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Der beste Innenarchitekt der Welt

Kategorie: Leben
 Ausgabe_09_2013 - 01.09.2013

Text:  Simon Libsig

Dreissig Jahre arbeite ich nun schon an diesem Raum, fertig wird er nie, aber kommen Sie, kommen Sie, werfen wir doch einen Blick hinein. In die gute Stube.

Natürlich sticht das Sofa sofort ins Auge. Dieses Couch-Potatos verschlingende Monster der Gemütlichkeit. Tonnenschwer und dennoch, so scheint es, getragen allein durch ein gigantisches Heer flauschiger Wollmäuse; einige schauen sogar fröhlich drunter hervor, sehen Sie? Links ein in vertikal verlaufenden, sich teilweise überschneidenden Linien gehaltenes Kratz-Muster, virtuos ausgeführt vom Hauskater «LeCorbüsi», rechts nimmt das Sofa die durchs Fenster fallenden Sonnenstrahlen schwungvoll auf und ist klassisch abgeschossen. Den dramatischen Farbverlauf von ehemals Dunkelbraun zu beinahe Weiss nennt man in Fachkreisen «gsehsch, ich ha’s jo gseit!». In der Mitte des Sofas, zwei Sitzkuhlen, in ihrer Tiefe und Form dem Marianengraben nachempfunden. Wer da mal drin sitzt, kommt nur sehr langsam wieder hoch. Ach ja, vielleicht noch ein Wort zur Fütterung. Pizza-Reste, Schokoladen-Krümel und Gummibären sind tief in dieses Sofa eingearbeitet, ganz nach dem «Futter-ins-Futter»-Prinzip.

Sicherlich ist Ihnen unterdessen auch der etwas eigentümliche Geruch aufgefallen. Darauf bin ich besonders stolz. So was dauert Jahre! Natürlich individuell designt. Jeder meiner Kunden soll auch mit geschlossenen Augen sagen können: «Oh ja, mi casa es mi casa!» Wenn Sie mal schnuppern mögen: Hier haben wir eine elegante, rauchige Note der Marke Chesterfield in guter Verbindung mit Bier-Rülpsern, hervorragende Säure, erinnert an Champions League-Abende und DVD-Sessions, abgerundet mit Nuancen von zerlesenen Büchern, Toastbrot und Kaffee. Lange nachklingend. Und was Sie da sonst noch riechen, hat etwas mit der eingegangenen Zimmerpflanze und «LeCorbüsis» beinahe krankhaftem Drang, sich zu verewigen zu tun.

Aber kommen Sie, schauen wir weiter. Hier der Tisch. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, die Ablage. Das Ding ist multifunktional! Zeitungen, Laptop, Rechnungen. Ich sag’ mal, an diesem Tisch können Sie sich gleichsam durch ein Steak oder durch die Steuererklärung beissen. So geschehen übrigens letztes Jahr, die abgebrochene Kugelschreiberspitze in der Tischplatte zeugt noch davon. Überhaupt sind es solche Details, aus denen ich den Raum – oder besser die Emotionen in diesem Raum – komponiere. Die Bleistift-Markierungen im Türrahmen beispielsweise, die das Grösserwerden der Kinder dokumentieren, die Fettspritzer an der Tischleuchte vom letzten Tischgrill-Plausch oder die Vorhänge mit der mahnenden Signalfarbe «Nikotin».

Das sind alles Spuren meiner Arbeit und ich hoffe, ich konnte ihnen einen kleinen Einblick geben.

Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award – und hat mit «Auf zum Mond» auch ein wunderbares Kinderbuch herausgebracht. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch

Foto: Emily May / flickr / cc

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