Was Öffentlichkeit bewirkt, beschreibt Max Frisch im Berliner Tagebuch von 1973, das in diesem Frühling erstmals veröffentlicht wird: «Seit ich Notizen, die anfallen, in ein Ringheft einlege, merke ich schon meine Scham; ein Zeichen, dass ich beim Schreiben schon an den öffentlichen Leser denke, gleichviel wann es dazu kommen könnte. Und mit der Scham gleichzeitig auch die Rücksicht auf andere, die auch tückisch sein kann, vor allem doch wieder ein Selbstschutz.» (Vorabdruck NZZ, 28.12.13) Wohl deshalb sperrte er das Tagebuch 20 Jahre über seinen Tod hinaus.

Schreiben ist gesund

Persönliches aufschreiben hat eine therapeutische Wirkung, so Hansruedi Gehring, Psychotherapeut und Buchautor. Er sagt: «Therapeutisch wirkt das Schreiben, wenn es das Erleben präzise und emotional nachvollziehbar wiedergibt. Man darf sich nicht mit allgemeinen Floskeln begnügen.» Ein zentrales Motiv für das Schreiben eines Tagebuches sei Hoffnung, sagt der 74-Jährige. «Nicht selten löst eine Krise den ersten Eintrag aus.» Gehring setzt das Tagebuch in Schreibwerkstätten für Krebskranke ein: «In der Einzeltherapie führt etwa ein Drittel meiner Patienten Tagebuch.» Gehring selber hat in rund 50 Jahren an die hundert Tagebücher gefüllt. Er nutzt sie als «Rohmaterial» für seine Romane.

Was die Auseinandersetzung mit emotionalen Erlebnissen bewirkt, wurde vielfach erforscht. Das Niederschreiben führt im Moment zu einem erhöhten Stresspegel; doch längerfristig wirkt es sich positiv auf das Wohlbe nden aus. Traumatisierte Menschen, die ihre Erfahrungen aufschrieben, mussten weniger oft zum Arzt. Ihre Immunparameter verbesserten sich und sie fühlten sich weniger depressiv und ängstlich.

Ab ins Netz

Seit 15 Jahren werden im Deutschen Tagebucharchiv private Tagebücher gesammelt, heutiger Stand: 13 000. Noch werden dem Archiv Tagebücher aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zugeschickt; aber immer weniger. Das Archiv, sagt die Gründerin Frauke von Troschke, werde Hüter einer Form des Schreibens, die kaum mehr angewendet wird.

Das Aussergewöhnliche eines privaten Tagebuches ist hingegen, dass das Gegenüber «ich» selber bin. Nie würde sie so Persönliches ins Netz stellen, sagt Nora Kohler. Die 26-jährige Studentin führt seit zehn Jahren Tagebuch. «Es ist eine Art Dialog mit mir selbst. Eine Form von Psychohygiene – ein doppeltes Festhalten von dem, was mich beschäftigt, berührt, aufregt – damit ich es ablegen kann», sagt Kohler. Als wichtigsten Nutzen nennt sie die Ehrlichkeit sich selber gegenüber.

Tagebuchschreiben lernen

Der deutsche Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat eine Art Anleitung geschrieben: «Schreiben über mich selbst.» Er betrachtet das Tagebuch als Lebensarchiv, das mit der Zeit immer weiter aus- und umgebaut werden kann. «Schreiben über sich selbst ist eine lebensnotwendige, lebensverlängernde, lebensintensivierende Kraft», schreibt er. Dabei gehe es nicht um spektakuläre Einträge, sondern um das Fixieren von Beobachtungen, Erlebnissen und Einsichten. Wie er selber als Kind über tägliche Einträge zur Sprache und später zum literarischen Schreiben fand, ist das Thema seines Romans «Die Erfindung des Lebens».

Literatur
• Hanns-Josef Ortheil: «Schreiben über mich selbst», Dudenverlag 2014
• Christian Schärf: «Schreiben Tag für Tag», Dudenverlag 2012
• Alexandra Johnson: «Wie aus dem Leben Geschichten entstehen – Vom Tagebuch zum kreativen Schreiben», Pendo Verlag, 2003

Fotos: thinkstock.com, fotolia.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Alltag: Schlaue verzichten auf Multitasking

Fast alle tun es.

Kategorie:

Kategorie: Leben

Immer mit der Ruhe

Die Schweizer sind ein Volk von Rasern. Die Rede ist nicht vom Strassenverkehr,...