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Drachen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_10_2013 - 01.10.2013

Text:  Hans Keller

Der Name «Drache» leitet sich vom griechischen «Draxor» ab: der Scharfblickende. Es gibt sie in allen erdenklichen Formen und Charakteren. Ein paar davon werden hier vorgestellt.

Furth im Wald, anno 1967. Wenn man mit dem Auto in die damalige Tschechoslowakei fahren wollte, bot das hübsche Städtchen im Bayrischen Wald letzte Rast vor dem Eisernen Vorhang. Scheinbar ein ruhiger, verschlafener Ort am Ende der freien Welt. Doch weit gefehlt! Hier treibt seit fünfhundert Jahren der Further Drache «Tradinno» sein Unwesen.

In Furth zelebriert man jeweils im August das spektakulärste Drachenfest Europas: den Drachenstich, das älteste Volksschauspiel Deutschlands. Die Tradition geht auf die Hussitenkriege zurück, als die böhmischen Anhänger des frühen, während des Konzils zu Konstanz im Jahr 1415 als Ketzer verbrannten Reformators Jan Hus den katholischen Truppen eine schmähliche Schlappe nach der anderen bescherten. 1431 jedoch bereitete ein riesiges kaiserliches Heer den Hussiten bei Domalizce nördlich von Furth eine verheerende Niederlage. Furth litt stark unter den Wirren. Und da ein Unglück bekanntlich selten allein kommt, erhob sich just zu der Zeit – so will es die Sage – auch noch ein fürchterlicher Drache gegen die Stadt.

Gut oder bös – eine Frage der Kultur

Hier setzt die Geschichte des Drachenstichs ein. Zunächst war er Teil der Fronleichnamsprozession. Das Szenario des Spektakels änderte sich stetig und wurde jeweils dem Zeitgeist angepasst. So schnappte sich das Ungeheuer bald einmal eine «Jungfrau» aus dem Publikum, die dann von Rittern gerettet werden musste. Die katholische Kirche drohte öfters mit Verboten des Drachenstichs. Vergeblich. Seit 1879 ist er ein selbstständiges Fest. Der Further Drache symbolisierte oft unterschwellig unter anderem das jeweilig aktuelle «Böse», wie einst den Kommunismus. Seit 2006 setzt sich das Szenario auch inhaltlich mit modernen Gegebenheiten auseinander.

Beim Further Drachen handelt es sich um eine typisch westliche Variante der Spezies: böse, unheilbringend, aggressiv. Im Gegensatz dazu sind chinesische Drachen meist mit positiven Charakteren gesegnet; unter anderem sind sie als Regenspender bekannt. An Drachen glaubt man überall auf der Welt und sie werden wie kein anderes Fabeltier für alles Mögliche verantwortlich gemacht, sowohl für Glück und Reichtum als auch für Miseren und Desaster. Entsprechend vielgestaltig ist auch ihr Äusseres – den «typischen» Drachen gibt es nicht.

Fleischberge und Geistwesen

Hat es Drachen überhaupt jemals gegeben? Dieser Frage ging der deutsche Darwinist Wilhelm Bölsche (1861 bis 1939) nach. Profund wie kein anderer hat er Drachen in seinem 1929 erstmals erschienenen Buch «Drachen» beschrieben; das Werk wurde 2012 in der Urform neu aufgelegt. Bölsches populärbiologisches Essays und Erlebnisberichte lesen sich heute noch so spannend wie eh und je. Er folgt sorgfältig allen erdenklichen Lindwurm-Spuren. Eine davon führt natürlich zu den Sauriern, wobei Bölsche gleich auf seine launig pointierte Art bedauert, «dass die Natur nicht den Witz gefunden, diese ihre beiden Rekorde, den grössten wandelnden Fleischberg (die Saurier) und das höchste Geisteswesen (den Menschen) unter gleicher Sonne voreinander zu stellen …».

Neben den Sauriern und Riesenschlangen beschäftigt Bölsche sodann ein babylonisches Stadttor, das Nebukadnezar um 600 vor Christus errichten liess und das der Göttin Ischtar gewidmet ist. Neben heute noch existierenden Tieren wie Löwen und dem zwar ausgestorbenen, jedoch verbürgten, stierartigen Ur findet sich an diesem Tor auch das Relief eines Wesens mit Hundekörper, dünnem Hals und Drachenkopf. Gab es dafür in babylonischen Zeiten reale Modelle?

Eine weitere Quelle fand Bölsche in den bebilderten Bestiarien des Zürcher Universalgelehrten Konrad Gesner (1516 bis 1565), dessen Wissen über das Aussehen höchst merkwürdiger Viecher, unter anderem eben auch von «Drachen», Bölsche sehr schätzte. Bölsche gelangt schliesslich zu den heute noch existierenden Echsen, wobei er die Vermutung äussert, dass Warane und Leguane vielleicht den Drachen am nächsten ständen.

Drachen in der Schweiz

Da eben nie jemand je einen Drachen zu Gesicht bekommen haben dürfte, können diesen alle möglichen Glieder und Attribute angehängt werden. Künstler wie Albrecht Dürer haben sich diesbezüglich besonders hervorgetan, wobei sie sich zweifellos von biblischen Schilderungen, etwa des Meerungeheuers Leviathan, inspirieren liessen: «Um seine Zähne herum herrscht Schrecken, stolz stehen sie wie Reihen von Schilden, geschlossen und eng aneinandergefügt. Aus seinem Rachen fahren Fackeln und feurige Funken schiessen heraus. Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie von einem siedenden Kessel …» (Hiob, 41). Schilderungen wie diese prägten das westliche Bild des Drachens.

Gegen solche Monster, die sich klar von den «netten» ostasiatischen Pendants unterscheiden, kämpften in der christlichen Mythologie Erzengel wie Michael und – wohl am populärsten – der Heilige Georg. Dieser rettete eine Königstochter, die von einem Drachen als Opfer gefordert wurde, in einem mörderischen Kampf vor dem Tod. Wer immer von diesem Kampf erfuhr, soll sich zum Christentum bekehrt haben. Von Georgs Kampf gibt es zahlreiche Darstellungen, am kuriosesten sind jene, die ein schmürzeliges Drächelchen zeigen, das wie ein ekliger überdimensionierter Käfer an einem Hinterbein von Georgs Pferd hochkrabbelt.

Schatzwächter

Drachenformen, Drachenorte und Drachengeschichten gibt es wie Sand am Meer. Sie unterscheiden sich je nach Weltgegend, Religionen und Kulturen. In der reichen nordischen Mythologie etwa wird der Drache meist Lindwurm genannt. Als solcher provoziert beispielsweise der mutierte Riese Fafner als Wächter über den Macht verleihenden Goldring in Wagners «Ring des Nibelungen» den blutjungen Helden Siegfried zum Kampf. Geschmeide und Gold hüten sind übrigens typische Lindwurm-Jobs. Das Blut des Untiers, in dem Siegfried in einer Fassung des Mythos badet, verleiht Unverletzlichkeit; bei Wagner jedoch schluckt der Recke lediglich ein paar Tropfen davon und kann danach verstehen, was die Vögel pfeifen.

Egal, wo und ob in positivem oder negativem Sinne: In Drachen werden menschliche Machtgelüste und Wünsche aller Art hinein projiziert. Und Drachen evozieren Urängste vor nicht Durchschaubarem und Unberechenbarem, wie etwa dem Feuer. Mitunter tun aber auch westliche Drachen Gutes. Das Further Monstrum jedenfalls wirkt seit dem Mauerfall geradezu völkerverbindend, denn die tschechischböhmischen Nachfahren der Hussiten besuchen mittlerweile fleissig den Drachenstich ihrer katholischen «Gegner».

Bücher
• Wilhelm Bölsche: «Drachen», Salzwasser Verlag 2012, Fr. 24.40
«Märchen von Drachen & Dämonen», Verlag Königsfurt-Urania 2011, Fr. 7.90

Fotos: Andreas Mühlbauer, Furth im Wald, fotolia.com

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