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Alles nur Hokuspokus?

Kategorie: Leben
 Ausgabe_12_2013 - 01.12.2013

Text:  Text und Fotos Peter Jaeggi

Vodoo ist in Afrika Religion und traditionelle Heilkunst. Nun kommen Schweizer Forscher und entwickeln vor Ort Impfungen. Was ist davon zu halten? Unser Autor war vor Ort.

Ein wenig abseits, auf einem weiten Feld am Indischen Ozean, umgeben von Kokospalmen, Cashew- und Mangobäumen, steht ein Komplex aus Klinik, Labor und Unterkünften. Es ist ein Ableger des Ifakara-Gesundheitsinstitutes (Ifakara Health Institute, IHI) und das erste klinische Forschungszentrum des Landes, wo neue Medikamente und Impfstoffe erstmals am Menschen geprüft werden.

Hinter Ifakara, das weltweit eine führende Rolle in der Malariaforschung spielt, steht ein Kapitel Schweizer Forschungsgeschichte. Vor mehr als einem halben Jahrhundert ist das Gesundheitsinstitut in Ifakara, das heute in tansanischer Hand ist, aufgebaut worden als Feldlabor des Schweizerischen Tropeninstitutes.

Heute heisst es Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH). Direktor ist Professor Marcel Tanner. Auf seine Initiative und mit grosser tansanischer Unterstützung entstand dieses klinische Forschungszentrum, finanziert vom Institut zusammen mit dem tansanischen Staat und mit Schweizer Forschungsgeldern sowie einer privaten Stiftung.

Eines der Hauptgesundheitsprobleme in Tansania ist die Malaria. Tanner: «Mit unseren Forschungen in Ifakara haben wir gezeigt, dass mit Insektizid behandelte Mückennetze die Säuglingssterblichkeit bis zur Hälfte senken.» Ifakara war es auch, wo mit Schweizer Hilfe (DEZA, Swiss TPH und Rudolf Geigy-Stiftung) die für Afrika ersten Malaria-Impfstoffe klinisch geprüft wurden.

Premiere mit Malaria-Impfstoff

Die Malaria gehört noch immer zu den gefährlichsten Krankheiten überhaupt. Jährlich stirbt weltweit rund eine Million Menschen an dieser Infektionskrankheit, die durch die Anophelesmücke übertragen wird. Nach neusten Schätzungen nimmt die Malaria weltweit wieder zu. Die Hälfte der Betroffenen sind Kinder unter fünf Jahren; mehr als vier Fünftel der Erkrankten leben in Afrika.

Der neuste Ifakara-Ableger in Bagamoyo ist das erste Institut in Tansania, das klinische Tests der Phase I durchführen kann. Dabei werden Medikamente erstmals an einer kleinen Gruppe Menschen getestet. Im Fall der Malaria-Impfung in Tansania sind es 54 Probanden. Traditionell wurden solche Tests nur im Norden gemacht. Weil in Afrika die aufwendige Infrastruktur und die Fachleute fehlten, die es dazu braucht.

Was hier wirkt, ist dort nutzlos

Die Wirkung von Medikamenten steht in Zusammenhang mit dem Immunsystem. Ein Medikament, das bei uns wirkt, kann deshalb in Afrika ganz oder teilweise wirkungslos sein. Die Malaria ist dafür ein gutes Beispiel. Wer in einem verseuchten Gebiet wie Tansania lebt, wird häufig von der Malariamücke gestochen und infiziert. Wird man mehrfach infiziert und immer wieder geheilt, entwickelt sich eine sogenannte Semi-Immunität. Man ist dann teilweise immun gegen Malaria-Parasiten.

Das hat Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Impfung, aber auch auf die Impfstrategie. Ein Tourist aus Europa braucht eine andere Zusammensetzung und einen anderen Impfplan als der semiimmune Afrikaner im verseuchten Gebiet.

Seif Shekalaghe ist Forschungsdirektor des neuen klinischen Forschungszentrums von Bagamoyo und leitet den Impfversuch. Er sagt: «Menschen mit teilweiser Immunität können nicht so leicht infiziert werden wie Europäer. Deswegen testen wir jetzt diese Malaria-Sporozoiten-Impfung an unserem Institut nochmals, mitten im von Malaria verseuchten Gebiet.» Die Erwartungen sind hoch. «Wir rechnen mit einem 90-prozentigen Schutz», sagt Shekalaghe. Das wäre Weltrekord. Bestehende Impfungen schützen nur zu 30 bis höchstens 50 Prozent. Wie oft man später nachimpfen muss, damit der erhoffte 90-Prozent-Schutz eintritt, weiss man noch nicht. Man spricht man von lebenslänglich jährlich zwei Impfdosen.

«Fälscher sind Mörder»

Ob ein neues Medikament auf den Markt kommen darf oder nicht, darüber entscheidet eine Zulassungs- und Aufsichtsbehörde. Bei uns ist dies die Swissmedic, die frühere Heilmittelkontrolle. In Tansania heisst sie «Tanzanian Food and Drug Administration» (TFDA). Mitfinanziert von der Melinda und Bill Gates-Stiftung und der Schweiz (DEZA und Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation) unterstützen Schweizer Experten, die TFDA und Registrierungsbehören in Südafrika, Kenya und anderen afrikanischen Ländern.

Der oberste Chef der TFDA ist Hiiti Sillo. Eine seiner grössten Sorgen sind mangelhafte und gefälschte Medikamente. Die WHO schätzt, dass in entwickelten Ländern etwa zehn Prozent der Medikamente gefälscht sind. In Entwicklungsländern ist die Rate noch viel höher. «Letztes Jahr deckten wir einen Fall von gefälschtem Chinin auf, das ist ein traditionelles, äusserst wirksames Antimalariamittel. In den Tabletten war überhaupt kein Chinin drin», sagt Sillo.

Aufbau einer Pharmaindustrie

Weshalb soll sich die Schweiz für das Gesundheitswesen eines fernen, armen Landes engagieren? «Es gibt kein Land, das die gewaltigen Probleme, wie sie in Afrika herrschen, allein lösen kann. Das müssen wir gemeinsam anpacken», sagt dazu Marcel Tanner. Denn wenn man die lokalen Probleme nicht gemeinsam angeht, resultieren globale Probleme. Das zeigte sich jüngst am Beispiel der beiden tollwütigen Katzen aus Marokko.

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