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Die Glücksammlerin

Kategorie: Leben
 Ausgabe 4 - 2008 - 01.04.2008

Text:  Martin Arnold

Regula Immler und ihr Lebenspartner sind Experten in Sachen Glück. Sie richten Meldestellen für Glücksmomente ein und beglücken mit ihren Aktionen Menschen.

Es sieht aus wie ein Überfall: An der Kreuzung der Davidstrasse beim Lagerhaus in St. Gallen stürmen fünf ausländische Jugendliche aus der Dunkelheit auf ein Auto zu. Bevor der Autofahrer vor Schreck den Rückwärtsgang einlegen kann, informiert ihn aber eine Tafel über den wahren Sinn und Zweck der Aktion: Um die Wartezeit zu verkürzen, wollen die jungen Südamerikaner den Autofahrern in nur wenigen Sekunden alle Scheiben putzen. Die Schüler einer Werkklasse im zehnten Schuljahr aus Schaan im Fürstentum Liechtenstein können dabei auf die Kompetenzen von Franco Lama aus Lima zurückgreifen. Er hatte in der peruanischen Hauptstadt bereits als Bub Scheiben geputzt.

Mut zum Glück 

Die Liechtensteiner Putzbrigade Los Lavaderos teilt sich an einer dicht befahre-nen, stauträchtigen Kreuzung im abendlichen Stossverkehr die Arbeit auf. Jeder nimmt sich eine Seite vor, so wie sie es zuvor geübt haben. Professionell hasten Schwämme über die Scheiben, kanalisieren Abstreifer das Wasser am Scheiben-rand, wischen es Tücher weg. Viele der staunenden und dankbaren Autofahrer möchten ein Trinkgeld geben. Doch das lehnt Regula Immler, Mitleiterin der Aktion, ab. Erst wenn die Fahrer insistieren, gibt sie nach.

Die Schulklasse begeisterte sich während einer Projektwoche mit Mark Riklin, Immlers Lebenspart-ner, für die Idee, selber Glück zu schenken, nachdem dieser ihnen verschiedene Filme über ähnliche Aktionen gezeigt hatte. Die zehn Schüler, die sonst vor allem mit der deutschen Sprache und den vielen Schwierigkeiten von Immigrations-kindern zu kämpfen haben, wollten ein positives Zeichen setzen. Bald kamen sie auf die Idee, ihr Glück
im Strassenverkehr zu suchen:
Scheiben putzen, Rosen und Schoko-
lade verteilen – Happy Rushhour.

Die Aktion sollte nicht in Schaan stattfinden, wo sie bekannt sind. So kamen sie nach St. Gallen. Albert Eberle, ihr Lehrer, ist froh, mit den Schülern die Aktion gemacht zu haben. «Es braucht Mut, fremde Menschen anzusprechen», sagt er. «Diesen Mut haben sie aufge-bracht, darauf sind sie stolz.»

Festhalten flüchtiger Momente

Regula Immler ist Expertin in Sachen Glück und in ihrem Zuhause im appen-zellischen Speicher finden sich überall in Worte gefasste Augenblicke des Glücks. Solche erleben auch Debora Corvaglia und Lume Salihi. Die beiden Schülerinnen verteilen an einer Ampel Rosen. Einige Autofahrer zeigen sich reserviert, sogar schroff. Sie halten mit einigem Abstand vor der Ampel an und als diese auf Grün springt, geben sie Vollgas. Es sind wohl Pendler, die den städtischen Verkehr un-behelligt und schnell hinter sich bringen wollen. Die jungen Frauen nehmen es gelassen hin und freuen sich umso mehr über jene Autofahrer, die ihre Blumen in dieser kühlen, mondbeschienenen Nacht mit einem dankbaren Lächeln entge-gennehmen. Was bedeutet Glück für die 17-jährige Lume aus Serbien? «Wenn meine Freundin, meine Freunde und meine Familie auch glücklich sind.»

Albert Eberle ist nicht nur der Lehrer dieser schon früh vom Leben geforderten Schüler. Er ist im Projekt auch der Ampel-poet. Würdevoll befrackt schreitet er die Fussgängerstreifen der Kreuzung ab und rezitiert Dreizeiler in der Versform japanischer Haikus. Ein Haiku fängt in ein-fachen Worten Gegebenheiten der Natur auf, fasst sie präzise und hält so einen sonst flüchtigen Moment fest. «Das ist etwas, das man auch im Umgang mit Glück lernen sollte», sagt Riklin.

Immler und er schulen sich in dieser Fähigkeit, Glück nicht nur zu erkennen, sondern auch zu erfassen und zu beschreiben. Täglich schreiben sie sich daher ihre Glücksmomente, eigentliche Liebeserklärungen, auf. Inzwischen sind es 2000 geworden. Sie werden nummeriert. Nummer 1746: «Glück ist, wenn Zufall auf Bereitschaft trifft.» Die Meldung 1789 deutet auf ihr grösstes Glück hin: «Wenn aus Liebe Leben entsteht, bekommt das Glück einen Namen.» Amira Sara heisst die Kleine und erblickte am 18. August 2007 das Licht der Welt.

Am Anfang stand das Heilgewehr

Angefangen hatte alles an der Expo 02. Dort sah Regula Immler ein sogenanntes Heilgewehr. Damit konnte man auf kranke Menschen schiessen und diese da-durch wieder gesund machen. Diese Idee liess die Sekundarlehrerin nicht mehr los. Als sie später in ihrer Schule ein Projekt aufziehen sollte, stand für sie fest: «Ich wollte etwas machen, das mich aufbaut.» Mit ihren Schülern organisierte sie den ersten Kongress der Glückswissenschaftler. Jeder Schüler war ein Experte und trug seine Thesen vor. Schliesslich vergaben sie einen Nobelpreis des Glücks.

Auch Immlers damaliger Lehrerkollege Mark Riklin fand Gefallen an der Thematik und schuf in St. Gallen die erste «Meldestelle für Glücksmomente».
Dort schreiben Passanten und Bekannte nun seit vier Jahren auf Endlosrollen
und fortlaufend nummeriert, was für sie Glück bedeutet. «So können wir das
Glück in Meter fassen», sagt Immler. Sie bezeichnet sich selber als Glückskind und man glaubt ihr aufs Wort.

Sie und ihr Mann wohnen
im idyllisch gelegenen alten Waisenhaus von Speicher. Beim Schreiben können sie zwischen dem Säntiszimmer und dem Bodenseezimmer wählen. Bei schönen Sonnenuntergängen treffen sich oft alle Hausbewohner auf dem Vorplatz zu einem Glas Wein und geniessen das Naturschauspiel. Regula Immler: «Seit ich mich intensiv mit Glück befasse, bin ich dafür empfänglicher geworden.» Sie werde auf kleine Dinge aufmerksam und merke, wie schön diese seien und wie glücklich sie machten.

Keiner im Haus muss solche Momente für sich behalten. Denn auch hier steht
eine Meldestelle für Glücksmomente. Eintrag Nummer 1041 geschrieben von einer Nachbarin: «Mich fragte eine Frau in der Trogener Bahn, ob ich in jenem
Haus wohne, wo man das Glück melden könne. Sie wolle Bericht erstatten. Ein
Mann habe an einem kalten Wintertag in einer zugigen St. Galler Gasse Vivaldis ‹Winter› so inniglich gespielt, dass einem warm ums Herz wurde.»

Der winzige Raum mit der alten Schreibmaschine, in dem die Meldestelle ein-gerichtet ist, lädt zum Verweilen ein. Der Blick schweift von hier über das deut-sche Ufer des Bodensees in das pastellene Nichts zwischen Himmel und Erde.

Happy Hour in Peru

Glücksmoment 1006: «Ich bin überglücklich und ein wenig traurig zugleich.» Es ist Regula Immlers eigener Eintrag, als sie vor drei Jahren nach Peru reiste und Freund und Freunde für ein halbes Jahr zurückliess. Auch in Peru wollte sie das Glück inventarisieren. Happy Hour hiess ihr Projekt in Cuzco. In einem Super-markt, einem Touristenrestaurant, in einer Schule, in einer Gasse, in der man gegen Bargeld Dokumente anfertigen lassen konnte, und auf einem Markt für Kunsthandwerk brachten sie und ihre Helfer Glücksmomente unters Volk.

Während einer Stunde schenkten sie den Passanten eine Blume und fragten,
ob auch sie ihnen einen Glücksmoment schenken würden. Die meisten waren einverstanden und verrieten, was sie glücklich macht: «Wenn ich bei Rot über die Kreuzung fahre und den Polizisten ins Gesicht lache», gestand etwa ein Taxifahrer. «Wenn ich mit meiner Frau am Morgen aufs Feld gehe, um zu arbeiten», meinte ein Bauer.

In sechs Stunden wurden drei Rollen von insgesamt neun Meter Länge mit 700 Glücksmomenten vollgeschrieben. Teilweise standen die Leute Schlange. Viele Peruaner sind glücklich im Kreise der Familie, in der Kirche oder freuen sich über die Siege ihrer Fussballmannschaft. «Für die Schweizer ist Glück dagegen eine individuellere Erfahrung», sagt Immler. Für den einen sei es Skifahren, für den anderen Reisen, den Dritten beglücke seine Karriere und den Vierten die Familie. Der Glücksexpertin ist noch etwas aufgefallen: «Die Peruaner leben im Moment – eine wichtige Bedingung, um für Glück jederzeit empfänglich zu sein.»

Fehlende Sensibilität für das Glück

Immler und ihr Lebenspartner haben die Happy Hour auch in der Schweiz eingeführt. Im Haus des Lernens in Herisau gehören Glückswissenschaften heute zum Schulstoff. Weitere Projekte sind entstanden. Grosse Beachtung fand etwa die von einem Schüler organisierte und von Immler begleitete «Fahrt ins Glück» der Trogener Bahn im Jahr 2004. Für eine Stunde gehörte ein Zug den Schülern. Statt Trogen oder St. Gallen stand «Fahrt ins Glück» auf dem Ziel-ortschild. Die Schüler verteilten Blumen an die Fahrgäste und ein Jugendlicher mit Zylinder und Frack grüsste die überholenden Autofahrer vom Fenster aus. Ein anderer löste ein Ticket und machte sich auf die Suche nach einem Schwarz-fahrer, um es diesem zu schenken. Er wurde allerdings nicht fündig.

Im Innern der Bahn nahm eine Meldestelle Glücksmomente auf, die der Lok-führer über Mikrofon verlas. Ein Jugendlicher etwa hatte gerade die Lehr-abschlussprüfung bestanden; derganze Zug gratulierte ihm. Das alles gefiel dem Lokführer so gut, dass er selber über seine Glücksmomente zu erzählen begann. Eigentlich sollte der Zug einmal von St. Gallen nach Trogen und zurück fahren. Doch waren alle so begeistert, dass die Bahn die Strecke gleich nochmals fuhr.

Solche Erfolge motivieren Regula Immler und Mark Riklin, dem Glück mehr Beachtung zu verschaffen. «Viele Menschen stossen immer wieder auf Glücks-momente, aber sie merken es nicht», sagt Immler. Negativmeldungen hätten in den Medien eine breite Plattform. Glück nähmen dagegen nur wenige ernst. Es werde viel mehr Energie in Dinge investiert, die nicht funktionieren, weil die Sensibilität für das Glück fehle. «Ich hoffe, dass sich das Positive, Bejahende und Beglückende immer weiter ausbreitet», fügt sie hinzu. Der Erfolg gibt den beiden recht. Meldestellen für Glücksmomente gibt es sogar in Wien und in München.

Auch die Worte des Ampel-poeten sind wie Rascheln im Herbstlaub. Flüchtig, zart, kaum hörbar inmitten brum-mender Motoren. Doch nicht nur die Autofahrer und Fussgänger, die sich mal mehr, mal weniger auf dieses überraschende Glückserlebnis einlassen, sind Zeugen. Die Happy Rushhour wird auch gefilmt und von einem Experten be-wertet. Jede Schülerin und jeder Schüler erhält am Schluss eine Urkunde. Sie feiern diese wie den Sieg in einem Fussballspiel. Der feste, wie in ein Drehbuch abgefasste Rahmen der Happy Rushhour gibt der Aktion eine Ernsthaftigkeit,
die wichtig ist für die Schüler. «Sie sind ein bedeutender Teil dieses Projektes
und werden von den Erwachsenen ernst genommen», erklärt Mark Riklin.

Die vielen zufriedenen Gesichter der beglückten Passanten sind eine Bestätigung; die Filmkamera, das Interesse der Journalisten und die lobende Kritik des Ex-perten eine Genugtuung. Die Schüler, so Riklin, hätten etwas gemacht, das noch keiner vor ihnen gemacht habe. Sie mussten sich an einen von der Polizei vor-gegebenen Rahmen halten. Keiner wusste, wie dieses Experiment verlaufen würde. Niemand habe die Jugendlichen geführt. «Sie haben den Auftritt selber mitgestaltet und sie haben gut gearbeitet», sagt er. «Das ist für die Schüler, von denen bis jetzt nur einer eine Lehrstelle gefunden hat, eine wichtige Erfahrung.»

Bilder: Martin Arnold

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