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Verantwortung tragen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_07_2013 - 01.07.2013

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Worauf kann man als Konsument achten, wenn man ethisch saubere Textilien kaufen möchte? Eine einfache Antwort gibt es nicht, weil kaum verbindliche Regeln existieren. Eine Suche nach Antworten im Textil-Dschungel.

Es stellt sich die Frage: Welche Möglichkeiten einer zuverlässigen und aussagekräftigen Überprüfung der Produktionsstätten von Textilien hat der Kunde? Wer ethisch korrekt einkaufen möchte, sollte sich etwas Zeit nehmen für eine gründliche Vorrecherche über Modekonzerne. Auch hier bietet Clean Clothes Campaign (CCC) einen hilfreichen Überblick auf ihrer Webseite. Im Zeitraum von 2010 bis 2012 hat CCC einen umfassenden Firmen-Check durchgeführt und 61 Modekonzernen hinsichtlich der Umsetzung und Einhaltung von Sozialstandards und des Arbeitsschutzes für die Näherinnen in den Produktionsländern auf den Zahn gefühlt. Die Unternehmen wurden um Selbstauskünfte gebeten. Fragen wie, welche konkreten Massnahmen ergriffen werden, um Ausbeutung zu verhindern, wie faire Löhne gesichert werden und wie transparent das Unternehmen für den Kunden sei, sollten beantwortet werden.

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Aus gutem Grund. Vor zwei Jahren wurden von den Vereinten Nationen die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet. Ein gut gemeinter Ansatz, aber nur Theorie. Traurige Wahrheit und Praxis sind bis heute, dass in Anbetracht des gnadenlosen Preiskampfes in der Textilbranche mancherorts trotz UN-Richtlinien selbst die Mindeststandards unterwandert werden. Clean Clothes Campaign hat die Ergebnisse ihres Firmen-Checks online gestellt. Einige schwarze Schafe haben sich schnell herauskristallisiert. Unter den Firmen, die als nachlässig eingestuft wurden, soll heissen, die Unternehmen kümmern sich in keiner Weise um eine Verbesserung der Sozialstandards und des Arbeitsschutzes, finden sich Benetton und Orsay. In der Kategorie Verweigerer sind neben weiteren auch New Yorker, Diesel und Pimkie gelistet. Diese Modeketten waren laut CCC nicht bereit, sich hinsichtlich ihrer Firmenpolitik zum Thema ethisch korrekte Kleidung zu äussern. C&A, Esprit und H&M werden als durchschnittlich bewertet.

Ist Fairtrade auch nachhaltig?

Viele Textilfirmen und Modehäuser verweisen stolz auf ihr Engagement in Sachen Bio-Baumwolle. Hinsichtlich des Aspektes der Nachhaltigkeit ist aber auch hier Vorsicht geboten, denn der Begriff bio ist bei Textilien – anders als bei Lebensmitteln – nicht umfassend geschützt und sagt auch nicht allzu viel über die Einhaltung von Sozialstandards in den Produktionsländern aus. Zwar gibt es Bio-Baumwoll-Labels wie jenes der Migros, die sich für einen umweltschonenden und sozialverträgnatürlichlichen Anbau stark machen. Über die Arbeitsbedingungen der Näher und Näherinnen sagen sie indes nichts aus.

Und wie sieht es bei Fairtrade Labels aus? In der Schweiz hat das Fairtrade Max-Havelaar-Gütesiegel einen Bekanntheitsgrad von 90 Prozent. Das Gütesiegel zertifiziert Produkte, die die von Fairtrade International festgelegten sozialen, ökonomischen und ökologischen Standards erfüllen und deren Einhaltung von unabhängigen Kommissionen kontrolliert werden. Nun glaubt man sich auf der sicheren Seite, ist es aber nur bedingt, denn über das Engagement eines Unternehmens hinsichtlich Nachhaltigkeit sagt das Fairtrade Label nichts aus, lediglich über das jeweilige Produkt.

Viele Konsumenten rechtfertigen ihren Griff zu billigen Textilien mit einem schmalen Portemonnaie. Dass nachhaltige Textilien, also ethisch saubere Kleidung, auch erschwinglich sein können, macht Switcher SA vor. Das Schweizer Textilunternehmen vertreibt die Marken Switcher und Whale und positioniert sich in der mittleren Preisklasse. Switcher gilt bezüglich seiner Unternehmenspolitik in Sachen Nachhaltigkeit als vorbildlich und erntet auch von der Clean Clothes Campaing Lob. Das Umdenken bei Switcher begann bereits 1992. Ausschlaggebend war der Umweltgipfel in Rio de Janeiro. Sechs Jahre später verpflichtete sich Switcher freiwillig der Wahrnehmung sozialer Verantwortung und gab einen verbindlichen Verhaltenskodex für seine Zulieferer heraus. Die Einhaltung der sozialen Richtlinien lässt Switcher durch regelmässige Kontrollen überprüfen. Auch Mitarbeiterbefragungen, in diesem Falle von Nähern und Näherinnen in den Produktionsländern, gehören dazu. Auch 1998 nimmt Switcher an einem Pilotprojekt der Clean Clothes Campaing teil. Als erste Schweizer Textilproduktionsfirma ist Switcher seit 2007 Mitglied bei der Fair Trade Foundation, der Organisation für faire Kleidung. Gisela Burckhardt von CCC ergänzt, dass die Firma Switcher eine der ersten Firmen war, die den Track and Trace-Code eingeführt hat. Dieser ermöglicht dem Kunden alle Produktionsstätten zurückzuverfolgen.

Stabile Beziehungen helfen

Etliche bangladesische Textilfabrik-Besitzer sitzen auch als Abgeordnete im Parlament. Aber nun scheint der Druck vom EU-Parlament und der EU-Kommission erste Wirkung zu zeigen, denn erstmals werden in Bangladesch Gewerkschaften zugelassen und es bleibt zu hoffen, dass somit in Zukunft die Interessen der Näher auch vor Ort besser vertreten werden können.

Wie Charles Vögele ist auch die Migros Gründungsmitglied der BSCI und will verantwortungsvollen Konsum fördern. Einen Schlüssel zum Erfolg sieht Coop bei langjährigen Geschäftsbeziehungen: «Bei der konventionellen Textilverarbeitung ist es üblich, dass der Auftraggeber laufend seine Produktionsstätten wechselt», erklärt Mediensprecher Urs Meier. «Wir hingegen setzen auf langjährige Geschäftspartnerschaften. Diese stabilen und zuverlässigen Handelsbeziehungen bilden in unser Produktlinie Naturaline die eigentliche Stärke und die Nachhaltigkeit dieses Projektes.» Faire Löhne bietet auch das Modelabel UNICA mit eigenen Geschäften in Basel, Zürich, Luzern und Altdorf. Es gehört zu Claro Fair Trade (vormals zu Caritas).

Das Moderad dreht sich schnell – was heute in ist, ist morgen out. Das Tempo in Sachen Nachhaltigkeit, sozialen und ethischen Standards hinkt da (noch) hinterher. Auch bleibt es für den Konsumenten schwierig, sich ein klares Bild über echtes Engagement, gut gemeinte Absichtserklärungen und PR-wirksame Augenwischerei der einzelnen Unternehmen zu machen. Zu gross und unübersichtlich ist die Anzahl der verschiedenen Initiativen, Labels, Standards und Zertifikate, die es rund um das Thema Fairtrade und Nachhaltigkeit gibt.

Foto: fotolia.com, iStockphoto

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