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Seeräuber

Kategorie: Leben
 Ausgabe_02_2014 - 23.01.2014

Text:  Simon Libsig

Im Urlaubsparadies gestrandete Gringos muss man mitunter zu ihrem Glück zwingen – meinen Einheimische, die gutes Geld mit gestressten Touristen verdienen.

Ich sagte klipp und klar nein. Dreimal. Erst höflich, dann frostig, dann mit dem Mittelfinger. Und an eben diesem zogen sie mich dann mit. Welcome my friend! Über den weissen Strand, zur Hütte, unters Palmendach. Austern wurden aufgeknackt, eine Kokusnuss mit Strohhalm wurde mir in die Hand, eine Plastik-Ray Ban auf die Nase und ein Panama-Hut auf den Kopf gedrückt. Nein danke! Ich habe das nicht bestellt!

Ein Einäugiger ohne Augenklappe begann, eine Karikatur von mir zu zeichnen, an meinem Handgelenk prangte plötzlich eine Rolex-Imitation, äh, Amigos, ich will das nicht! Zwei abgerissene Musiker gesellten sich hinzu, platzierten ihren Hut vor meine Füsse und begannen zu schrummen, und zu . . . naja, sie . . . sie sangen. Jedenfalls so was in der Art.

Vom Meer her winkte einer auf einem Jetski, ein anderer mit Schnorchel und Taucherbrille und ein Dritter auf einem Motorboot mit einer gelben Gummibanane im Schlepptau.

No, gracias, no, no!! Ich spürte Sonnencrème auf meinen Schultern, schon rieben flinke Finger sie ein, begannen zu kreisen, zu kneten, den Nacken hoch und runter, zwei Daumen pflügten meinen Schulterblättern entlang, Masaje, Masaje, Señor?

No! Ich bezahle nichts! Nada! Sie umfasste meinen Kopf mit beiden Händen, zog ihn etwas zu sich, liess ihn für ein paar Sekunden sanft an ihren üppigen Brüsten ruhen, dann glitt eine Hand unter mein Kinn, die andere fasste meine Stirn und «krack» riss sie meinen Kopf nach rechts. Ich sah Sterne. «Krack» nach links. Oh, muchos problemas, Señor, mui Stress, mui Stress, Massaje, Massaje es bueno! Ich versuchte, meine Beine zu bewegen – GOTTSEIDANK!, ich spürte sie. Ich spürte auch meinen Nacken, er war seltsam entspannt. Ich fühlte mich irgendwie leichter, meine Schultern lockerten sich. Si, si, sagte ich, mui Stress, mui trabajo, und deutete mit einem Mitleid erregenden Blick das schwere Los an, das ich zu tragen hatte. Muchos problemas!

Eine Minute später lag ich ausgestreckt im Sand. Die Masseuse kniete auf meinem Rücken, erstaunlicherweise hielt er stand. Ausser das Rückgrat. Jeglicher Widerstand meinerseits war gebrochen. Ich schloss die Augen und liess alles geschehen. Auch das Henna-Tattoo. Auch die Zöpfchen.

Nachdem ich allen umgerechnet einen halben Monatslohn in die ausgestreckte Hand gezählt hatte, wollte ich mich noch etwas unterhalten, der Rum aus der Kokosnuss, die Massage, all das hatte mich entkrampft, ich war kontaktfreudiger geworden, beinahe euphorisch. Ich hätte mir sogar ein kleines Liedchen mit den beiden Musikern vorstellen können. Aber als ich den Kopf drehte, waren sie weg. Welcome my friend!, hörte ich sie freudig rufen, vorne am Meer, wo eben ein weiterer Gringo gestrandet war.

Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award – und hat mit «Auf zum Mond» auch ein wunderbares Kinderbuch herausgebracht. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch

Foto: The Wandering Angel / flickr / cc

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