Artikel Leben :: Natürlich Online Eben wusst ich’s noch! | Natürlich

Eben wusst ich’s noch!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_06_2013 - 01.06.2013

Text:  Simon Libsig

Bereits die allerersten Menschen, auch wenn sie vielleicht noch Primaten glichen, wollten vor allen Dingen eins, nämlich ihre Daten sichern.

Informationen, wichtig und teuer für die Nachwelt, wurden in Geschichten gespeichert und ums Lagerfeuer nacherzählt oder gewandt mit der Hand auf die Höhlenwand gebannt. Ganze Anleitungen, mit Tierblut verewigt, wie man mit Anmut ein Mammut erledigt. Oder detaillierte Wegbeschreibungen: Wo geht’s lang zum nächsten Wasserloch.

Viel krasser noch waren die Ägypter mit ihren Hieroglyphen, die meisselten beflissen und speicherten ihr Wissen in hartem Stein. Später mochten es auch mal Tontafeln, Papyrus oder Lochkarten sein. Ja, wir wurden immer schlauer und erfindungsreicher auf der Suche nach dem Power-Erinnerungsspeicher: Das Alphabet, die Schrift, der Buchdruck, Fotografie, Diktiergerät, Video, Computer, das Smartphone. Flopy Disc, Dat, CD-Rom, Mini-Disc, Zip, USB, SD-Card, DVD, Blue-Ray, the cloud.

The Cloud! Ja, es scheint wir sind nun im Himmel angekommen, im Garten Eden, in dem wir Tag für Tag unsere Daten pflegen. Wir giessen sie mit immer neuen Gedanken, wir lassen sie spriessen und ranken auf riesigen Datenbanken, und sie florieren und treiben wunderbare Blüten und wir kopieren und kopieren, um sie hundert Jahre zu behüten.

Wir machen backups von backups von backups von backups, nichts soll mehr verloren geh’n, das haben wir uns geschworen, das haben wir so vorgeseh’n, und wer nicht speichert, den darf man an den Ohren nehm’n.

Unser modernes Leben wäre anders nicht mehr denkbar, storage, server, middleware, das stellt sich alles als Geschenk dar. Unsere Rechner rechnen sich für uns, und zwar tausendfach, unter ihrem Gehäuse geht’s ab wie im Taubenschlach, da flattern Millionen Informationen und sie finden geschwind ihre Destinationen. Das ist meisterlich!

Wie’s funktioniert, keine Ahnung, ich weiss es nicht, da bin ich strohdumm, ich weiss nur eins, ich bin sehr, sehr froh darum.

Eines aber, das muss ich Ihnen beichten: Seit wir all diese Möglichkeiten haben, spüre ich einen leichten ... äh ... Gedächtnisverlust. Es klingt vielleicht lächerlich, aber für mich ist’s ein Frust. Seit wir alles speichern und ablegen, wandert mein Gehirn leicht auf Abwegen. Ich kann nichts mehr behalten, das ist jetzt alles in der Cloud, als hätte ich schon Falten, als wäre ich alt und verstaubt. Es ist ja klar, wenn man die Fähigkeit, sich zu erinnern externalisiert, dass man diese Fähigkeit hier drinnen (tippt sich an den Kopf) nach und nach verliert. Und dem möchte ich entgegenwirken, diesen Lücken (tippt sich wieder an den Kopf), und zwar mit einer uralten Technik, nämlich mit Eselsbrücken.

Ich zeige Ihnen mal wie das geht. Nehmen wir beispielsweise an, Sie möchten sich merken wie der Hamster von Nils Holgersson heisst. Dann könnte Ihre Eselsbrücke die folgende sein:
1. Er ist ein Hamster.
2. Wie würde ein Amerikaner «Hämster» aussprechen?
3. «Hämster»
4. Was reimt sich einigermassen auf «Hämster»?
5. Gangster
6. Was kriegen Gangster, wenn sie erwischt werden?
7. Wasser und trockenes Brot.
8. Welches ist das trockenste Brot das es gibt?
9. Zwieback.
10. Was macht Zwieback?
11. Krümel!

Sehen Sie, so einfach ist das! Oder was ist das italienische Wort für «Gedächtnis»?
1. Was passiert, wenn man sich nicht erinnern kann?
2. Man wird wütend.
3. Und wenn man wütend wird, was möchte man dann?
4. Etwas kaputt machen.
5. Und wenn man etwas kaputt macht, dann?
6. Gibt es Scherben.
7. Welches Verb erinnert an «Scherben»?
8. Verscherbeln.
9. Wo werden Dinge verscherbelt?
10. Auf Ricardo.
11. Wie lautet die noch männlichere Form von «Ricardo»?
12. Ricordo!

Ist doch glasklar, oder? Lupenrein!
Ja und sonst, sonst geben Sie’s halt bei Google ein.

Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award – und hat mit «Auf zum Mond» auch ein wunderbares Kinderbuch herausgebracht. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch


Fotos: Rudolf Schuba / flickr / cc

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Tischlein rück dich

«Rico, bist du es?». Unser Autor Andreas Krebs wollte wissen, ob Verstorbene...

Kategorie:

Kategorie: Leben

Reisen bildet — manchmal sehr

Die Welt entdecken – Reisen hat die Menschen schon immer begeistert, ihnen...