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Die Luft ist raus!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_08_2013 - 01.08.2013

Text:  Thomas Widmer

Morgens die Energie in Person, ein Vorzeigemensch quasi – abends ein Häuflein Elend. Supermann Widmer hat deutliche Schwachstellen.

Der Mann tendiert dazu, sich heldenhaft aufzublasen – deswegen gibt es ja auch die schöne Redewendung «jemandem die Luft ablassen». Frauen können es besonders gut. Zum Beispiel, wenn er beim Drei-Pärchen-Brunch prahlt, dass er eben am Männerwochenende mit Kollegen in zwei Tagen 83 Kilometer gelaufen ist; «und ich hatte im Fall kein bisschen Muskelkater». Sie fragt ihn dann fröhlich: «Sag mal, wie viel hat eigentlich am Sonntagabend das Taxi vom Bahnhof zu uns hinüber gekostet? Ist ja erstaunlich, dass die für eine Kurzstrecke von 250 Metern überhaupt losfahren.»

Womit wir bei mir wären. In der letzten Kolumne feierte ich mich als «Morgendominator». Ich berichtete, dass ich immer um fünf aufstehe und Online-Schach spiele. Das war wahr. Und es klang sehr heroisch. Freilich erreicht mich drei Wochen später eine E-Mail, die mir die Luft abliess. Für einmal keine Frau – es war mein Journalistenkollege Kai von der «Schweizer Familie». Freundlich frage mich Kai, wann ich jeweils ins Bett ginge?

Ups! Erwischt, Kai, erwischt! Am Morgen bin ich das Energiebündel. Der Kraftwidmer. Ein Frühterrorist, der ab 5.15 Uhr mailt und Schach spielt und «facebookt» und twittert und bloggt. Dabei muss ich oft an Sabina denken, die mein Gegenteil verkörpert. In meinem Kopf frohlockt es: «Ha, wenn Sabina liest, was ich geschrieben habe, bin ich schon vier Stunden wach. Arme Frau, was ist das für ein Leben, wenn man sich erst um neun Uhr berappelt und aufrafft.»

Leider hat mein täglicher Triumph eine Kehrseite: den Abend eben. Ich bin halt doch nur der Widmer und keiner dieser Industriebosse und Politiker à la Blocher, die angeblich mit drei, vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen. Unter sieben Stunden geht bei mir nichts. Rechne: Um fünf aufstehen heisst folglich … ja, der Widmer geht in der Regel um zehn ins Bett. Spätestens. Oft schafft er es nicht bis zu dieser Marke und kriecht schon um Viertel nach neun Richtung Schlafzimmer.

Manchmal gehen wir zusammen essen, ein paar Leute, Freundinnen und Freunde, Sabina ist meist auch dabei. Wir treffen uns so um acht Uhr abends, während ich doch viel lieber hätte, wenn es schon um sechs losginge. Keine Chance! «Ja, sind wir denn schon im Altersheim, dass wir um sechs Uhr abends essen sollen?», schlägt es mir entgegen.

Also acht. Die anderen wirken frisch wie der finnische Frühling. Unsereins schleppt sich ins Lokal und seufzt: «Phua, was für ein Tag!» Die anderen reden und lachen und witzeln, Sabina vor allem, und ich … ich bin der müde Widmer und gähne. Ab halb zehn linse ich verstohlen auf mein iPhone und konsultiere den Fahrplan: Wie komme ich am schnellsten in mein Zollikerberg?

Hey, Leute, hey Kai, ich bin kein Held der Kraft! Ich will am Abend nur eins: heim und ins Bett. Der Morgendominator ist ab 21 Uhr ein menschliches Elend. Eine Restfunktion. Ein einziges Sehnen nach der Nacht, die ihn wieder ganz macht, sodass er morgens um fünf aus dem Bett hüpfen und der Welt zeigen kann, wie stark, frisch und souverän er ist. Ja, sind wir denn schon im Altersheim, dass wir um sechs Uhr abends essen sollen?

Zur Person
Thomas Widmer (50) ist Reporter und Wanderkolumnist beim Tages-Anzeiger.



Foto: Ansel Edwards / flickr / cc

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